Textatelier
BLOG vom: 26.09.2013

Der Verschleiss – wie der Zahn der Zeit an allem nagt

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Nach langem Gebrauch werden Anzüge fadenscheinig und fransen aus. Kupfer- und Silbermünzen werden, wenn sie von Hand zu Hand wechseln, abgegriffen, und die Prägung verflacht. Das sind Alterserscheinungen, die Gebrauchsartikel entwerten. Als Sammler bin ich darauf bedacht, Bilder, Bücher, Druckgrafik, alte Perserteppiche usw. so gut als möglich vor dem Nagezahn der Zeit zu schützen und so weit als möglich zu restaurieren. Dem Sonneneinfall ausgesetzt, verblassen die Farben. So gilt es, gewisse Schutzmassnehmen zu treffen.
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Wer lange lebt, wird von körperlichen Alterserscheinungen angerempelt. Sie lassen sich nur bedingt aufschieben. Die Haare werden weiss oder weichen einer Glatze. Da und dort beginnen Zähne zu wackeln und bescheren uns schliesslich mit Zahnlücken. Diese können überbrückt oder durch ein Teilgebiss ersetzt werden. Aufs Nüsseknacken verzichten wir.
 
Glück hat, wer eine starke Konstitution sein eigen nennt, der kann die Altersschwächen aufschieben. Ansonsten ist man auf den Märchenglauben angewiesen, dass uns das Alter nicht anficht.
 
Der sterbliche Mensch merkt nach und nach, dass seine körperliche Energie nachlässt, wenn der Gang schwerfälliger wird. Vor 30 Jahren habe ich den letzten Purzelbaum geschlagen.
 
Das alles nimmt man notgedrungen in Kauf. Wir trösten uns mit gutem Essen und einigen Gläsern Wein darüber hinweg. Der Feinschmecker Walter Hess hat mir den Weg gewiesen, wie in seinem kürzlichen Hinweis auf die segensreichen Wohltaten der Degustation. Unser Zwetschgenbaum hat dieses Jahr mit Früchten geknausert. So weiche ich auf Trauben aus. Lässt sich daraus eine Wähe backen?
 
Wenn wir im Vergleich mit anderen Leuten besser abschneiden und weiterhin ohne Stock gehen, ermuntert dies uns. Wir betreiben etwas Gymnastik. Das fördert den Blutkreislauf. Tägliche Spaziergänge kommen hinzu. Als „Lehrling-Herbalist“ meide ich soweit als möglich die Produkte der Pharmaindustrie und verschone mich vor unliebsamen Nebenwirkungen. Dank gebührt dem naturkundigen Heinz Scholz, dessen Ratschläge sehr beherzigenswert sind.
 
Vorgestern bestieg ich einen Klappstuhl und angelte nach einem schweren Buch im obersten Schaft meiner Bücherwand. Es kam, wie es kommen musste: Der Klappstuhl klappte zu. Ich stürzte auf den Teppich. Wer einmal schwimmen gelernt hat … Die Falltechnik verhinderte mich vor Schaden. Etwas betäubt rappelte ich mich hoch. Haarscharf vor der Tischkante hatte ich meinen Kopf eingezogen und rollte mich dank Ellbogenhilfe zur Seite. Der schwere Band traf bloss mein Bein. Ich entkam mit einem blauen Flecken. Ja, es waren die Märchen von Andersen gewesen. Zum Dank widmete ich ihm ein Blog.
 
Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn wir im Lokalteil der Zeitung die Todesanzeigen lesen. Für erfreulichere Lektüre besteht in meiner Bibliothek kein Mangel.
 
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Der Einstieg ins goldene Alter gelingt, wenn wir weiterhin unsere Steckenpferde reiten. Damit fällt man nicht vom Ross … Schon als Kind behalf ich mich mit Eselsbrücken, um Gedächtnislücken zu stopfen. Gestern, in der Metro, suchte ich den Namen eines Illustrators. Wie hiess er doch? Sein Name beginnt mit A. Algeciras fiel mir ein, auch Aquamarin. Nach 4 Haltestellen fand ich den Namen wieder: Alastair – und hämmerte ihn mir ein mit der Verbindung Allah und stair – Treppen auf Deutsch. Das wird mir haften bleiben. So gibt es auch Eselstreppen.
 
Im Alter wird man aus dem Pferdegeschirr der Pflichten befreit und kommt, im Gegensatz zu Pferden, in den Ruhestand. Auch er kann eine saftige Weide sein, wo sich Gedanken tummeln und Einfälle ausgelöst werden. Das gehört für mich zu den grössten Wohltaten des Alters. So bleibt man jung!
 
Gute Gesundheit allseits weiterhin!
 
Hinweis auf weitere Blogs zum Thema Alter
04.01.2005: Sind Altersheime eine Fehlkonstruktion?
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