Textatelier
BLOG vom: 30.01.2014

Gläubige Computer bestätigen Kurt Gödels Gottesbeweis

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
Ob es die Vertreter der Religionsgemeinschaften gefreut hat? Da setzen sich Wissenschaftler der Freien Universität Berlin und der Technischen Universität Wien zusammen und überprüfen eine von Kurt Gödel (1906‒1978), einem österreichisch-amerikanischen Mathematiker und bedeutenden Logiker, mathematisch aufgestellte Beweiskette in formaler Logik über den Beweis Gottes und finden mit Hilfe des Computers heraus, dass die Beweiskette schlüssig ist.
 
Bertrand Russell schreibt in seinem Werk „Philosophie des Abendlandes“, dass die modernen Theologen davon abgekommen seien, Gottesbeweise aufzustellen. Heutzutage wird eher der Irrationalismus vertreten, nach dem die menschliche Vernunft nicht ausreiche, um eine hinreichende Erkenntnis der Welt zu erlangen. Dementsprechend könne man nur glauben, aber nicht wissen und Gott danken, dass man „in der Gnade“ sei, zu glauben.
 
Gottesbeweise haben eine lange Geschichte. Plato, Aristoteles, Anselm von Canterbury, Thomas von Aquino und Leibniz sind nur einige Namen von Personen, die sich darüber den Kopf zerbrochen haben.
 
Und deshalb gibt es laut Leibniz nicht nur eine Denkrichtung, sondern 4:
 
1. die ontologische, also vom „Sein“ ausgehend;
2. die kosmologische;
3. die aus der ewigen Wahrheit und
4. die von der Zweckmässigkeit abgeleitete.
 
Der ontologische Beweis geht von dem Unterschied zwischen Existenz und Essenz aus. Alles, was wir sehen und anfassen, hat eine Existenz, ausserdem bestimmte Eigenschaften, die ihr zugehören, die „Essenz“. Das ausserirdische Filmwesen E.T. existiert nicht (ausser als Erfindung im Film), aber ihm wird Essenz beigemessen: Melancholie, Sehnsucht („nach Hause“), logisches Denken, usw.
 
Diese Begriffe tauchen in der Logik von Gödel wieder auf: Eine Übersetzung von Gödels Beweisskizze (in der Version des Gödel-Schülers Dana Scott) aus der formalen Logik in die natürliche Sprache:
 
Annahme 1:
Entweder ist eine Eigenschaft oder ihre Negation positiv.
 
Annahme 2:
Eine Eigenschaft, die notwendigerweise durch eine positive Eigenschaft impliziert wird, ist positiv.
 
Theorem 1:
Positive Eigenschaften kommen möglicherweise einer existenten Entität zu.
 
Definition 1:
Eine gottähnliche Entität besitzt alle positiven Eigenschaften.
 
Annahme 3:
Die Eigenschaft, gottähnlich zu sein, ist positiv.
 
Schlussfolgerung:
Möglicherweise existiert Gott.
 
Annahme 4:
Positive Eigenschaften sind notwendigerweise positiv.
 
Definition 2:
Eine Eigenschaft ist Essenz einer Entität, falls sie der Entität zukommt und notwendigerweise alle Eigenschaften der Entität impliziert.
 
Theorem 2:
Gottähnlich zu sein, ist eine Essenz von jeder gottähnlichen Entität.
 
Definition 3:
Eine Entität existiert genau dann notwendigerweise, wenn all ihre Essenzen notwendigerweise in einer existenten Entität realisiert sind.
 
Annahme 5:
Notwendigerweise zu existieren, ist eine positive Eigenschaft.
 
Theorem 3:
Gott existiert notwendigerweise.
 
Die oben genannten Wissenschaftler haben mit dieser logischen Kette (das Theorem) ihren Computer gefüttert. Der Rechenprozess hat bewiesen, sie ist schlüssig und widerspruchsfrei.
 
„Zudem konnten die Wissenschaftler zeigen: Die nicht triviale Beweisführung kann vom Computer grösstenteils vollautomatisch erzeugt werden. Das hatten die beiden Wissenschaftler nicht erwartet. Jenseits des Einsatzes von Theorembeweisen in der Philosophie und Mathematik könnten solche Systeme in der Zukunft bei Dialogsystemen eingesetzt werden, so dass Computer menschliche Argumentationsmuster verstehen und sogar ergänzen können.“
 
Die Beweisführung ist selbstverständlich komplizierter als die induktive Verallgemeinerung, die wir alle kennen:
 
Annahme 1: Opa und Oma sind gestorben.
Annahme 2: Opa und Oma waren Menschen.
Schlussfolgerung: Alle Menschen sind sterblich.
 
Viele Menschen leben nach dieser Logik:
Ich will meine Schmerzen loswerden. //
Ich spüre keine Schmerzen, wenn ich viel Schnaps trinke. //
Schnaps ist gut gegen Schmerzen.
 
Man denke an den Ausspruch: „Da hilft nur Beten!“ oder andere Behauptungen.
 
Die Wissenschaftler haben sich darüber gewundert, dass der Computer Begriffe wie positiv, notwendigerweise, möglicherweise und zukommen mathematisch „verarbeiten“ konnte und ein Ergebnis errechnet hat. Der Computer „verstehe“ menschliche Essenzen!
 
Ich bin nicht der Meinung, dass die Annahme 5 zutrifft!
 
Logik hin oder her, ein Gottesbeweis ist das trotzdem nicht. Wie realistisch und sinnhaft ist es denn nun, wenn ich behaupte, wenn eine Essenz positiv ist, ist die zugehörige Existenz es auch? Wenn also das Heimweh von E.T. positiv ist, beweist das dann seine Existenz oder seinen Heimatplaneten?
 
Die Argumentationskette ist natürlich korrekt, genau so, wie Schnapstrinken gegen Schmerzen hilft!
 
 
Quellen
Russell, Bertrand: „Philosophie des Abendlandes“, Lizenzausgabe des Europaverlages Wien 1978, S. 595.
 
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