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BLOG vom 06.02.2014


Liebeshandel: Wie sich Markus aus der Klemme rettete
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Nach dem Abendessen bezogen Markus und die Familie Patel ihre Logenplätze im „Old Vic“ in London. Markus sass neben seiner Freundin Kuntal, und die Oper „Xerxes“ von Georg Friedrich Händel begann. Markus gewann dieser Oper – Opern überhaupt – wenig Geschmack ab. Sachte senkte sich sein Kopf vornüber. Zuerst döste er, ehe er den Schlaf fand. Sein Schlaf jedoch wurde wiederholt gestört, als ihn Kuntal mit dem Ellbogen stupfte. Das ärgerte ihn. Nach der Vorstellung erwartete sie der Chauffeur. „Ich gehe lieber zu Fuss“, empfahl sich Markus eher hastig und verdankte die Einladung.
 
Das Paar kannte sich seit einem halben Jahr. Mit ihren 27 Jahren war Kuntal 3 Jahre älter als er. Während des Essens hatte ihn Herr Patel, so schien es ihm, auf eine gerissene, ja suave (weltmännische) Weise ausgehorcht. Markus beantworte seine Fragen recht zurückhaltend, darauf bedacht, seine Privatsphäre zu wahren. Patels Fragen deuteten darauf hin, dass er mehr über ihn wusste, als er durchblicken liess. Vielleicht wollte er seine Tochter rasch unter die Haube bringen, ging ihm durch den Kopf. In indischen Familien ist eine 27-jährige Tochter schon auf dem „Abstellgeleise“.
 
Wochen verstrichen, als ihn Kuntal im Namen ihres Vaters zu einer Party einlud, der sich Markus nicht entziehen konnte. „Mein Vater gibt viele Partys“, flocht Kuntal ein, „das gehört mit zu seinen gesellschaftlichen Verpflichtungen.“ Markus wusste, dass Herr Patel einen lukrativen internationalen Import-Export-Handel betrieb.
 
So erschien Markus zu diesem Anlass im Londoner Stadtteil Mayfair. Viele der anwesenden Damen waren mit glitzerndem Goldschmuck behangen. Kuntal war ebenfalls sehr aufgeputzt. Markus und Champagner machten die Runde. Herr Patel stellte ihn als „lieber Freund meiner Tochter“ vor. Das war Markus nicht ganz geheuer. Wurde er als Schweizer eingeseift? Sein Land wurde in den Himmel gepriesen. Markus fühlte sich als Mittelpunkt umzingelt. Ein älterer Herr bemerkte leichthin, dass sein Freund eine Zweigstelle im Ausland eröffnen wolle, am liebsten in der Schweiz.
 
Jetzt roch Markus wirklich die Lunte und fragte sich: War diese Einladung als Vorspiel zu einer Verlobung mit Kuntal gedacht? Dieser Verdacht schlug ihm auf den Magen. Nach einer halben Stunde wollte er sich empfehlen. Herr Patel klapste ihm besorgt auf den Rücken und sagte: „Das werden Sie mir gewiss nicht antun, denn Sie sind heute unser Ehrengast!“ Markus sah ein, dass er nicht einfach kneifen konnte und verzögerte seinen Abschied um eine gute Stunde. Kuntal schmollte und sagte, das sei ein Verstoss gegen die Sitten ihres Landes. Sie dürfe das nicht so auffassen, versicherte er ihr, und liess sich nicht länger aufhalten.
 
Wie konnte er sich aus dieser Patsche helfen? fragte er sich besorgt. Anderntags telefonierte er Kuntal mit der Absicht, „Missverständnisse zu klären” und lud sie zum Essen in bekanntes Curry-Restaurant ein. Aber Kuntal erschien nicht allein, sondern wurde von ihrem Vater begleitet. „Bevor Sie etwas sagen, möchte ich Ihnen einen Vorschlag unterbreiten”, begann dieser verhalten und schlug ihm vor, die geplante Niederlassung in der Schweiz zu übernehmen, verbunden mit einem Aktienanteil im Familienunternehmen, hinzufügend: „Ich gehe von der Annahme aus, dass Sie meine Tochter heiraten werden.”
 
Markus war verblüfft. Von solch einem Kuhhandel wollte er nichts wissen. Das sagte er Herrn Patel natürlich nicht so direkt ins Gesicht. Stattdessen verdankte er ihm ein grosszügiges Angebot. Leider sei er im Handel unbewandert und wolle weiterhin seiner Aufgabe als Kurator treu bleiben. Aber er habe seinerseits einen Vorschlag, flocht er ein, und verwies auf einen deutschen Bekannten, der gegenwärtig eine Stelle als Geschäftsführer in einem internationalen Handelsunternehmen suche ... „Ausserdem ist er jung und ledig, stammt aus guter Familie und spricht erst noch fliessend Englisch“, betonte er. Herr Patel horchte auf, denn seine eigenen kommerziellen Interessen gingen ihm vor. Seine Tochter war für ihn bloss ein Handelsobjekt – ein Lockvogel.
 
Damit waren schlagartig vielerlei Missverständnisse gelöst und brauchten nicht aufgegriffen zu werden. Markus vermittelte die Kontakte. Ende gut alles gut. Sein Bekannter erhielt die Stelle und war erst noch von Patels hübscher Tochter bezirzt.
 
Ein Nachwort
Dieser Skizze möchte ich einen Epilog anfügen. Jungen Leuten fehlt die Lebenserfahrung. Oft, wenn überhaupt, wird sie zu spät gewonnen. Das trifft ausgeprägt in Liebesbelangen zu: Eine Bekanntschaft beginnt vielversprechend, aber verflacht innerhalb von Monaten. Markus’ Vorschläge wurden von Kuntal im Keim abgewinkt. Sie war zu anspruchsvoll, stets auf sich bedacht, wollte nicht auf Markus' Wünsche eingehen. Mit anderen Worten: Sie wollte vorherrschen, ihn beherrschen. Das löste in ihm Trotz aus und erklärt seine instinktive Abneigung gegen die Oper. Immer musste sich Kuntal dem Willen ihres Vaters unterordnen.
 
Sie nützte die Gelegenheit, Markus mehr und mehr ihren Willen aufzuzwingen. Dagegen sträubte sich Markus. Die Liebe fand zwischen diesem Paar keinen Platz. Viele Ehen werden im Machtkampf zerrüttet und enden in Scheidungen. Markus konnte dieser Klemme rechtzeitig entrinnen, und er fand seine „Agnes“, wie von Charles Dickens im Roma „David Copperfield“ geschildert.
 
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