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BLOG vom 20.11.2013


Sprachbilder: Metaphern, Realität und hinduistisches Fest
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
 
Ein sprachliches Bild ist eine Metapher. Das Wort selbst ist eine Metapher, bezeichnete es doch bei den Griechen das Tragen eines Gegenstands von einem Ort zum anderen und wurde erst später in das Gebiet der Sprachbeschreibung übertragen. Die Metapher konstruiert Sichtweisen auf die Welt.
 
Wenn ich schreibe: Ein Mensch, im Herbst des Lebens, wartet auf den Frühling. Vergebens!, dann benutze ich Metaphern, denn die Jahreszeiten sind hier nicht wörtlich gemeint.
 
Mit Metaphern kann man jede Aussage bereichern und blumiger gestalten. Es besteht aber die Gefahr, dass sie nicht verstanden werden, da der Empfänger der Botschaft die Metapher nicht erkennt oder kennt.
 
Wenn ich von einer Sintflut schreibe, die z. B. nachdem einem Tsunami ein Land überschwemmt hat, denke ich an die biblische Geschichte mit der Arche Noah.
 
Wenn ich von einer babylonischen Sprachverwirrung schreibe, wie sie beispielsweise in einem Land anzutreffen ist, in dem die Einwohner viele unterschiedliche Sprachen sprechen, und die sich untereinander nicht verstehen, denke ich an den Turmbau zu Babel.
 
Bei beiden Beispielen nehme ich an, dass der Leser die Metapher versteht. Jemand ohne jede Bibelkenntnisse dürfte damit aber seine Schwierigkeiten haben.
 
Euphemistische Metaphern sind sprachliche Mittel, die häufig eingesetzt werden, um Aussagen zu beschönigen, zu verhüllen oder zu verschleiern.
 
Schon diese Definition ist eine Metapher; denn wenn ich z. B. Aussagen verhülle, müsste ich sie mit einer Hülle versehen können, was ich beispielsweise mit Kissenbezügen machen kann, aber nicht mit Wörtern. Ähnlich verhält es sich mit verschleiern. Ich kann aber nachvollziehen, was gemeint ist, z. B. wenn ich sage, dass mein Freund in den Hafen der Ehe eingelaufen oder ein Mensch von uns gegangen ist – das ist bildhaftes Sprechen.
 
Es ist interessant, zu beobachten, wie Journalisten in den Medien aller Art mit Metaphern umgehen. Sie werden feststellen, dass kaum eine Aussage oder ein Text ohne sie auskommt.
 
Den folgenden Satz habe ich in dem Buch von Richard Müller-Freienfeld mit dem Titel „Die Seele des Alltags“ (Achtung, Metapher!) – Eine Psychologie für Jedermann ‒ gefunden, das 1925 veröffentlicht worden ist.
 
Ein paar Zeilen weiter schreibt der Autor:Wie der Dschagarnathwagen der Inder geht sie (die Zivilisation) zermalmend hin über das Leben, und durch ihre Verheissung künstlicher, lebensentfremdeter Lustgenüsse vermag sie immer neue Individuen und ganze Generationen zu verführen, dass sie sich jauchzend unter ihre Räder stürzen und Leben gewinnen glauben, wo sie den Tod finden.
 
Der Autor klagt in Anlehnung an Oswald SpenglersDer Untergang des Abendlandes“ die Zivilisation als mechanisiert und lebensfeindlich und als Gegensatz zur sich ungeordnet entwickelnden Kultur an.
 
Beim obigen Satz handelt es sich um einen Vergleich, was aus dem Wort wie ersichtlich ist.
 
Die Grundaussage ist, dass die Zivilisation künstliche lebensentfremdete Lustgenüsse verheisst und dadurch Individuen und ganze Generationen verführt. Diese verfallen dem Hedonismus, werden zermalmt und sterben darin.
 
Der Vergleich bezieht sich auf ein Ereignis mit einem Fahrzeug bei den Indern. Um ihn zu verstehen, muss man darüber wissen, was es damit auf sich hat. Ein Wagen der zermalmt, weil sich Menschen unter seine Räder stürzen, was sie tun, weil sie das Leben gewinnen wollen.
 
Das klingt ziemlich abstrus, Menschen lassen sich überfahren, weil sie leben wollen, das ihnen Lustgenüsse verheisst. Ich denke an Selbstmordterroristen oder die Verführung durch Sektenführer zum Massenselbstmord, weil nach dem Tod ein erstrebenswertes Dasein winke, wie man meint.
 
Diese letztgenannten Vorkommnisse geschahen lange Zeit nach dem Schreiben des Buchs bzw. geschehen noch immer. Der Autor muss also auf in seiner Zeit aktuelle Ereignisse zurückgreifen. Er geht dabei davon aus, dass dem Leser der Dschagarnathwagen und die Geschehnisse darum bekannt sind.
 
Informationen darüber könnten durch die britische Presse verbreitet worden sein. Die Briten waren zu dieser Zeit die Kolonialherren in Indien. Die Briten, wie auch alle anderen, erwarteten von den Beherrschten eine Anpassung an die Normen und Gebräuche in Europa. Die Menschen lebten aber so weit wie möglich in ihrer Kultur und ihrer Religion weiter, die von den Europäern nicht verstanden wurde. Der Hinduismus ist in seiner Andersartigkeit von einem Europäer, der vom Christentum geprägt ist, absolut unverständlich. Das gilt auch für die hinduistischen Feste, die eine grosse Zahl von Gläubigen anziehen.
 
Richard Müller-Freienfeld bezieht sich in seiner Metapher auf ein solches Fest. Das Meyers Konversations-Lexikon(1888; Autorenkollektiv, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885-1892; 5. Band, Seite 171) schreibt darüber:
 
Dschagannath (Dschagarnat, nach engl. Schreibart Juggurnaut), bei den Hindu von der Wischnusekte Name der Seehafenstadt Puri in der britisch-ostindischen Präsidentschaft Bengalen, Provinz Orissa, nach Dschagannath, der populärsten indischen Gottheit, deren Thaten sich in der Nähe derselben vollzogen. Der Ort hat ein sehr gesundes Klima, zählt (1881) 22 095 Einw. und gehört zu den heiligsten Plätzen der Hindu. Das weitberühmte Heiligtum desselben bildet ein von einer 6 m hohen Steinmauer eingefaßtes Viereck, dessen Seiten 198, resp. 191 m lang sind. (...) Neben den täglichen (unblutigen) Opfern werden hier 24 hohe Festtage gefeiert; das grosse Ereignis des Jahrs ist aber das sogen. Wagenfest im Juni oder Juli, wo das Bild des Gottes auf einem 14 m hohen Wagen mit 16 Rädern von je 2 m Durchmesser im tiefen Sand von Tausenden von Menschen nach einem etwa 1  km entfernten Landhaus fortgezogen wird, eine Kraftanstrengung, die mehrere Tage erfordert. Zwei andre Wagen tragen die Bilder seiner Geschwister. Die Wagen werden dann wieder zurückgeschoben, und jedesmal begleitet ein wüstes Durcheinander von Musik, wildes Rufen der auf den Wagen stehenden Priester und das Geschrei der Menge die Handlung. Reis, in der Küche beim Heiligtum gekocht, wird verteilt und als Reinigungsmittel gegen die Sünden gierig genommen. In dieser Gemeinsamkeit der Nahrung hat die Volkstümlichkeit des Gottes und der mit seiner Verehrung verbundenen lokalen Feste ihren Grund. (...) Übrigens ist das Ziehen des Dschagannathwagens nicht auf Puri allein beschränkt, sondern weit verbreitet, wie ja auch der Dschagannathkultus kein lokaler, sondern ein allgemein indischer ist. Die gangbare Annahme, dass regelmäßig einige Andächtige sich in der Ekstase absichtlich unter die Räder werfen, ist dahin zu berichtigen, dass früher einzelne solcher Fälle vorkamen, dass solche Art des Selbstmordes aber gegenwärtig ganz ausser Gebrauch gekommen ist. Unglücksfälle kommen allerdings, besonders in Puri, bei dem fürchterlichen Gedränge von Teilnehmern am Wagenziehen alljährlich genug vor; die englische Regierung von Bengalen hat deshalb 1873 ihre Beamten angewiesen, die mechanischen Vorrichtungen für das Ziehen der Wagen zu überwachen und so die damit verbundene Lebensgefahr zu vermindern.
 
Vgl. Hunter, Orissa, Bd. 1 (Lond. 1872); E. Schlagintweit, Indien (Leipzig 1881).
 
Die Metapher, die Müller-Freienfeld benutzt hat, beruht also auf einer „gangbaren Annahme“ und beschränkte sich auf Einzelfälle.
 
Metaphern, ob sie sich auf wahre Ereignisse beziehen oder nicht, entwickeln eine Eigendynamik. Anthony Giddens ist ein 1938 bei London geborener britischer Soziologe. In seinem Buch Die Konstitution der Gesellschaft befasst er sich mit der Theorie der Strukturierung. Für Giddens ist das Bild des Dschagannath-Wagens geeignet, das Wesen der Moderne zu symbolisieren, wobei sich die Moderne auf Arten des sozialen Lebens und der sozialen Organisationen in Europa seit etwa dem 17. Jahrhundert beziehen. Giddens vergleicht die Moderne mit der Fahrt in einem Dschagannath-Wagen, einer enormen, leistungsstarken, nicht zu zügelnden Maschine, deren Route und Geschwindigkeit von den modernen Institutionen in der jetzigen Form nicht mehr vollständig kontrolliert werden können.
 
Giddens geht also einen Schritt weiter als Müller-Freienfels. Der Wagen zermalmt nicht mehr ganze Generationen, sondern ist nicht mehr zu stoppen. Die ursprüngliche Realität ist einem Bild gewichen, das damit nicht mehr viel zu tun hat.
 
Metapher-Anwendungen sind uralte Praxis
Vanessa Albus beschreibt in ihrem Buch Weltbild und Metapher: Untersuchungen zur Philosophie im 18. Jahrhundert ihren Bezug zur Metapher so: Sage mir, welche Metaphern du gebrauchst und ich nenne dir dein Weltbild.
 
In dieser Behauptung benutzt die Autorin wiederum eine Metapher, das Weltbild. Sie meint damit, jeder hat eine persönliche Vorstellung von der Welt, in der er lebt. Ob man diese benennen kann, ist für mich fraglich.
 
Kommunikation ohne Metaphern ist undenkbar, wir begegnen ihnen Tag für Tag, ohne dass sie uns immer bewusst werden. Das birgt aber auch die Gefahr, die Metapher nicht als sprachliches Bild, sondern als Realität zu sehen. Deshalb ist eine Sensibilisierung dafür, dass es sich bei der Aussage um eine Form der Metapher handelt, oft sinnvoll.
 
Quellen
Müller-Freienfels, Richard: „Die Seele des Alltags – Eine Psychologie für Jedermann“, Berlin 1925.
Spengler, Oswald: „Der Untergang des Abendlandes – Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte“, dtv München, 1972, Originalausgabe Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1923.
Giddens, Anthony: „Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der Strukturierung“, Frankfurt am Main 1984.
Albus, Vanessa: „Weltbild und Metapher: Untersuchungen zur Philosophie im 18. Jahrhundert“, Königshausen & Neumann, Würzburg 2001 Königshausen & Neumann, Würzburg 2001
Lübbe, Sascha: „Vertrauen ‒ ein modernes Phänomen: Anthony Giddens „Konsequenzen der Moderne und die Bedeutung von Vertrauensverhältnissen für die Organisation moderner Gesellschaften“, GRIN Verlag 2006.
 
 
Hinweis auf ein weiteres Blog über Metaphern von Gerd Bernardy
25.07.2013: Metaphern: Gedanken über Gedichte Rilkes und Flauberts
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