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BLOG vom 25.10.2013


Deponie Walterswil SO: Die Schöpflerbach-Verschönerung
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Auch Baugesuche haben etwas Aufmerksamkeit verdient, ob sie nun den Hoch- oder Tiefbau betreffen. Und so verreiste ich am Freitagvormittag, 18.10.2013, via Kölliken AG und Safenwil AG, wo die Hauptstrasse durchs Dorf kürzlich mit einem Flüsterbelag versehen wurde, nach Walterswil SO am Fuss des Engelbergs; dieser ist eine Antiklinale (durch Faltung erzeugte Aufwölbung) des Juras. Auch wenn dieses Walterswil früher als Pfarrdorf bezeichnet wurde und sich das Gemeindehaus in der Nähe der üppig ausgestatteten, 1839 eingeweihten Pfarrkirche Sankt Joseph befindet, war ich doch keinen Engeln auf der Spur. Mir ging es stattdessen um die Lektüre und das Planstudium innerhalb des Baugesuchs, dessen Auflagezeit soeben zu Ende ging. Es ist darauf angelegt, den kleinen, fast zugewachsenen Schöpflerbach von Giftcocktails bewahren. Finanzverwalterin Gabriela Dall’Osto empfing mich freundlich, überreichte mir die umfangreichen Dokumente und wies mir einen Tisch zu, auf dem ich die Pläne ausbreiten und studieren konnte.
 
Ich las über das im Zusammenhang mit der Grossdeponie Rothacker stehende „Sanierungsprojekt Abschirmung Schöpflerbach“ alles durch, machte mir Notizen von dem, was ich nicht wusste beziehungsweise was ich nicht bereits in einem der 3 bisher erschienenen Blogs zur Deponie Walterswil (siehe Links ganz unten) publiziert hatte. Die Deponie Walterswil steht gewissermassen in einer engen verwandtschaftlichen Bindung zur nahegelegenen Sondermülldeponie Kölliken SMDK, die sich portionsweise verabschiedet.
 
Noch andere Deponien
In Erstaunen versetzte mich eine Feststellung in einem aufliegenden Untersuchungsbericht aus dem Jahr 2011 aus dem Geotechnischen Büro Dr. von Moos AG in Zürich. Darin steht, dass die CKW (Chlorkohlenwasserstoffe, auch Halogenkohlenwasserstoffe) und die Zinkbelastung im Deponiesaft nicht von der Deponie Rothacker, „sondern von belasteten Standorten im Gebiet Engelberg und von der Deponie Chessel“ stamme. CKW sind fettlösliche Substanzen, die oft als Pflanzenabtötungsmittel eingesetzt werden, obschon sie in Verdacht stehen, krebserzeugend zu sein.
 
Der Hinweis auf andere Standorte bedeutet, dass neben der Grossdeponie im Gebiet des Walterswiler Engelbergs, wo nach dem Steinabbau die Landschaftsformen wieder hergestellt wurden, noch weitere Deponien vorhanden sein müssen. Im Rothacker wurden von 1973 bis 1977 allein von der Firma Strahm etwa 40 000 m3 Deponiematerial abgelagert, knapp 10 % des unbekannten Deponieinhalts. Die Erkenntnisse über das Giftdebakel scheinen sich also noch auszuweiten. Vieles bleibt allerdings im Verborgenen. Weil es sich hier um ein Karstgebiet mit vielen unterirdischen Höhlen und Gängen handelt, ist es fast unmöglich, die verschlungenen Fliessgänge des Wassers in der Unterwelt zu verfolgen. Das ist auch in vielen anderen Gebieten des Jura-Hügelzugs der Fall.
 
Brunnenvergiftung
Bekannt sind immerhin etwa 100 Kubikmeter Sickerwasser pro Jahr, was im Durchschnitt etwa 270 Liter pro Tag oder, abgerundet, 10 Liter pro Stunde entspricht. Davon sollen, wie ich in den Unterlagen gelesen habe, etwa 10 Prozent ins Grundwasser gelangen. Wenn man aus der Geschichte weiss, dass die gefürchteten Brunnenvergiftungen immer mit drakonischen Strafen geahndet wurden, weil sie das Lebenselement Trinkwasser zerstörten, wird man nicht leichtfertig über solche Gifteinleitungen hinweggehen. Zudem ist die wechselnde Zusammensetzung des Deponiesafts unbekannt; bei Untersuchungen beschränkt man sich auf Parameter, also auf Kenngrössen, die rudimentäre gewisse Hinweise geben.
 
Die aus der Deponie austretende Giftfracht, deren Parameter teilweise abnehmend und teilweise zunehmend sind (Nitrat, Nitrit, Nickel, Zink), ist mit dem besten Willen nicht mit der Verordnung über die Sanierung von belasteten Standorten (Altlasten-Verordnung, AltlV) vom 26.08.1998 (http://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19983151/index.html) in Übereinstimmung zu bringen. Somit musste die Deponie als „sanierungsbedürftig“ eingestuft werden („Dringlichkeit mittel“). Laut AltlV Art.2.2 bedeutet die Sanierungsbedürftigkeit: Sanierungsbedürftig sind belastete Standorte, wenn sie zu schädlichen oder lästigen Einwirkungen führen oder wenn die konkrete Gefahr besteht, dass solche Einwirkungen entstehen.“
 
Im Rothacker geht es darum, das Grundwasser im Malmtal an der Grenze zur Molasse (Sedimentgesteine) zu fassen und in die Abwasserreinigungsanlage (ARA) Kölliken abzuführen. Diese ARA war bereits überfordert, als man ihr den SMDK-Saft zuleitete. Die Frage, ob diese ARA mit der Deponiesauce als Walterswil fertig wird, steht in den Sternen, wo wahrscheinlich die Engel sind. Vom Kölliker Werkmeister wurde sie mir bisher nicht beantwortet; aber das kann ja noch kommen. In den Baugesuch-Akten wird diese wichtige Frage ausdrücklich ausgeklammert: „Hier müssen keine Umweltauswirkungen überwacht werden“ (Gutachten von Moos). Immerhin werde der Grundwasser-Abstrom, dessen Chemismus (womit wahrscheinlich die chemische Struktur mit den sich daraus ergebenden Stoffumwandlungen gemeint ist) sich in den letzten 14 Jahren wenig verändert habe, besser überwacht, insbesondere beim Kontrollschacht 35, der eine zentrale Funktion erfüllt.
 
Dass sich im Deponiekörper aber etwas tut, kommt auf andere Weise deutlich ans Licht, sprich: an die Luft. 20 bis 40 ppm (relative Massangabe, parts per million) Methan treten aus, ein farb- und geruchloses, aber gut brennbares Gas, das hier ebenfalls als flüchtiger Indikator dient. Bei Schächten, Bohrungen, Felswänden usw. sind die Methan-Werte erhöht. Man könnte das Gas in Walterswil, besonders bei den deponienahen Wohnhäusern im Ischlag, als Heizgas einsetzen ... als Beitrag zur Energiewende.
 
Die Deponiesanierung (Wiederherstellung geordneter Verhältnisse), wenn man ihr so sagen darf, beschränkt sich auf den Bau einer Sickerwasserleitung hangseits (nördlich) und parallel zum Schöpflerbach, der so in Zukunft von Deponiesäften verschont bleiben soll. Dazu wird ein 150 Meter langer, 3 bis 3.5 Meter tiefer Graben ausgehoben, in den dann ein PP-Sickerrohr (Polypropylen) von 30 cm Durchmesser verlegt wird. Das Rohr soll in einem Beton-Bett ruhen. Seitlich und weit oben werden durchlässige Geotextilien eingebracht, also eine Folienabschalung, und dazwischen wird mit Geröll aufgefüllt. Das Projekt wurde von Rothpletz, Lienhard + Cie AG, Aarau, verfasst.
 
Zweifellos wird das Schöpflerbächli von Giften entlastet werden – auch zur Freude der Firma Aquarius, Fischerei- und Umweltbiologie, Schnottwil SO. Das Bächlein erhält sogar einige Krümmungen (Mäander). Es ist eine nette, gefällige Kosmetik, schön fürs Auge, als ob man einem schwerkranken Patienten eine Fusspflege nach allen Regeln der Kosmetikkunst angedeihen liesse. Ein Aufsteller für die Zeit der Agonie, auch wenn weiter oben alles unverändert bleibt.
 
 
Hinweis auf die bisherigen Blogs über die Deponie Rothacker Walterswil SO
 
Hinweis auf die Beschreibung der SMDK im Textatelier.com
 
Hinweis auf Blogs zur Sondermülldeponie Kölliken
08.05.2006: SMDK Kölliken: Vom Gift-Schandfleck zum Vorzeigeobjekt
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