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BLOG vom 25.12.2013


Kirchliche und weltliche Messen: Schauveranstaltungen
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen D
 
Eine Messe ist eine zeitlich begrenzte regelmässig wiederkehrende Veranstaltung.
 
Zu Weihnachten dürfen katholische Priester 3 Mal hintereinander die Messe lesen. Das ist eine Ausnahme, in der Regel dürfen sie das nur 1 Mal am Tag tun. Natürlich dürfen die Düsseldorfer beispielsweise an diesem Tag auch 3 Mal in die Kirche gehen. Sie könnten aber auch am Weihnachtstag die Kirche und Anfang Januar die Messehallen und die „vivanti“, eine Modemesse für Kindermode, oder „die Boot“, die Internationale Bootausstellung, besuchen.
 
Sie meinen, das Eine habe mit dem Anderen überhaupt nichts zu tun? Weit gefehlt! Im Mittelalter war die Messe für die Gläubigen durch die in den Kirchen (kann man diese nicht auch „Messehallen“ nennen?) erfolgte Trennung vom zelebrierenden und feiernden Klerus durch eine Lettner genannte Schranke eine Schauveranstaltung. Nichts anderes sind die Wirtschaftsmessen in den Messestädten der Welt. Sie sind vor allem für das Fachpublikum gedacht. Dort werden die Waren in der Regel nur zur Schau gestellt und nicht verkauft. Auch wenn die Lettner in den Kirchen verschwunden sind, die kirchliche Messe bleibt eine Schau mit Akteuren in teuren Kostümen für das Publikum, das wie auch bei weltlichen Messen Anteil nehmen darf. Messen sind immer Orte, die das physische oder metaphysische Verlangen der Menschen befriedigen sollen. Die katholische Kirche nennt ihre Messen zur Unterscheidung „heilig“.
 
Die Namensgleichheit ist nicht nur auf diesen Vorgang beschränkt. Ist doch die – nennen wir sie einmal – „weltliche“ Messe, eine Veranstaltung mit Marktcharakter. Die „heilige“ Messe „dient“ keinem anderen Zweck. Die Kirchen wollen ihren Gläubigen ja auch etwas verkaufen.
 
Ich werde den Gedanken nicht los, dass das metaphysische Angebot der Religionsgemeinschaften nichts anderes ist als ein Markt zur Bedürfnisbefriedigung. Jede sich Kirche nennende „Firma“ will ihr Produkt verkaufen. Dazu dienen Hilfsmittel wie Lieder und Melodien, nicht anders als die bei Markenartikeln in Werbespots ablaufenden Musikstückchen, die den Erkennungsprozess für das Produkt beim Verbraucher einprägen sollen. In allen Kirchen erklingt Orgelmusik, und es werden Kirchenlieder gesungen. Sie sollen die Kunden in die Kirche locken und an sie binden. „Milka, die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt“, und das „Jesulein zart, dein Kripplein ist hart“ sind Erkennungsmelodien im Langzeitgedächtnis der Menschen, ebenso wie das „Haribo macht Kinder froh…“ oder das „Lieber Gott, mach’ mich fromm, dass ich in den Himmel komm’“ memorierbare Verse sind.
 
Es soll eine emotionale Bindung erzeugt werden, am Markenartikel und seinem Produzenten ebenso wie an die Kirche. Der Verbraucher soll glauben, das Produkt, die Dienstleistung, die er bekommt, sei genau das, was er für sein Wohlergehen brauche. Dadurch wird Macht auf die Menschen ausgeübt, so hintergründig, dass der überwiegende Teil der Verbraucher den Vorgang nie bewusst wahrnimmt. Es werden Schuldgefühle suggeriert, wenn der Kunde sich abwendet und etwa zur Konkurrenz geht. Das wird in Werbespots dargestellt und im Glaubenskanon der Kirchen manifestiert. Beides wird mit „Strafen“ belegt, wer das Produkt nicht (mehr) kauft, wird leiden; wer der Kirche den Rücken zukehrt, wird mit ewigen Höllenstrafen im Jenseits bestraft. Bei vielen Glaubensgemeinschaften ist ein Austritt faktisch unmöglich: einmal Katholik, kraft der Taufe immer Katholik; einmal Moslem, immer Moslem. Das ist vergleichbar mit Warenanbietern, die die Konsumenten „von der Wiege bis zur Bahre“ mit Waren oder Dienstleistungen versorgen wollen. Teilweise werden sogar Werbeelemente vermischt, man denke an den „Schutzengel“ einer Versicherungsgesellschaft, der „immer da ist.“
 
Vernünftiger Konsumverzicht ist nur möglich, wenn sich das Individuum loslöst von vermeintlich auferlegten Zwängen und Schuldgefühlen. Es wird dadurch oft zum Aussenseiter gestempelt. In Dörfern und auf dem Lande kann daraus immer noch die soziale Isolierung hervorgehen; das gilt sowohl für den Glaubens- wie den Warenkonsum. Als „Heide“ abgestempelt zu werden, kann ebenso bedrückend sein wie eine Ablehnung, weil man unmoderne Kleidung trägt. Die Anonymität in den Städten erleichtert Lebensauffassungen, die sich von der Masse unterscheiden, sobald aber Kinder vorhanden sind, wird es schwieriger, nicht im Strom mitzuschwimmen, da diese darunter leiden.
 
Nicht anders als im Kommerz werden auch den Kirchenmitgliedern finanzielle Mittel abverlangt. Die Dienstleistungen der Kirchen müssen natürlich bezahlt werden, wie diejenigen in der freien Wirtschaft auch.
 
Die Kritiker an den Waren- und Dienstleistungsbranchen werden allerdings zahlreicher, auch wenn das in manchen Bereichen noch nicht erkennbar ist. Wenn ich mir die Tageszeitung ansehe, wird dem Konsum immer noch der überwiegende Platz eingeräumt, sei es, den Leser auf bestimmte Warentrends einzustimmen, sei es, kirchliche Vorgänge überwiegend positiv darzustellen. Natürlich sind auch die Medien den führenden Kräften in Wirtschaft und Kirche verpflichtet, auch wenn sie immer betonen, sie berichteten unabhängig.
 
Auswüchsen soll „aus Fürsorgepflicht der Bevölkerung gegenüber“ Einhalt geboten werden. Das soll durch die staatlichen Verbraucherschutzvereine und Stellen, die sich etwa mit den Sekten beschäftigen, gewährleistet werden. Es gilt aber von staatlicher Stelle ein „Neutralitätsgebot“. Dabei kann von Neutralität des Staates gegenüber der Wirtschaft und den Kirchen keine Rede sein, die Verflechtungen sind zu eng. Dem Einfluss der Wirtschaft wie auch der grossen Kirchen kann sich kein Politiker entziehen. Schliesslich sorgen sich politische Stellen um das Wohlergehen der Kirchenmanager, in dem sie die Kirchensteuer einziehen und weiterleiten.
 
So ist es nicht verwunderlich, dass der Tatsache, dass mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland den kirchlichen Organisationen den Rücken gekehrt hat, in der durch Politik und Medien repräsentierten Öffentlichkeit keinerlei Rechnung getragen wird. Etwa 2 Drittel sind zwar noch Mitglieder von Weltanschauungsorganisationen, aber ein Grossteil davon eher passiv, weil die Anspruchnahme von Dienstleistungen wie kirchliche Trauungen und Beerdigungen angeblich „einfach zum Leben dazu gehören“.
 
Wie ich in einem vor wenigen Tagen erschienenen Text bereits beschrieben habe, sind wir alle „Konsumenschen“, wie ich uns genannt habe. Messen sind ein „Schaufenster“ für diesen Konsum, ob es sich nun um „heilige“ oder Waren- und Dienstleistungsmessen handelt. Zu wünschen ist, dass es immer mehr kritische Verbraucher gibt, die erkennen, wie sie manipuliert werden und die sich dem – soweit wie irgend möglich – entziehen.
 
Hinweis auf das Konsum-Blog von Richard Gerd Bernardy
01.12.2013: Ideen über „Konsumenschen“: Macht Konsum glücklich?
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