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BLOG vom 22.10.2013


Vermeintliches Rollenspiel des Lebens. Sucht und Freiheit
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Es ist unmöglich zu wissen, warum sich eine Idee in uns einnistet und uns nicht mehr locker lässt. Man könnte meinen, sie komme vom schwächsten Punkt unseres Geistes her oder genauer vom bedrohtesten Punkt unseres Gehirns.
 
Leben ist eine Unmöglichkeit, deren ich nicht aufgehört habe, seit, sagen wir, 40 Jahren bewusst zu werden. (E. M. Cioran)
*
Langsam dämmerte es ihm, dass er nicht das tun konnte, was er wirklich wollte. Ein Drang, den er in sich verspürte, wie in einem Gefängnis. Ein Drang, der sich niemals, in seinem ganzen Leben, das jetzt bald ein halbes Jahrhundert dauerte, entfalten konnte. Er wollte das Leben nicht, das er jetzt führte. Er spielte eine Rolle darin. Längst hatte er erkannt, dass alle, die um ihm herum waren, eine Rolle spielten, nur dass eine grosse Anzahl davon der festen Überzeugung war, dass es keine Rolle war, sondern ihr echtes Leben.
 
Woher stammt diese monotone Vision, wenn doch die Übel, die sie veranlasst und bestätigt haben, so ausserordentlich verschiedenartig sind? Sie hat sie eben assimiliert und nur ihr Wesen bejaht, das allen gemein ist (E. M. Cioran).
 
Seit ihm sein Zustand gewiss war, dachte er täglich daran, ihn zu beenden. Viele Arten von Suizid hatte er bedacht, die Beschaffung der Materialien, die dazu erforderlich waren, die voraussichtliche Länge des Todeskampfes, den Ort und den Zeitpunkt des Geschehens, die Reaktion der Hinterbliebenen. Er sah darin immer weniger die Lösung.
 
Nach aussen hin war er ein rechtschaffener Bürger, sozial, eingegliedert, angepasst. Er behauptete sich in seinem Job, auch wenn ihm niemals in den Sinn kam, Karriere zu machen. Seiner Familie war er ein guter Ehemann und Familienvater.
 
Er funktionierte, konsumierte, partizipierte. Er war ein perfekter Schauspieler. Er war anerkannt, seine Kolleginnen und Kollegen wertschätzten ihn. Er war kollegial und erfüllte seine Pflichten auf seinem Arbeitsplatz. Mit seinem Vorgesetzen kam er gut zurecht, er zollte ihm Loyalität.
 
Nie fiel er negativ auf. Er war das Rädchen, welches das Getriebe reibungslos laufen liess. Er war das Puzzlestück, das das Ganze vollständig machte. Alles lief wie am Schnürchen, Probleme liessen sich lösen oder entstanden erst gar nicht. Ein glatter Ablauf.
 
Schrittweise über Jahrzehnte hinweg hatte er sich von Abhängigkeiten gelöst. Er gewann Abstand vom Elternhaus, das ihn vereinnahmen wollte. Er trat aus der Kirche aus, die ihm vorschreiben wollte, wie er zu leben hatte. Nur selten hatte er Kontakt zu seinen Geschwistern, zu Onkel und Tanten, zu Neffen und Nichten. Er hatte gerade so viele Freunde, wie es für ihn noch erträglich war und die ihm keine Zwänge aufgaben. Seine Eltern starben, zuerst die Mutter, dann der Vater.
 
Seine Frau wollte ihn so formen, wie sie sich ihren Partner wünschte. Er konnte so nicht sein. Mit der Zeit gab sie nach, und ihre Vorhaltungen wurden seltener. Er erkannte, sie würde ihn nicht verstehen, so wie er sie nicht ergründen konnte.
 
Niemand kann in einen anderen Menschen hinein sehen, so dachte er. Man konnte nur sehen, wie er funktionierte, nicht, ob er funktionierte, weil er aus tiefster Überzeugung so leben wollte. Wenn es anders war, war es nicht sichtbar, es blieb im Inneren verborgen. Es war die Rolle, die eben gespielt werden musste, die das Leben ihm auf den Leib geschrieben hatte.
 
Sie würde es nicht verstanden haben, hätte er wie aus einer Laune heraus seinen Wagen bei einer hohen Geschwindigkeit gegen einen Brückenpfeiler gesteuert. Sie dachte doch, sie kenne ihn, seine Gedanken, seine Begierden, seine Sehnsüchte, seine Wünsche. Sie wäre daran verzweifelt, hätte Schuldgefühle entwickelt, wäre psychisch daran zugrunde gegangen.
 
Die soziale Verpflichtung wog schwer auf seinen Schultern. Er befand sich mitten in einem Dilemma. Er fühlte sich gebunden, unfrei. Immer wieder hatte er im Pflichtgefühl gehandelt, er hatte sich verantwortlich gefühlt: Er war sozial eingebunden, im wahrsten Sinne des Worts, gefesselt. Die Fesseln schnitten und schmerzten ihn.
 
Er lebte mit diesen Gedanken, konnte sich niemanden anvertrauen. Er wusste, man würde ihn nicht verstehen.
 
Du hast doch alles, eine gute Ehe, Kinder, die einen Beruf gefunden haben. Keine finanziellen Verpflichtungen, einen guten Job. Was willst du mehr?
 
Ich will nicht mehr! antwortete er sich selbst in seinen Selbstgesprächen. Die Zweideutigkeit dieses Satzes fiel ihm auf. Er wollte nicht mehr von dem, was er hatte. Er wollte etwas anderes, er wollte dieses Leben nicht mehr. Nicht John Lennons Let it be im Sinne von Lass’ es geschehen, sondern im Sinne von Lass’ es sein, tue es nicht mehr, Gibs auf, im Sinne von Franz Kafka. Er wollte keine Lebensaufgabe, er wollte sein Leben nicht aufgeben.
 
Wir leben in einem freien Land, wir sind frei, war allenthalben zu hören. Wie verstanden die Menschen das Wort „frei“? Frei wofür, wozu?
 
In gewissem Sinne war er natürlich frei. Er konnte entscheiden, ob er sich etwas kaufen wollte, was er begehrte. Er konnte sich losreissen und für ein, zwei Wochen allein losziehen. Er konnte sich über das Gerede hinweg setzen. Er konnte ins Café gehen und einen Cappuccino trinken. Er konnte essen, was ihm schmeckte. Und einiges mehr.
 
Aber das war nicht das, was in seinem Inneren brodelte. Er wollte so wenig Verpflichtungen und Abhängigkeiten fühlen, wie es irgend möglich war. Das ging nur, wenn er alles aufgab, allein in die Welt zog, nur für sich selbst sorgte, niemanden als sich selbst Rechenschaft über sein Leben ablegen musste. Er wollte nur noch allein, für sich selber da sein. Er wurde aller menschlichen Kontakte überdrüssig.
 
Ob dieser unerfüllte Wunsch, dieses Verlangen in seinem Innern der Auslöser für seine Krankheit gewesen sein konnte, er wusste es nicht. Eines Tages stand er auf, aber nach dem Frühstück war er nicht mehr fähig, sich zu bewegen. Eine unsichtbare Kraft drückte ihn nach unten. Er konnte nicht mehr. Sobald das Telefon klingelte, bekam er eine Panikattacke. Seine Beine versagten, er konnte sich gerade noch in der Wohnung bewegen, an der Wohnungstür endete die Kraft. Nach einer Woche brachte ihn seine Frau zitternd und abstützend zu einem Psychiater, der ihn in eine Klinik einwies.
 
Es begannen Wochen des Zurückgezogenseins, vernebelt durch die Wirkung der Tranquilizer und Beruhigungspillen. Nach einiger Zeit war er fähig, an einer Gruppentherapie teilzunehmen. Er sprach von beruflichem Druck. Stress war das Lieblingswort des Therapeuten, die beruflichen Anforderungen unseres Wirtschaftslebens der heutigen Zeit, der Druck, Leistungen zu erbringen, waren in seinen Augen die Auslöser des „burn out“, wie er es nannte. Immer mehr Menschen waren davon betroffen, nicht nur aus der Wirtschaft, auch aus der Verwaltung und aus der Schule.
 
In der Klinik traf er viele, die ebenfalls an dieser Krankheit litten, aber auch viele Suchtkranke. Sie waren alkohol-, spiel-, sex-, tabletten-, konsum-, ess-, manchmal sogar rauschgiftsüchtig. Manche hatten sich so in ihre Arbeit geflüchtet, dass sie einen Zusammenbruch bekommen hatten. Andere waren gewalttätig geworden. Viele hatten die Flucht vor dem Dasein, das sie nicht mehr ertragen konnten, im Rausch gesucht und waren abhängig geworden. Die wenigsten erkannten, warum sie diesen Weg genommen hatten. Ihre Umgebung hatte ihnen eingeredet, dass sie schwach seien, charakterlos, egoistisch, eben Verlierer. Auch diejenigen, die wussten, warum sie so geworden waren, konnten sich nicht erklären, man hätte sie nicht für ernst genommen.
 
Er sprach von dem Gefühl der Sinnlosigkeit, das ihn überkam. Warum sollte er sich für ein Produkt krumm arbeiten, das es so ähnlich und sogar für weniger Geld schon mehrmals auf dem Markt gab? Ist Geld der einzige Ansporn für eine abhängige Tätigkeit? Montags schon auf den Freitag, auf das Wochenende warten? Und wieder spielte er die Rolle, die er spielen sollte. So tun, dass es so aussah, als wenn seine psychosomatischen Probleme von diesem angeblichen Aussendruck ausgelöst worden waren. Das gehörte auch zum Krankheitsbild, die Schuld dafür in der direkten Umgebung zu suchen. Sie konnte den Menschen nicht glücklich machen.
 
Sie galten als egoistisch, selbstsüchtig, asozial, gefühlsarm und gleichzeitig als unfähig, im täglichen Leben zu funktionieren. Freunde oder Partner, mit denen sie über den Druck der Beziehungen und Umstände sprachen, erklärten, so sei das Leben, niemand sei wirklich frei, sondern immer eingebunden. Der Mensch sei ein soziales Leben, und es käme darauf an, innerhalb der Gemeinschaft eine Rolle zu spielen und dadurch Befriedigung und Ansehen zu erreichen. Das sei biologisch so gewollt, ja sogar evolutionär. Sie, die Gesprächspartner, würden nicht verstehen, dass jemand das nicht akzeptieren könne, es verstehe sich doch von selbst, es sei selbstverständlich.
 
Das ist auch das, was Psychologen, Psychiater, Erzieher, sogenannte Seelsorger, Lehrer, selbsternannte Ratgeber vermitteln. Dass es nur eine Frage von Selbstsuggestion, Selbstüberzeugung sei, und das könne man sich antrainieren, sich einreden. Was bedeutet, sich selbst, bewusst oder unbewusst, einer Gehirnwäsche zu unterziehen, den eigenen Gefühlen nicht mehr zu vertrauen, ihnen abzuschwören.
 
Besonders Religionsgemeinschaften aller Art lehren das: Man entwickele ein Vertrauen in Gott, und schon könne man alle Wechselfälle des Lebens überstehen, das höhere Wesen beschütze und wisse, was gut für einen ist. Darin würde man Trost und Geborgenheit finden.
 
Viele Menschen sind überzeugt davon, sie schaffen es. Sie wissen nicht, dass sie sich ihr Leben lang selbst täuschen und meinen, sie seien glücklich und zufrieden. Man muss nur den Verführer in sich abtöten. Bei vielen Menschen funktioniert diese Verdrängung des inneren Drangs so gut, dass sie ihn nicht mehr in sich spüren. Und das Unbewusste bleibt unbewusst, ein Leben lang.
 
Es gehöre eben zum Leben, aufzuwachsen, zu lernen, einen Beruf zu ergreifen, einen Lebensgefährten zu finden, eine Familie zu gründen, Kinder zu zeugen und zu erziehen. Die Lebensmühle eben. Das will die Evolution von uns oder Gott oder das Leben oder die Gesellschaft oder die Lebensaufgabe.
 
Es ist schwer zu ergründen, warum so viele ein solches Leben leben, ohne psychisch krank oder süchtig zu werden. Auch sie haben manchmal solche Gedanken, von denen sie aber überzeugt sind, das es unrecht sei, sie zu haben, ja sogar Sünde. Dass sie sich schuldig machen, so zu denken. Denn sie füllen einen Platz im Leben aus, man braucht sie, als Vater und Mutter, als Partner, als Kind, als Mitglied in einer funktionierenden Gemeinde und als Bürger. Ausbrechen, abtauchen? Vergiss es! Unmöglich! Denk dran, es könnte dir noch viel dreckiger gehen, sieh doch nur in die Medien, wie die Menschen in Unterdrückung leben müssen. Uns geht es doch vergleichsweise gut!
 
Sind es die, die für richtig halten, was Esther Vilar schreibt?
 
Freiheit – die Möglichkeit der Wahl, sich zu binden oder zu lösen, verantwortlich zu sein, die Möglichkeit, auf eine bestimmte, selbst gewählte Weise zu sein – ist nicht denkbar. ‚Freiheit’ bezeichnet die ‚Lust an der Unfreiheit’, die wir nicht als Unfreiheit erkennen, im Unterschied zur vergangenen Unfreiheit, an der wir keine Lust mehr haben, weil wir gegen sie opponieren.
 
Niemand ist frei. Das heisst, wer nicht gerade ein Aussenseiter ist – und es gibt in diesem Sinne keine Aussenseiter – ist in keinem Augenblick seines Lebens wirklich frei.
 
Und so wird es viele geben, die so leben, wie es ihnen bestimmt ist. Und wenige, die Aussenseiter sein wollen, die damit nicht fertig werden, und die in Krankheit und Sucht flüchten. Ja, auch die Selbsttötung wird als krankhaft bezeichnet. Befreiung aus dem, was Heidegger In-die-Welt-geworfen-Sein nennt und damit die Existenz des Menschen auf den Punkt bringt.
 
Der Mensch unterscheidet sich vom Tier dadurch, dass er dies mit seinem Verstand erkennt. Nur dem Menschen ist es möglich, daraus zu flüchten. Sogar, wenn er die Zusammenhänge gar nicht erkennt.
 
Ein kraftvoller Antrieb, hervorgegangen aus den tiefsten Tiefen der Seele, wird jenseits der ‚Lebensmitte’ ausgelöst. Alle Hoffnungen darf derjenige hegen, der kühn zu altern versteht. Und vor allem die Hoffnung, endlich er selbst zu werden. (...), denn für diejenigen, die sich in die Unergründlichkeit des Lebens stürzen, erwächst daraus Kraft und Glück (Robert Poulet).
 
Unser Kranke hat einen Weg gefunden. Er war fähig gewesen, der Sucht zu widerstehen, denn er wollte nicht mehr abhängig sein, als er es schon war, jedenfalls so wie er es empfand. Er wartete geduldig. Als die Kinder auf eigenen Füssen standen, er, am Ende seiner beruflichen Laufbahn angekommen, finanziell unabhängig geworden war, entschloss er sich, in die Welt zu ziehen. Er sah und erlebte viel und stellte fest, dass es sich nirgendwo anders verhielt als dort, wo er herkam. Ja, die sozialen Bindungen und Verpflichtungen waren oft noch viel stärker und intensiver. Er sah, wie viele Rauschgiftsüchtige und Alkoholabhängige es dort und überall gab.
 
Er hatte viel Zeit, darüber nachzudenken. Der Wunsch der männlichen Bevölkerung früherer Zeiten, in den Krieg zu ziehen, war er nichts anderes, als der gefühlten Enge zu entfliehen? Galt das gleiche nicht auch für Abenteurer und Entdecker? Der inneren Unruhe nachzugeben und loszuziehen, war für viele Menschen die vermeintliche Lösung. Das Leben eines Taugenichts (Joseph von Eichendorff) führen zu können. Dafür gaben sie möglicherweise auch ihr Leben, denn auch das ist Befreiung.
 
Das sagte Immanuel Kant: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
 
Er bediente sich seines Verstandes und erkannte, dass das Leben nur einen irrationalen, nämlich evolutionären Sinn hat. Dass es darauf ankomme, mit dieser Erkenntnis zu leben und nicht daran zu verzweifeln. Dass die unbedingt Erfüllung des inneren Dranges auch ein Trugschluss sein kann. Dass das Leben Kompromisse fordert. Und dass der Sinn des Lebens im Leben selbst liegt. Dass das Leben, wenn nicht alle gewünschten, so doch viele Chancen offenhält, die es gilt, zu ergreifen, und sei es jenseits der Lebensmitte. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl von partieller Freiheit, und er wusste, die ganze Freiheit würde er nicht erreichen, ausser nach dem Tod. Doch diese Erfahrung konnte ruhig noch auf sich warten lassen.
 
Quellen
Cioran, E. M.: „Die verfehlte Schöpfung“, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt/M. 1981, 2.Auflage.
Poulet, Robert: „Wider die Liebe“, Ullstein-Buch, Frankfurt/M., Berlin,Wien 1981.
Vilar, Esther: *Die Lust an der Unfreiheit“, Caann Verlag, München 1971.
 
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