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BLOG vom 26.08.2013


Die Osterluzei: Pflanze mit einem schädlichen Inhaltsstoff
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Nierenschäden und Krebs: So gefährlich sind Heilkräuter“, berichtete Focus Online vor einigen Tagen. Da wird über die Osterluzei (Aristolochia clematis) berichtet, welche das schädliche Pflanzengift Aristolochiasäure (AS) enthält. Die Schlagzeile suggerierte dem nicht Heilpflanzenkundigen, dass viele Heilkräuter schädlich sind. Erst kürzlich wurde der „Blümchentee“ mit bestimmten Heilkräutern in einer Schlagzeile präsentiert. In meinem Blog vom 16.08.2013 „Recherchen (7): Sind in Blümchentee schädliche Stoffe?“ wies ich daraufhin, dass in Folge von Kontaminationen bei der Ernte Nebenwirkungen auftraten, da die genannten Heilkräuter gar keine Pyrrolizidinalkaloide (PA) bilden. Die Wissenschaftler können sich den teilweise höheren PA-Gehalt nicht erklären. Nun wird weiter untersucht. Bin schon neugierig, ob dabei etwas Vernünftiges herauskommt.
 
Man hat den Eindruck, dass solche Meldungen, die immer wieder in der Presse auftauchen, von bestimmten Lobbyisten lanciert werden. Wer steckt dahinter?
 
Frank Hiepe gab mir seine Meinung in einer E-Mail vom 19.08.2013 kund. Er schrieb: „Manchmal hat man das Gefühl, die Pharmariesen, die chemisch-synthetische Arzneimittel herstellen, stecken hinter den für die Phytopharmaka negativen Untersuchungen, wie vor Jahren die Zuckerindustrie die angebliche Toxizität von Süssstoffen mit Versuchen, bei denen die 1000fache Dosis bei Tierversuchen eingesetzt wurde, beweisen wollte.“
 
Ich bin derselben Meinung. In der Tat werden durch solche Berichte Verunsicherungen beim Anwender erzeugt.
 
Der Huflattich rückte auch vor einigen Jahren in den Blickpunkt der Presseorgane und wurde an den Pranger gestellt. In Wirklichkeit hatte das Heilkraut nur geringe Mengen Pyrrolizidinalkaloide. Bei normalem Gebrauch sind jedoch keine leberschädigenden Wirkungen zu erwarten. Viele Produkte mussten vom Markt genommen werden. Die Hersteller reagierten: Sie verwenden heute alkaloidfreie Sorten für ihre Präparate. Da kann ihnen kein Lobbyist mehr ans Zeug flicken.
 
Nierenversagen, Krebs
Nun werde ich einmal klären, was an den Meldungen dran ist: Die schädliche Wirkung von AS ist definitiv erwiesen. In etlichen Beispielen werden die Vergiftungen eindrucksvoll beschrieben. So wird ein Fall aus Belgien von 1998 geschildert. Bei weitgehend gesunden 100 Frauen, die sich einem Diätprogramm unterzogen, versagten die Nieren nach einer längeren Einnahme einer Kräutermixtur. Bei 18 wurde eine Krebserkrankung diagnostiziert. In der Mixtur waren Beimengungen von Osterluzei. 2007 zeigte sich die Balkan-Nephropathie, die schon in den 1950er-Jahren beschrieben wurde. Auch hier wurden Nierenversagen und Tumore ermittelt. Die Erkrankungen wurden vorwiegend in ländlichen Gegenden in Kroatien, Bosnien, Serbien, Bulgarien und Rumänien beobachtet.
 
Forscher ermittelten die Vergiftungsursache. Es waren Samen der Osterluzei, die mit dem Mehl in Brot eingebacken wurden. Durch den regelmässigen Verzehr dieses Brots wurden die Konsumenten schleichend vergiftet (www.spiegel.de).
 
Dabei erinnert man sich auch an die Kontamination von Mehl mit Mutterkorn. Es kam zu Durchblutungsstörungen an den Extremitäten. Der Maler Pieter Breughel hat dies auf seinen Bildern oder am Isenheimer Altar eindrucksvoll dargestellt.
 
Weitere Vergiftungsfälle mit Osterluzei wurden in Asien bekannt. Etliche Tierversuche, die ich hier nicht erörtern möchte, wiesen auf die Schädlichkeit von AS hin.
 
Noch etwas zur Osterluzei. Sie ist eine typisch mediterrane Pflanze. Die fast meterhohe Pflanze hat einen biegsamen Stängel mit wechselständischen, oval-rundlichen Blättern, die durch eine runde Einbuchtung an der Basis herzförmig aussehen. Die 2 bis 3 cm langen Blüten mit gerader Röhre sind hellgelb. Die Blüte ist eine Fliegenkesselfalle.
 
Früher wurde die Osterluzei bei Geschwüren und Amenorrhoe (Nichteintreten oder Ausbleiben der Regelblutung) empfohlen.
 
Schon seit einiger Zeit weiss man, dass die Osterluzei 0,03 % Aristolochiasäue, Noraristolochiasäure und Magnoflorin enthält. Die ganze Pflanze ist giftig!
 
Vergiftungserscheinungen: Erbrechen, Krämpfe, Pulsbeschleunigung, Blutdrucksenkung, Tod im Koma durch Atemlähmung. Nach Untersuchungen der Firma Madaus an Tieren kann AS eine Tumorbildung auslösen, wenn 12 Monate lang 0,1 mg/kg Körpergewicht zugeführt wird. Auch wurde eine erbgutverändernde (mutagene) Wirkung festgestellt. Es besteht der Verdacht, dass die AS auch beim Menschen ähnliche Veränderungen auslöst.
 
Aus den genannten Gründen wurde der Vertrieb sämtlicher AS-haltigen Arzneimittel durch das Bundesgesundheitsamt 1982 verboten. In unseren Arzneimitteln  ist also gar keine AS. Das wurde in den Publikationen nicht erwähnt.
 
Was man jedoch beachten sollte, ist, dass in bestimmten Ländern entweder dieses Verbot nicht gilt oder die Verbote umgangen werden. Also keine Kräutermischungen, die nicht geprüft wurden, im Ausland kaufen. Auch wird vom Kauf von Heilkräuter und diversen Mischungen im Internet abgeraten. Dies betonte Christof von Kalle vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ).
 
Die gut untersuchten Heilkräuter kann man bedenkenlos in der Apotheke kaufen. Wie mir Apotheker Hiepe sagte, haben die Apotheker 2 Arzneiprüfungsinstitute, das Deutsche Prüfungsinstitut in Eschborn und das Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker in Frankfurt.
Die Drogenlieferanten haben meistens ihre eigenen Labors, bei denen auf Kontamination oder toxische Inhaltsstoffe geprüft wird.
 
Internet
 
Literatur
Aichele, Dietmar: „Was blüht denn da?“, Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 1991.
Baumeister, W., Menzel-Tetterborn, H.: „rororo Pflanzenlexikon“, Rowolth Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1969.
Roth, L., Daunderer, M., Kormann, K.: „Giftpflanzen, Pflanzengifte“, Nikol Verlag, Hamburg 2008.
Scholz, Heinz; Hiepe, Frank: „Arnika und Frauenwohl“, Ipa-Verlag, Mühlacker/Mühlhausen 2011.
 
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