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BLOG vom 21.10.2013


Sein und haben: Sprachlicher Umgang mit Vergangenem
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Sagt man nun: „Ich schlief diese Nacht gut“ oder: „Ich habe diese Nacht gut geschlafen“? Eine meiner Töchter konfrontierte mich dieser Tage mit dieser Frage, weil sie gerade in Kursen ihr Englisch aufpoliert und immer wieder auf Regeln stösst, die in der einen Sprache gelten, in der anderen aber undenkbar sind. So ist es in der englischen Sprache bei der Anwendung des Partizips I (Mittelwort, früher: Mittelwort der Gegenwart) möglich, eine Verbindung zu anderen Verben als haben und sein herzustellen, etwa auf -ing: I am reading = Ich bin am Lesen, oder kurz: Ich bin lesend (ich lese). In der deutschen Sprache aber kann man nicht sagen: Ich bin lesend. Diese 1 Vergangenheitsform, das Partizip I, kann im Deutsch nur als Attribut (Beifügung) zu einem Substantiv (Hauptwort) angewendet werden: eine wohlwollende Verkäuferin, die strickende Grossmutter. Das Partizip I wird also wie ein Adjektiv, das eine Eigenschaft kennzeichnet, verwendet.
 
Wegen solcher Unterschiede zwischen den verschiedenen Sprachen kommt es immer wieder zu peinlichen Übersetzungsfehlern, die zu Missverständnissen führen (und im Geschäftsleben mit hohen Kosten verbunden sein können). Dabei ist die deutsche Sprache an sich schon schwierig genug. Die nicht näher bestimmte Grundform oder Nennform (Infinitiv) des Verbs endet immer auf –en oder –n (suchen, kommen, sein). Der Infinitiv verbindet sich gern mit der Partikel zu: Ohne die Tür zu schliessen, verliess er das Haus. Zudem stehen eine ganze Serie von Abwandlungen zur Verfügung, wie die eingangs gestellte Frage aus dem Sektor der Veränderbarkeit der Tätigkeitswörter erahnen lässt:
 
-- Ich schlief; ich ging: Diese Aussagen gehören zum Indikativ = Wirklichkeitsform (damit werden wirkliche Handlungen oder auch Vermutungen beschrieben), zur Normalform gewissermassen. Jede Zeit hat eine Indikativform: Ich schlafe; ich gehe (Präsens = Gegenwartsform). Ich schlief; ich ging (Präteritum = Vergangenheitsform, ohne Bezug zur Gegenwart). Ich werde schlafen; ich werde gehen (Futur = Zukunftsform, also etwas, das aus der Sicht des Sprechers als bevorstehend, zukünftig beschrieben wird). Es wird gern in Texten ausserhalb des Journalismus angewandt, wenn etwas Vergangenes beschrieben wird (Schreibvergangenheit).
 
Neben dieser Normalform mit den verschiedenen Konjugationsformen (Abwandlungen, Beugungen) gibt es auch das Perfekt als 2. Vergangenheitsform. Aus guten Gründen: Manchmal kann man mit der Vergangenheit abschliessen. Sie ist perfekt, vollendet, besiegelt. Beispielsatz: Früher habe ich oft Berge bestiegen. Das heisst: Ich tue das nicht mehr; die Kletterei ist Vergangenheit. Ein Bezug zur Gegenwart ist immerhin noch inbegriffen.
 
Im Weiteren kann es immer wieder vorkommen, dass etwas geschah, was sich zeitlich vor dem ereignete, was in der Vergangenheit geschildert wurde. Beispiele: Ich hatte gut geschlafen, bevor dieser turbulente Tag anbrach.Er hatte gesagt ... Das ist der Plusquamperfekt = die Vorvergangenheit). Und dann gibt es noch die Vorzukunft (Futur II): Ich werde geschlafen haben. Nebenbei wäre noch der Passiv = Leideform (pati = erleiden) zu erwähnen: Es wird gesagt. Die deutsche Sprache ist also, wie man sieht, sehr nuancenreich.
 
Hier ein Überblick über die
 
Zeitformen des Verbs:
-- Präsens (Gegenwart): Er singt.
-- Perfekt (vollendete Gegenwart): Er hat gesungen.
-- Präteritum oder Imperfekt (Vergangenheit): Er sang.
-- Plusquamperfekt (vollendete Vergangenheit: Er hatte gesungen.
-- Futur I (Zukunft): Er wird singen.
-- Futur II (vollendete Zukunft): Er wird gesungen haben.
 
Selbstredend lassen sich Formen zu allen 3 Personen in der Einzahl (Singular, wie in den Beispielen) und in der Mehrzahl (Plural) bilden. Die Zeitformen des Perfekts, des Plusquamperfekts, des Futurs I und des Futurs II werden mit den Hilfsverben sein, haben und werden konstruiert.
 
In diesem Zusammenhang kommt mir meine Mitarbeit als Aargau-Korrespondent für die Schweizerische Depeschenagentur/Reuters in den 1970er- und 1980er-Jahren in den Sinn. Der zuständige Redaktor in Zürich, Herr Ulrich (ul), bat mich am Anfang meiner Agenturtätigkeit, vermehrt das Perfekt zu verwenden, wie es in der gesprochenen Sprache üblich ist: Ein schwerer Unfall hat sich ereignet (statt: ereignete sich); M. ist im 80.Lebensjahr gestorben (statt: Er starb im 80.Lebensjahr). Das Perfekt wirke bestimmter, glaubwürdiger als der Indikativ (zu lateinisch indicare = anzeigen) und sei für eine Presseagentur die angemessenere Form, was mir einleuchtete. Der Indikativ als Normalmodus dient für neutrale, sachliche Aussagen.
 
Das wird auch heute noch so gehalten. Die Basler Zeitung vom 15.07.2013: SMS-Schreiben am Steuer: Regisseur Werner Herzog hat mit Opfern und Tätern einen Dokumentarfilm gedreht.“ Gleichentags die NZZ: „Die Zahl der Toten beim Gewaltausbruch in Ägypten ist auf mehr als 400 gestiegen.“ Oder Focus online: „Nord- und Südkorea haben sich auf die Wiedereröffnung des gemeinsamen Industrieparks Kaesong geeinigt.“ Oder in einer Erzählung: Was haben Sie zu ihm gesagt?“ „Ich habe zu ihm gesagt, er soll um 18 Uhr wiederkommen!“ (Garry Disher, (*15.08.1949).
 
Ich musste also meinen Stil leicht modifizieren, was sich auch auf meine Tätigkeit ausserhalb des Agenturjournalismus auswirkte. Bevor ich (2002) pensioniert wurde, hatte ich Alex Bieli in die Geheimnisse der „Natürlich“-Redaktion einzuweihen, und wir führten bei dieser Gelegenheit viele ergiebige Diskussionen, gerade auch über sprachliche und stilistische Fragen. Er ist als ehemaliger Bezirksschullehrer und Erwachsenenbildner und Experte für gymnasiale und berufliche Maturitätsprüfungen (Deutsch, Englisch, Geschichte/Staatskunde) ein ausserordentlich sprachversierter Mensch und war an der Schaffung von 2 Bänden „Deutsch Kompaktwissen“ massgebend beteiligt (siehe „Quellen“). Alex sagte mir, ich müsse aufpassen, dass ich nicht durch eine Überstrapazierung des Perfekts in einen schwerfälligen, hölzernen Stil verfalle. Ich beherzigte diese Bemerkung (nicht: Ich habe diese Bemerkung beherzigt ... denn der Prozess, mehr Eleganz in die Ausdrucksweise zu bringen, dauert noch an).
 
Das Tätigkeitswort (Tunwort) hat als Zentrum des Satzes eine derart überragende Bedeutung, dass es sich tatsächlich lohnt, sich mit ihm gründlich zu befassen. Viele Verben geben Tätigkeiten, Handlungen an, aber auch Veränderungen, Verhältnisse, Beziehungen, sogar die Entwicklung von Zuständen: Ich bekomme immer mehr graue Haare.
 
Hinzu kommen die Hilfsverben sein, haben und werden, wenn sie zur Bildung von zusammengesetzten Zeiten oder des Passivs eines anderen Verbs gebraucht werden: Ich habe mein Portemonnaie vergessen. Das Tätigkeitswort haben dient in solchen Fällen in der Verbindung mit dem 2. Partizip der Perfektumschreibung: Ich habe etwas vergessen. Man bedient sich also einer sogenannten Satzklammer, laut Dudens PC-Bibliothek eine „Satzkonstruktion, bei der das finite (abgrenzende, bestimmende) Verb im Aussagesatz in zweiter, im Fragesatz in erster Position steht, während die infiniten Teile des Prädikats ans Satzende treten“. Die Klammerteile haben und vergessen stehen getrennt voneinander, obschon sie inhaltlich zusammengehören, somit einer Klammer bedürfen.
 
Ebenfalls mit haben oder sein wird das Perfekt mit dem Partizip Perfekt Passiv (Mittelwort der Vergangenheit) und einer Präsensform (Gegenwartsform) gebildet. Ein Partizip ist ein Mittelwort, das heisst, es nimmt eine Mittelstellung zwischen Verb (Tätigkeitswort) und Adjektiv (Eigenschaftswort) ein. Auch bei diesem Partizip existieren 2 Versionen:
 
œ Das Partizip Präsens (Mittelwort der Gegenwart). Beispiel: Er gab zögernd Auskunft. Somit drückt das Partizip Präsens die Gleichzeitigkeit einer Handlung mit einer anderen aus.
œ Das Partizip Perfekt. Beispiel: Er hat bei der Auskunft gezögert. Auch hier ist eine Handlung vollendet: „Ich habe mich darüber sehr geärgert.“ Oder: „Ich habe über eine halbe Stunde auf dich gewartet.“ Dieses Partizip II kann auch wie ein Adjektiv eingesetzt werden: eine verkaufte Braut, eine aufgeschnittene Wurst.
 
Wer darum ringt, einen Sachverhalt anschaulich zu Papier oder auf den Bildschirm zu bringen, kann nicht immer den Inhalt von Dutzenden von Grammatikbüchern vor seinem geistigen Auge aufschlagen. Zuerst einmal kommt das durch Übung erworbene Sprachgefühl zum Zuge, und wenn der belesene Schreiber dann spürt, dass ein Satzbau wie ein Lotterwerk wirkt, wird er in sich gehen und allenfalls ein Fachbuch zu Rate ziehen. Dennoch liegt die Antwort nicht immer klar auf der Hand; insbesondere nach den missglückten Rechtschreibreformen ist die Verunsicherung grösser denn je, und man spürt, dass die Sprache mit ihrer Grammatik keine sozusagen mathematische Grösse ist, sondern einen Ermessensspielraum offen lässt.
 
Sämtliche Blogs, die unter www.textatelier.com erscheinen, werden von meinem sprachbeflissenen Bruder Rolf P. Hess nach Unstimmigkeiten abgesucht. Sein logisches Denken bietet Gewähr, dass peinliche Fehlleistungen verhindert werden. Aber selbst diese Lehre vom folgerichtigen Denken steht oft vor verschlossenen Türen, weil sich die Sprache sozusagen als lebendiges Wesen mit dem Gebrauch und unter mannigfaltigen äusseren Einflüssen und Entwicklungen ständig verändert und anpassen muss. Deshalb führen Rolf und ich fast täglich E-Mail-Diskussionen über Formulierungen, die gewisse Fehlinterpretationen nicht ausschliessen, und wir ringen dann um klarere Ausdrucksweisen, ohne gegen die Zeitrechnung zu verstossen.
 
„Du weisch scho, was i meine“ („Du weisst schon, was ich meine“), lautet eine strapazierte Redensart, die in all jenen Fällen zum Zuge kommt, wo die sprachliche Ausdrucksfähigkeit an ihre Grenzen gestossen ist.
 
Unsere Nutzer ahnen sicher, was ich damit sagen will. Beziehungsweise: Was ich damit gesagt habe. Perfekt.
 
Quellen
Bieli, Alex; Fricker, Ruedi, und Lyrén, Katrin: „Deutsch Kompaktwissen“, Bände 1 und 2; h.e.p. verlag ag, Bern 2007.
Heuer, Walter: „Richtiges Deutsch“, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 1983.
Hoberg, Rudolf und Ursula: „Der kleine DUDEN. Deutsche Grammatik“, Dudenverlag, Mannheim, Leipzig, Wien und Zürich 1988.
Lexikographisches Institut Dr. Störig, München: „Knaurs Rechtschreibung“, Verlag Th Knaur Nachf München und Zürich 1973.
Schreiner, Kurt: „Deutsche Rechtschreibung und Grammatik“, Falken-Verlag, Niedernhausen D 1993.
 
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