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BLOG vom 25.01.2014


Live is Life – Nanananana: Elektronikmedien und Spontanes
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Wie fehlerlos müssten doch alle Völker dieser Erde sein, wenn aus den millionenfachen Fehlern die nötigen Lehren gezogen worden wären. Doch offenbar sind Fehler da, um sie zu begehen und nicht, um aus ihnen zu lernen. Die englische Redensart You live and learn umfasst Vorbehalte: Wie soll man auch, wenn das Lernen verpönt ist und stattdessen Fehler kultiviert werden.
 
Diese Kultivierung von Fehlern ist gerade bei Radio und Fernsehen ein vermeintliches Mittel zur Quotenverbesserung, was natürlich auf einem Denkfehler beruht. So werden zum Beispiel Versprecher und andere Pannen zu ganzen Sendungen zusammengeschnitten, weil ja Irrungen und Wirrungen so menschlich und soooo lustig sind und dadurch also die Mikrofon- beziehungsweise Kameraakrobaten soooo publikumsnah werden und auf ihrer Berühmtheitsskala wieder um eine Einheit aufsteigen können (meinen sie jedenfalls).
 
Diese Sendungen sind nicht live, sondern sie wurden sorgfältig vorbereitet, zusammengeschnitten und kombiniert. Nur die dafür verwendeten Sequenzen sind meistens aus Live-Sendungen extrahiert. Und solche Live-Sendungen sind nach Ansicht der Radio- und Fernsehmacher die Filetstücke, die sie ihrem Publikum anbieten.
 
Das einsame Adjektiv „live“ steht (laut Duden) für „direkt, original", auch für „unmittelbar, in realer Anwesenheit, persönlich". Das Zauberwort wird denn auch gern auf dem Bildschirm eingeblendet, als ob es ein Qualitätsmerkmal sei. Und man entschuldigt sich beinahe, wenn zum Beispiel ein Beitrag vor der Ausstrahlung aufgezeichnet werden musste, weil der Interviewte bereits anderweitig im Einsatz ist.
 
Vorgängige Aufzeichnungen bergen die Gefahr in sich, dass sie geschnitten und damit verändert wurden, wogegen nichts einzuwenden wäre, wäre dies einfach zur Qualitätsverbesserung und nicht in böser Manipulationsabsicht geschehen. Doch sind auch die Live-Sendungen nicht vor Eingriffsmanipulationen gefeit; nur erlebt der Hörer oder Seher diese pseudo-live mit. So werden etwa Diskussionsvoten abgeklemmt, wenn ein Referent etwas Unangenehmes, Tabuisiertes sagt oder wenn er gar ein paar komplexe Zusammenhänge aufzeigen und erläutern will. Das Publikum wird als dumm betrachtet, würde also ohnehin nichts verstehen.
 
Eine interessante Auseinandersetzung ist nicht möglich – und jene Moderatoren, die sich am liebsten selber hören, können sich immer auf die ihnen nur beschränkt zur Verfügung stehende, also fehlende Zeit berufen. Auch diese engen Zeitlimiten für wesentliche Diskussionen sind ein bemerkenswertes Phänomen für die elektronischen Medien, die im Übrigen aber den Dampfplauderern vom Dienst jede Menge Zeit einräumen. Sie vermitteln oft den Eindruck, sie müssten mit ihrem Dauergeplapper Lücken ausfüllen, wie sie sich im Zeiten-Gang in den Studios immer wieder auftun. Das Wort Zeitvertreib trifft die Sache genau.
 
Zu dem kurz geschorenen Live-Erlebnis bei Diskussionen gehört die Unsitte, dass es absolut verpönt ist, eine Textpassage vom Blatt abzulesen, um damit ein Zitat absolut korrekt wiederzugeben, damit die Diskussion auf gesicherten Grundlagen fortgesetzt werden kann. Die Teilnehmer werden verknurrt, alles aus dem eigenen Kopf herauszuholen, auch wenn sich darin Erinnerungslücken oder ein Durcheinander eingestellt haben. Das führt bei den Live-Diskussionen dazu, dass die Argumentationen unpräzise und oft geradezu falsch sind, was selbstredend bei den üblichen politischen Verdrehungskünsten zu verheerenden Resultaten führt. Es kann nicht mehr ausgemacht werden, ob ein Teilnehmer sich nur verheddert hat oder bewusst Lügen von sich gibt, oder ob er Lügen in Gestalt von Erinnerungslücken auffahren lässt.
 
Das Spannende, das Unmittelbare, das Echtzeit-Erlebnis, das eine Livesendung auszeichnen sollte, wird dadurch zu Rhetorikmüll abgewertet, der nur noch verunstaltend in der Landschaft herumliegt und zum Gang der Dinge nichts Weiterführendes beitragen kann – im Gegenteil: ein Hindernis ist.
 
Ich erinnere mich an eine SRF-Live-Sendung, bei welcher aus Kölliken AG über die Geschichte und den Zustand der Sondermülldeponie (SMDK) berichtet wurde (24.02.2009). Ihr ging ein kurzes Vorgespräch voraus, so dass man sich geistig etwas vorbereiten konnte. Als dann alle Mikrophone und Kameras in Aktion waren, fragte mich die lebenswürdige Moderatorin Sabine Dahinden, eine übrigens angenehme und gut vorbereitete Person, etwas ganz anderes als wir vorbesprochen hatten. Ich hatte mich einfach darüber auszulassen, wie es denn möglich gewesen war, dass ich als Redaktor am damaligen (rechts-)bürgerlichen „Aargauer Tagblatt“ jahrelang ungestraft über die unhaltbaren Zuständen bei der Industrieabfall-Ablagerung im Suhrentaler Grundwassergebiet berichten durfte. Die Frage kam unverhofft, war aber nicht allzu schwierig zu beantworten: Die Zeitung war von Toleranz geprägt, verlangte aber eine präzise Berichterstattung auf der Grundlage untadeliger Recherchen (im vorliegenden Fall unternahm ich zahlreiche persönliche Feldbegehungen und kratzte alle verfügbaren Dokumente zusammen).
 
Der Überraschungseffekt, den die spontane Frage bei mir auslöste, mag zur Authentizität im Sinne von Echtheit und Glaubwürdigkeit beigetragen haben, und ich glaube auch, dass mir Frau Dahinden einen Dienst erweisen, mich in ein möglichst vorteilhaftes Licht rücken wollte. Aber die Gefahr ist in solchen Lagen nicht von der Hand zu weisen, dass die Antwort oberflächlicher hätte ausfallen müssen, wenn ich weniger intensiv mit den seinerzeitigen Geschehnisse vertraut, weniger involviert gewesen wäre.
 
Die Fernsehmacher wollen Spannung, attraktive Sendungen und damit Aufmerksamkeit und Quote (Druckmedien tun dasselbe mit ihren Schlagzeilen). Das ist begreiflich. Und so will ich denn auch kein Plädoyer für die Langeweile und die Langeweiler abgeben. Doch wenn es um Wesentliches, Entscheidendes wie brisante, folgenreiche politische Auseinandersetzungen und um Faktentreue geht, dürfen keine Konzessionen ans Bedürfnis nach Unterhaltung und leichtem, oberflächlichem medialem Sein gemacht werden. Gründlichkeit, von Sachkunde getragen, ist das oberste Gebot, auch im Interesse der politischen Weiterbildung für Demokraten, und das müsste auch die Möglichkeit einschliessen, einmal eine für eine Sendung vorgegebene Dauer zu überschreiten. Bei Thomas Gottschalks weltbewegenden Auftritten („Wetten, dass ...“) war dies seinerzeit noch gestattet, und es wurde geradezu als Auszeichnung für eine Sendung empfunden, wenn damit zeitliche Limiten gesprengt werden durften. Das Hinwegsetzen über starre Programmpläne im Einvernehmen mit der Regie, die das wahrscheinlich eingeplant hatte, erhob die Stars zur Gottähnlichkeit, wertete eine Sendung auf.
 
Die elektronischen Medien müssen ihre Klischees aufweichen und die Verschnürungen der steifmachenden Korsetts etwas lösen. Dann könnte man sich wieder etwas freier bewegen und auf diese Weise die unverdrehte Substanz hinter den versteiften Miedern besser finden. Falls sie dort überhaupt vorhanden ist.
 
 
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