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BLOG vom 15.03.2014


„Zum Stutz“, Widen: Glücksmomente im Zeichen der Weide
Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
 
Ein Lächeln kostet nichts und bewirkt viel.
Es bereichert die, die es empfangen,
ohne die ärmer zu machen,
die es geben.

Es dauert nur einen Augenblick,
aber die Erinnerung währt manchmal ewig.
Niemand ist reich genug, um es entbehren zu können,
und niemand ist zu arm, um es nicht geben zu können.

Es bringt dem Heim Glück
und ist das zarte Zeichen
der Freundschaft.

Ein Lächeln schenkt der müden Seele Ruh´
und dem Verzweifelten neuen Mut.

Wenn Du einmal einem Menschen begegnest,
der dir das Lächeln, das Du verdienst, versagt,
sei grosszügig, schenk ihm das Deine,
weil niemand ein Lächeln so nötig hat wie der,
der es anderen nicht geben kann.
 
*
Dieses Gedicht eines unbekannten Verfassers, in Herzform angeordnet, ziert die A3-grosse, zum Teil handgeschriebene Menukarte der „Wirtschaft zum Stutz“ in Widen AG (Bezirk Bremgarten), beim Mutschellenpass. Einst liess sich das Swissair-Flugpersonal mit Vorliebe dort oben nieder – wohl wegen der Nähe zum Flughafen Kloten und zum Himmel. Noch 1960 hatte Widen rund 700 Einwohner, jetzt, gut 50 Jahre später, sind es annähernd 4000.
 
Der Gemeindename Widen hat etwas mit Korbweiden zu tun. Und in jenem Dorf gebe es die sehr empfehlenswerte „Wirtschaft zum Stutz“, habe ich schon oft gehört. Eine Bekannte meiner Frau, Denise, erzählte vor wenigen Tagen voller Begeisterung vom Charme jenes gastlichen Hauses. Da gerade unser 51. Hochzeitstag bevorstand, äusserte Eva den Wunsch, dort festlich zu tafeln. Weil ich nahe daran gewesen war, diesen familiären Feiertag zu vergessen und mir noch keinerlei Gedanken über die Ausgestaltung dieses ungeraden Feiertags gemacht hatte, kam mir diese Idee sehr zupass, und ich sagte mit Begeisterung zu.
 
Erst hinterher wurde mir bewusst, dass ein gütiger Zufall mitgewirkt hatte; denn wenn man der Webeseite http://www.hochzeitstag-hochzeitstage.de Glauben schenken darf, segelt der 51. Hochzeitstag unter dem Begriff „Weidenhochzeit“: „Der Begriff Weide leitet sich aus dem althochdeutschen ,wîda’ ab, was ,die Biegsame’ bedeutet. Es ist also denkbar, dass sich der Begriff Weidenhochzeit davon ableitet, dass man biegsam und flexibel sein muss, um eine Ehe so lange bestehen lassen zu können. Die Weide gilt als der Baum der Dichter. In der Symbolik steht die Weide für Weiblichkeit, Vitalität, Fruchtbarkeit und Flexibilität, Resonanz und Harmonie.“
 
Persönlich bin ich zuerst einmal ein Anhänger der Kontinuität und erst in 2. Linie der Flexibilität, da damit im gegenwärtigen Globalisierungszeitalter viel Unfug getrieben wird. Allerdings ist mir schon bewusst, dass eine gewisse Beweglichkeit eine notwendige Voraussetzung auch fürs innereheliche Durchhaltevermögen ist. Doch wir haben die paar Meinungsverschiedenheiten nie auf die Spitze getrieben und dementsprechend keine Zeit für häusliche Grabenkämpfe verschwendet. Eva setzt eine sektorielle Vergesslichkeit ein, um Anlässe, nachtragend zu sein, gleich aus der Welt zu schaffen, um der Harmonie zum sofortigen Durchbruch zu verhelfen.
 
Dank des Wirkstoffs Salicin (Schmerzmittel, das auch Fieber senken kann) und Gerbstoffen ist die Weide (Salix alba) eine traditionelle Heilpflanze. Ich habe früher oft Weidenrinde von der eigenen Weide im Garten gewonnen, aufgegossen und getrunken; die voluminöse Pflanze musste allerdings einer teilweisen Umgestaltung des Gartens weichen. Zwar kann man Weiden hemmungslos immer wieder stutzen, wie das die Korbweide mit ihren langen Ruten ja lehrt; sie erholt sich gleich wieder. Die Korbweide ist eine von etwa 450 Weidenarten, wobei wir uns persönlich zu den Silberweiden zählen.
 
Jedenfalls war Widen für uns an diesem Feiertag wie gemacht, und all das Gute, das wir schon über die Wirtschaft zum Stutz gehört hatten, wurde bestätigt. Das von einem tief hinunter reichenden Ziegeldach mit Kamin und Lukarnen bedeckte Haus ist eher aus Dreiecken und Schrägen als aus Vierecken geformt. Einige Fensterscheiben sind durch filigrane Zeichnungen in Weiss belebt. Schon der Eingangsbereich ist geschmackvoll dekoriert: mit Vogelnestern an Zweigen, Porzellangeflügel im Moos, und auf einem handgeschriebenen Plakat steht zu lesen: „Wo Herz ist, da ist auch Glück.“
 
Wir hatten uns angemeldet und wurden von Romy Herzog, der guten Seele des Hauses, im Speiseraum mit dem stilisierten, baumelnden vierblättrigen Klee herzlich empfangen und an ein fensternahes, rundes Tischchen geführt, das den Blick über Rudolfstetten AG hinaus Richtung Schlieren ZH und Birmensdorf ZH freigab. Ein leichter Dunst wirkte als Weichzeichner. Es war kurz vor Mittag, Zeit für den Apéro: Prosecco mit dem fermentierten, Lebensenergie spendenden Getränk Chi, Ingwer und Limonensaft. Und der „Eröffnungsgruss aus der Küche“ setzte sich aus einer fein gewürzten Gemüsemousse, Knäckebrot, Butter und kleingewürfeltem Gemüse zusammen.
 
Ein Rüebli-Safran-Süppchen beziehungsweise ein Nüsslisalat mit sautierten Pilzen und geröstetem Safran ermöglichten den dezent-delikaten Auftakt. Und da man Wein auch deziliterweise erhält, probierten wir zum Einstieg die Fülle eines goldenen Petite Arvine aus dem Wallis.
 
Der Hauptgang offenbarte die gastronomische Philosophie des Hauses am Stutz (Abhang): Produkte aus nachhaltiger Produktion, Betonung des Vegetarischen und ausgesuchtes Fleisch, dessen Eigengeschmack erhalten bleibt. Wir wählten das Gourmet-Menu mit dem tranchierten Lammcarée, australischer Herkunft, zweifellos Weidefleisch. Die Portweinsauce war für meine Bedürfnisse etwas knapp bemessen; wäre sie nicht so kraftvoll und rund gewesen, hätte ich das nicht so empfunden. Die Gemüseumrandung war ein Fest der Farben und Düfte; orangefarbenes Süsskartoffelpüree mit Rahm, Kreuzkümmel und zurückhaltend eingesetzte asiatische Gewürze, sodann Berglinsen und Kumquats (Zwergorangen, die sogar 2 m von meinem Schreibtisch entfernt aus grossen Tontöpfen heraus wachsen).
 
Ein Glas Copertino rosso aus Apulien I begeisterte uns durch seine unerwartete Korpulenz, wobei ich nicht behaupten möchte, dass jede Art von Korpulenz Begeisterungsstürme auslöst. Ich weiss, wovon ich spreche. Leibesfülle aus Wohlgenährtheit hin oder her: Das Nougat-Parfait mit den etwas aromaschwachen Zwetschgen rundete das Festessen und auch mich ab.
 
Auf unserem Tisch stand ein mit Flüssigschokolade beschrifteter grosser Teller: „Herzlichen Glückwunsch“. Ein Kerzlein brannte auf einem Schokoladeküchlein, wurde kleiner und erlosch. Ich möchte das nicht sinnbildlich umdeuten. Erst jetzt wurde mir klar, weshalb Frau Herzog gefragt hatte, ob wir an diesem 09.03.2014 ein Fest feiern würden.
 
Draussen, auf der mit Kastanienbäumen und wilden Reben belebten Terrasse, hatten sich an jenem Frühlingstag ebenfalls einige Gäste niedergelassen. Hier, am südöstlichen Ausläufer des Heitersbergs im 2-Stromland zwischen Reuss und Limmat, ist gut heiter sein. Eben: Ein Lächeln kostet nichts. Die übrigen Preise kamen uns moderat vor: rund 100 CHF pro Person über alles.
 
Etwa so viel, wie ein mittelgrosses Weidenbäumchen aus der Baumschule.
 
 
Hinweis auf weitere Blogs über Gaststätten
13.09.2005: Kerala: Hotels, die wissen, worauf es ankommt
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