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BLOG vom 20.06.2014


Annemarie & James Schwarzenbach: Andere Wahrnehmung
Autor: Pirmin Meier, Historischer Schriftsteller, Beromünster LU
 
In der Einleitung zu meinem Text über James Schwarzenbach (07.06.2014: Politiker und Publizist Schwarzenbach: Kritische Würdigung) bin ich auch auf seine um drei Jahre ältere Cousine Annemarie zu sprechen gekommen. Dass die beiden höchst gegensätzlichen Charaktere einander nicht mochten, liegt nahe. Trotzdem gibt es, neben den bekannten Unterschieden, Gemeinsamkeiten. Beide sind aus ihrem Milieu, mit Ausnahme des ererbten Wohlstandes, in einem gewissen Sinn ausgebrochen, vor allem weltanschaulich, Annemarie auch im Lebensstil. Für James Schwarzenbach war Annemarie eine verwöhnte exzentrische Tochter von Beruf, während er selber eine teilweise brutale Erziehung, u. a. mit Schlägen mit der Reitpeitsche, über sich ergehen lassen musste; insbesondere Bettnässen wurde nicht geduldet. Beiden gemeinsam waren indes die für ihre Generation überdurchschnittlichen Bildungschancen, die von beiden bis und mit einem leistungsstarken Doktorat wahrgenommen wurden: von Annemarie schon im Alter von 23 Jahren, bei James mit 28 Jahren, wobei sein Beitrag für die Geschichte der Schweizer Neutralität bemerkenswert ist. Beide wollten belletristische Schriftsteller werden. Bei Annemarie, dank ihrer rhapsodischen Sprache und zweifelsfrei höheren Modernität, stellte sich der Erfolg Jahrzehnte nach ihrem frühen Tod ein; James musste sich mit dem Verkauf seiner Heimatromane an Bahnhofkiosken begnügen, vertrat als einer der letzten eine Textsorte, die ihre grosse Zeit vor dem 1. Weltkrieg gehabt hatte.
 
Die Romane des Publizisten waren für mich eine teilweise vergnügliche Lektüre, konnten jedoch die heillose Abgründigkeit Heinrich Federers nicht einmal andeuten. In den oft polemischen Darstellungen der Person Schwarzenbachs in Buchform werden exklusiv kitschige Stellen zitiert, was Karlheinz Deschner auch bei Max Frisch fertig gebracht hat und womit man Annemarie Schwarzenbach ebenfalls in die Pfanne hauen könnte. Letztere bleibt aber als belletristische Autorin sowohl von der Begabung wie auch vom geistesgeschichtlichen Rang in einer ganz anderen Liga als James. Vor Überschätzung muss gewarnt werden. Interessante Vergleiche könnten sich beim journalistischen Werk ergeben. So wirken die Artikel von Annemarie über ihre Afrika-Reise vor über 70 Jahren aus heutiger Sicht einigermassen naiv, würden vielleicht auch nicht gerade jeder Rassismus-Prüfung standhalten. Das Afrikabild ist nicht das Gegenteil dessen von James Schwarzenbach, welches ich 1973 in der Abrechnung mit ihm anprangerte. Heute würde ich sagen: Man muss das historisch sehen. Wenn man zum Beispiel bedenkt, dass selbst ein Apartheidkritiker wie der im Vergleich zu Annemarie und James Schwarzenbach in Afrika besser recherchierende Sozialist Walther Bringolf (Schaffhausen, langjähriger Präsident der SP Schweiz), noch 1968 einem Nelson Mandela keineswegs die Befreiung seines Landes zutrauen wollte, eher auf die Gewerkschaften und die Anhänger von Albert John Mvumbi Luthuli setzte. Bringolf sprach in Afrika im Gegensatz zu den Schwarzenbachs nicht nur mit mehr oder weniger Gleichgesinnten und führte sich nie wie ein Kolonialherr oder eine Kolonialdame auf.
 
Was indes die Wahrnehmung der beiden bekanntesten Schwarzenbachs in der veröffentlichten Meinung betrifft, so herrscht um das Andenken von Annemarie Schwarzenbach ein hohes Forschungsniveau, zum Teil etwas viel unkritische Begeisterung; während es sich bei James genau umgekehrt verhält. Dass er einen „schlechten Charakter“ habe, davor hat mich schon im Sommer 1964 der Musikschriftsteller, Beethoven-Biograph und Thomas-Verlag-Autor Willy Hess brieflich gewarnt. Jedenfalls war Schwarzenbach nicht immer einfach im Umgang und als Gegner unangenehm. Seine Konfliktfähigkeit war sowohl als Parteimann wie auch geschäftlich eher gering. Das ändert aber nichts daran, dass er ein Mann von Charakter und Haltung war und dies auch auszudrücken vermochte. Eine seiner Stärken war der politisch-literarische Leitartikel. Unvergessen bleibt mir ein Beitrag mit dem Dürer-Motiv „Ritter, Tod und Teufel“, obwohl ich den Text seit Jahrzehnten nicht mehr vor mir gesehen habe. Schwarzenbachs Niveau betreffend philosophische, literarische, historische und im Prinzip auch politische Gespräche – wenn es ihm nicht zu nahe ging – war hoch. Was noch im Juni 2014 über seinen Thomas-Verlag als Verlag von völkischen, faschistischen und antisemitischen Schriften auf Wikipedia nachzulesen steht, ist unterste Schublade dieses Gefässes und wird von mir bei einem Vortrag in der Volkshochschule Aarau im Dezember als Beispiel für Kinderkrankheiten der Netz-Enzyklopädie vorgestellt. Auch was derzeit noch im Haupttext von Wikipedia über Schwarzenbach steht, ist oft ungenau, nicht einmal der Name seiner Partei, „Schweizerische Republikanische Bewegung“ ist korrekt wiedergegeben. Von seriöser Recherche kann nicht die Rede sein.
 
Was die Anti-Schwarzenbach-Polemik formuliert, verhält es sich jedoch so, dass nicht einmal gesagt werden kann, das Gegenteil sei richtig. So etwa betreffend den Antisemitismus, der sich bei den Schwarzenbach einst nahe stehenden Leuten der schöngeistigen Studentenverbindung Renaissance ebenso nachweisen liesse wie bei so bedeutenden katholischen Schweizer Theologen wie Hans Urs von Balthasar und Mario von Galli. Der Antisemitismus der späteren Bundesräte Philipp Etter und Ludwig von Moos, welcher weitgehend dem katholischen „Normalstandard“ vor etwa 100 Jahren entsprach und nicht mit dem rassistisch-völkischen Antisemitismus der Nationalsozialisten zu verwechseln ist, gehört seit Jahrzehnten zu den Lieblingsthemen der schweizerischen Linken. Nur wer Antisemit war, gilt als primitiver Hasser.
 
Der Antisemitismus kann, wie derjenige von Schwarzenbach, der klar nachhaltiger war als derjenige von Ludwig von Moos, nicht gerechtfertigt oder entschuldigt, aber historisch und volkskundlich analysiert werden. Mit Herumschmeissen von braunem Dreck lässt sich kein Geschichtsverständnis erarbeiten. Hass ist übrigens immer der gleich primitive Hass, es muss nicht jedesmal Antisemitismus sein. „Hitler in uns selbst“ war insofern ein bedenkenswertes Buch des Philosophen und Physiognomikers Max Picard, Hebelpreisträger 1952, welches Schwarzenbach, der vielbelesene, gekannt und meines Wissens einmal zitiert hat. Der jüdischstämmige Picard ‒ seine Verwandten sind zum Teil in Wangen am Untersee (Bodensee) begraben ‒ publizierte im Rensch-Verlag Erlenbach in den dreissiger Jahren das Buch „Die Flucht vor Gott“. Ein Beispiel dafür, dass jüdische Autoren der damaligen Zeit keineswegs ausschliesslich auf der Linken beheimatet waren, was für William S. Schlamm zwar 1937 noch zutraf: „Wir wollen nicht den Termitenstaat. Wir wollen den Sozialismus“ lauten die grossartigen letzten Sätze seines Buches „Die Diktatur der Lüge“, welche Lektüre mich seinerseits mit veranlasste, an Schwarzenbach Kritik zu üben. Er war jüdischen Autoren gegenüber tatsächlich misstrauisch. Dabei liess er jedoch die eigenen Anhänger in den siebziger Jahren völlig Unkritisches für Israel und gegen „die Araber“ schreiben, welche in einem Leserbrief des Republikaners als „geistig unterentwickelt“ bezeichnet wurden.
 
Zwischenzeitlich hat mich eine Leserin von www.textatelier.com gefragt, wie ich das gemeint hätte, dass die Araber nicht geistig unterwickelt seien, sondern dass es denen „woanders“ fehle. Ich glaube, damit die dortzulande damals und wohl auch heute noch existierenden Minderwertigkeitskomplexe angesprochen zu haben. Der Polithistoriker Samir Skenderovic unterstellt mir in seinem Buch über „The radical Right in Switzerland“, in „Abendland“ meinerseits – wie oben in Sachen Annemarie und James Schwarzenbach dargestellt – von der Überlegenheit der europäischen Völker geschwafelt zu haben. Was aber ist die derzeitige Globalisierung anderes als die im Vergleich zur Kolonialzeit noch umfassendere Massstäblichkeit europäischer und amerikanischer Orientierungen, in Technik, Wissenschaft, Wirtschaft, letztlich im ganzen Denken? Diese Zivilisation hat sich tatsächlich bis zur mir verhassten Krawatte durchgesetzt; andere Ansätze, die mir vielfach sympathisch wären, bleiben weitgehend chancenlos. Immerhin bekenne ich, seit einigen Jahrzehnten von meinem unkonventionellen priesterlichen Kollegen und Afrikakenner Al Imfeld viel gelernt zu haben. Dessen Bücher sind um Welten lesenswerter als was Annemarie und James Schwarzenbach über Afrika abgesondert haben.
 
Der Abschnitt: „Publizistisches, Philosophisches und Homophobes“ war in der Erstschaltung unvollständig. In diesem Sinn wird er hier noch einmal wiedergegeben. Es geht grundsätzlich um die Gefahr, dass man sich ein einseitiges Bild macht. Ich schliesse in meiner Würdigung des umstrittenen Politikers Irrtümer im Detail nicht aus, liesse mich jederzeit korrigieren. Über seinen Thomas-Verlag wie über seine Aktivitäten vor der Zeit der „Überfremdung“ müsste mal wohl eine Master-Arbeit geschrieben werden.
 
Anhang
 
Die neueste Fassung des Kapitels:
 
Publizistisches, Philosophisches und Homophobes
 
James Schwarzenbach studierte u. a. in Fribourg Geschichte und Französische Literatur, doktorierte 1940 als einer der ersten Schüler von Oskar Vasella zum Thema „Fidel von Thurns Abkehr von Frankreich. Ein Beitrag zur schweizerischen Neutralitätsgeschichte in den Jahren 1663– 1670“. In der Kriegszeit war er u. a. Mitarbeiter der „Basler Nachrichten“ und betätigte sich als Lektor und Herausgeber bei Peter Schifferlis „Arche-Verlag“, wo er Schriften des Kardinals John Henry Newman edierte, ferner, unter seinem Namen, die Studie „Abendländische Haltung“ mit dem Essay „Die Stunde des Bürgertums“. Zu dieser Zeit sympathisierte Schwarzenbach wie viele damalige Konservative und sogar Monarchisten mit den Paneuropa-Vorstellungen von Richard von Coudenhove-Kallergi. 1947 machte er sich mit seinem am Rennweg 14 in Zürich domizilierten Thomas-Verlag, nach Thomas Morus benannt, selbständig. Die erfolgreichste Produktion war der Bestseller des ehemaligen sowjetischen Diplomaten Wiktor Krawtschenko „Ich wählte die Freiheit“, welchem eine weitere Publikation dieses Autors folgte. Ausserdem publizierte Schwarzenbach Romane des holländischen katholischen Autors Pieter van Meer de Walcheren, Schriften des britischen konservativen Philosophen Edmund Burke und Historisches zur schweizerischen Geistesgeschichte, so „Die Schweiz unterwegs“ von Paul König, einem Verfasser geistlicher Lyrik und später sozialdemokratisch engagierten Politiker. Im Thomas-Verlag erschienen auch Schwarzenbachs Heimatromane in der Art von J.C. Heer, „Belle Epoque“ und „Der Regimentsarzt“.
 
Noch in Erinnerung habe ich in Schwarzenbachs Klause am Rennweg 14 diverse Reminiszenzen an katholische Frömmigkeit des Konvertiten. „Man darf sehen, woran ich glaube“, sagte er in diesem Zusammenhang, auch in einem Presseinterview. Nicht schlecht staunte ich, dass mein bestgebildeter Kollege aus der SP-Fraktion des aargauischen Verfassungsrates, Dr. Paul König, informeller Schüler des Philosophen Leopold Ziegler aus Überlingen und begnadeter, protestantisch-geistlicher Lyriker, bei Schwarzenbach einen Dokumentarband zur Schweizer Geistesgeschichte publiziert hatte. Ein Leser Schwarzenbachs war auch Bundesrichter Carl Hans Brunschwiler (CVP). Er schenkte mir ein Buch desselben über François Mauriac, ein kongeniales Stück christlicher Gnosis, für herkömmliche Vorstellungen über Schwarzenbach jenseits von Gut und Böse. Für diesen nicht unbedeutenden Mann gilt die Warnung von Max Frisch aus einem frühen Tagebuch, dass man sich von einem Menschen kein Bild machen sollte. Weder um ihn zu verehren, noch, was bei Schwarzenbach durchaus üblich geworden ist, ihn zum Gegenstand eines Feindbildes zu machen.
 
Zu den frühen Weggefährten Schwarzenbachs gehörte der geniale homosexuelle katholische Schriftsteller Kuno Räber, kurzzeitiger Jesuitennovize und Innerschweizer Literaturpreisträger 1979. In Schwarzenbachs bei Arche 1945 unter seinem Autorennamen edierten Buch „Abendländische Haltung“ schrieben der damals 23-jährige Räber wie auch der spätere Philosophielehrer von Simonetta Sommaruga, Kaspar Hürlimann (Immensee), Essays aus dem Geiste der von Heinrich Federer mitbegründeten Belletristenverbindung „Renaissance“, welche Schwarzenbach eine Zeitlang präsidierte. Schwarzenbach rief zum Kriegsende zu einer Neubesinnung des Bürgertums auf.
 
Dass Schwarzenbach zusammen mit meinem späteren verehrten Lehrer, dem ebenfalls eigenwilligen und bundesratskritischen Historiker Marcel Beck, Befürworter der Volkswahl des Bundesrates, 1963 eine Kampagne gegen Zürcher Homosexuelle geritten hatte, auch DIE TAT machte in dieser Sache mit, wurde mir erst später bekannt. Was heute indes als „homophob“ bezeichnet wird, war damals noch die Mehrheitsmeinung des Bürgertums, zur Zeit von Homosexuellenpionier Karl Heinrich Ulrichs auch diejenige von Karl Marx und Friedrich Engels. Über TAT-Chefredaktor Dr. Erwin Jaeckle publizierte ich zu seinem 100. Geburtstag im Auftrag der Stiftung STAB eine im Buchhandel nicht erhältliche Biographie (2012).
 
Wie in der Familie von Thomas Mann, dessen Tochter Erika als Kabarettistin im Exil vom jungen Schwarzenbach ausgepfiffen wurde, war auch in der Zürcher Grossbürgerfamilie Homosexualität auffällig verbreitet. Schwarzenbachs Abwehrreaktion in Form von „Homopobie“ und integristischem Katholizismus, ausserdem seine konservative bis reaktionäre politische Einstellung, sind Familienchronist Alexis Schwarzenbach ebenso unsympathisch wie Sibyl Schwarzenbach, die mit James gemäss NZZ „nur durch das Blut“ verwandt sein will. Sibyl Schwarzenbach ist in New York Professorin für politische Philosophie. Alexis Schwarzenbach, mit einem Mann verheiratet, versteht in Sachen Schwulenrechte so wenig Spass wie James Schwarzenbach seinerzeit bei der lateinischen Messe. Ein Kennzeichen der Schwarzenbach besteht im entschiedenen Eintreten für Positionen, welche nicht überall als korrekt angesehen werden. Die Unterschiede unter den zahlreichen Hochbegabten der Familie Schwarzenbach sind weniger charakterlich oder typologisch, eher schon weltanschaulich. Die beiden interessantesten, weil radikalsten Persönlichkeiten bleiben, bei gewaltigen Gegensätzen und Unterschieden in der öffentlichen Bewertung, wohl Annemarie und James Schwarzenbach. Jenseits von Wertungen kommt innerhalb der Sippe Schwarzenbach an den Tag, wie sich in den letzten 100 Jahren der „Gestaltwandel der Götter“ (Leopold Ziegler, Religionsphilosoph) abspielte. Dies bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Politik. Interessanterweise ist auch der Politiker Jean Ziegler, in seiner Radikalität konsequenter als Schwarzenbach, in jungen Jahren zum Katholizismus konvertiert.
 
 
Hinweis auf weitere biografische Texte von Pirmin Meier
 
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