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BLOG vom 06.07.2014


Elbsandsteingebirge 2: Die Festung, die nie erobert wurde
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Am 2. Tag unseres Urlaubs im Elbsandsteingebirge standen eine Wanderung und der Besuch der Bergfestung Königstein auf dem Programm. Wir fuhren zunächst zum gleichnamigen Ort an der Elbe, parkierten auf einem Platz in der Nähe der Kirche und wanderten entlang des Seilerwegs und Malerwegs steil bergauf innert 45 Minuten zur Festung. Dabei kamen wir schon gehörig ausser Puste.
 
Die Festung wurde 1233 erstmals erwähnt und wurde nach dem Bau (um 1241) nie erobert. Sie war jedoch Schauplatz europäischer Geschichte. Sie wurde von sächsischen Kurfürsten und Königen besucht. Zar Peter I., Kronprinz Friedrich von Preussen (der spätere Friedrich II.) und sogar der umtriebige Napoleon gastierten dort oben.
 
Die Festung thront auf einem Tafelberg des Elbsandsteingebirges. Die Festung umfasst eine Fläche von 13 Fussballfeldern, hat 50 Bauwerke, einige Grünanlagen, die älteste erhaltene Garnisonskirche Deutschlands und den tiefsten Brunnen.
 
Wir lösten im Informationszentrum die Eintrittskarten, die auch für die Aufzugsbenützung galten, erhielten auch eine Übersichtskarte mit den eingezeichneten Gebäuden. Dann fuhren wir mit dem Panoramaaufzug 42 m in die Höhe. Es gibt übrigens noch einen anderen Eingang, nämlich die als Wippkonstruktion angelegte Rothe Brücke.
 
Oben angekommen, wählten wir zunächst den 1.7 km langen Rundgang an der mächtigen Aussenmauer. Von hier oben hatten wir herrliche Ausblicke auf das Elbufer, den Ort Königstein und das angrenzende Umland mit einigen Tafelbergen wie den Lilienstein. Vor dem Lilienstein in der Ebene wurde 1776 zu Beginn des Siebenjährigen Kriegs die sächsische Armee von der preussischen gefangen genommen. Napoleon richtete 1813 dort ein Heerlager ein.
 
Von der „Königsnase“, das ist der östlichste Punkt des Festungsplateaus, wurde ein Schuss auf das Quartier der Schweden abgefeuert. Das hatte fatale Folgen. Die Schweden stecken daraufhin die Stadt Königstein in Brand.
 
Auf diesem Rundgang konnte man interessante Details erkennen. Auffällig waren einige Bronzegeschütze hinter der Brustwehr und Wachtürme. Auf dem Blitzzeichenplateau stand 300 Jahre eine Eiche, in die immer Blitze einschlugen. Im April 1925 traf ein Blitz eine Besuchergruppe, die unter dem Baum Schutz suchte. Es gab 3 Tote und 28 Verletzte. Heute steht an dieser Stelle ein kleinerer Baum. Auf einer Infotafel vor dem Baum konnte ich das Ereignis von damals lesen, ausserdem wurde vor Blitzeinschlägen gewarnt. Man solle bei Unwetter unbedingt Gebäude aufsuchen!
 
Die Pestkasematte in der Nähe der Aussenmauer weckte mein Interesse. 1680 starben auf der Bastion 40 Menschen an der Pest. „Die Infizierten wurden damals ausserhalb der Festung in Hütten untergebracht, da es keine andere Isoliermöglichkeit gab. Nachdem die Epidemie vorüber war, baute man hier, an dieser Stelle, vorsorglich eine natürliche Festungsplatte zur Kasematte aus. Die Pestkasematte ist 8 m tief und hat einen Eingang, einen Luftschacht und eine Öffnung zum Hinabreichen von Lebensmitteln.“ Der Aufenthalt von Pestkranken in diesem Verlies ist jedoch nicht nachweisbar.
 
Da am Nachmittag eine Wanderung zum Hohen Schneeberg geplant war, konnten wir nur einige interessante Gebäude in Augenschein nehmen. Aber was wir sahen, war doch interessant und ungewöhnlich.
 
Vom Riesenfass keine Spur
In der Magdalenenburg bzw. dem Proviantmagazin stand von 1725 bis 1818 das 238 000 Liter fassende Riesenweinfass August des Starken (1694−1733), das der Oberlandbaumeister Matthäus Daniel Pöppelmann entworfen hatte. Das Eichenfass war mit Schnitzereien und Glaspokalen verziert. Vom Fussboden bis zur Kronenspitze mass es mehr als 10 m. 30 eiserne Reifen hielten das Fass zusammen. Es war nur 2 Mal mit Wein gefüllt. Leider verfiel das ehemalige Prachtstück und wurde nach fast 100 Jahren abgebrochen.
 
1818/19 erfolgte der völlige Umbau zum bombenfesten Proviantmagazin. Manfred und ich stiegen auf Treppen hinab in den Weinkeller. Dort standen nur einige profane Eichenfässer. Imposant wirken die dicken Mauern, die mit kleinen Fenstern versehen sind.
 
2 Millionen Taler im Schatzhaus
Im Schatzhaus wurden seit dem Dreissigjährigen Krieg Dresdner Kunstschätze, wertvolle Dokumente und der Staatsschatz gelagert.
 
Das Schatzhaus hat ein bombenfestes 1.20 m starkes Gewölbe und bis zu 1.80 m dicke Mauern. Um einen Brand durch Funkenflug zu verhindern, wurden verwinkelte Belüftungskanäle angebracht, ausserdem wurden Gitter und Läden an den Fenstern montiert. Den Eingang sicherten einst 3 Eisentüren mit mehreren Schlössern.
 
Alsdann nahm ich den Ausstellungsraum im Erdgeschoss unter die Lupe. Im Raum befanden sich hinter einer Glaswand die Figuren eines sächsischen Finanzbeamten, der an einem Holzschreibtisch sass, und ein sächsischer Infanteriesoldat, allesamt in damaligen Uniformen.
 
Vor den Beiden steht eine Leiter, die in den unteren Raum führt. Hier lagerten von 1860 bis 1865 2 Millionen Taler in Fässern. 34 Pferdewagen wurden benötigt, um diese Geldmenge, die in 200 Fässern verpackt war, vom Bahnhof Königstein zur Festung zu transportieren.
 
16 Infanteristen und 1 Korporal waren als Begleitschutz für diesen Transport kommandiert. 8 weitere Soldaten waren für Verladearbeiten vorgesehen.
 
Wir konnten auch noch einen Blick in die Garnisonkirche werfen. Aus der Entstehungszeit (Kapelle aus dem 13. Jahrhundert) stammen das Rundbogenfenster und die Malerei im Chor. Die ehemalige Kapelle verfiel zusehends. 1670 folgten umfangreiche Baumassnahmen. 1676 wurde die Sankt-Georgen-Kapelle als erste Garnisonskirche in Sachsen eingeweiht. 5 Jahre später wurde der Turm angebaut. Im Inneren bewunderte ich die Kassettendecke. Von 1945 diente die Kirche als Kinosaal, Turnhalle und Baustofflager. Seit dem Jahr 2000 wird sie für Gottesdienste, Trauungen und Konzerte genutzt.
 
Der tiefste Brunnen Deutschlands
Zuletzt besuchte ich noch mit Manfred – andere labten sich derweil an einem kühlen Bier im Festungs-Restaurant – das Brunnenhaus. Dieses Haus interessierte mich besonders. Ich wollte nämlich herausfinden, wie die Wasserversorgung der Festungsbewohner damals erfolgte. Es war gerade eine Vorführung im Gange. Der 152.5 m tiefe Festungsbrunnen ist heute mit einer historischen Wasserfördertechnik ausgestattet. Auf einem SW-Fernsehbild konnte man den Förderkorb auf- und abfahren sehen.
 
Der tiefste Brunnen Deutschlands wurde auf Befehl des sächsischen Kurfürsten August von Bergleuten aus dem Erzgebirge mit Bergeisen und Schlegel mühsam in die Tiefe getrieben. Der Brunnenschacht hat einen Durchmesser von 3.5 m. Der tägliche Zulauf beträgt 8000 Liter. Die Brunnensohle befindet sich 88 m über dem Elbspiegel.
 
„Die Bauzeit betrug 2,5 Jahre. Heute würde die Genehmigung zum Bau so lange dauern“, sagte der Führer im Brunnenhaus. Da hatte er vollkommen Recht. Der Bürokratismus ist heute wesentlich stärker ausgeprägt als damals.
 
Das Wasser wurde zuerst mit einem Pferdegöppel, dann mit einem grossen Tretrad, in dem 4 Soldaten, Gefangene oder Arbeiter pro Tag mindestens 28 000 Schritte machen mussten, herauf geholt. 1871 wurden eine Dampfmaschine und 1911 ein Elektromotor installiert. Der Brunnen blieb bis 1967 in Betrieb.
 
Noch eine Geschichte am Rande: Konrad König bemühte sich 1563 vergeblich um die Förderung des Brunnenwassers. Er braute privat 3 Jahre lang Bier in der Kirche. Das war erlaubt. Die Bewohner tranken Regenwasser und Bier.
 
Aus Zeitgründen konnten wir viele Gebäude nicht aufsuchen. Wir verliessen die eindrucksvolle Festung per Aufzug, wanderten auf einen bequemen Weg zurück zur Stadt Königstein und fuhren dann auf den Hohen Schneeberg, der in Tschechien liegt.
 
Auf dem Hohen Schneeberg
Der Hohe Schneeberg ist mit 723 m die höchste Erhebung der Böhmischen Schweiz. Früher war der Gipfel mit Fichten bewaldet. In den 1980er Jahren wurden die Baumbestände durch Schwefeldioxideinwirkung komplett vernichtet.
 
Der auf dem Gipfel befindliche steinerne und zylinderförmige, 33 m hohe Aussichtsturm wurde 1864 von Franz Josef Perth erbaut. Aber nicht zum Vergnügen der Touristen, sondern zu geografischen und kartografischen Zwecken. Er galt als Hauptvermessungspunkt der Länder Österreich, Sachsen und Preussen. Später durften Touristen ihn besteigen. Er dient nach wie vor auch für meteorologische Messungen.
 
Vom Turm wurde ein Signal von den olympischen Spielen 1936 erfasst − es war das erste Mal auf tschechischem Gebiet.
 
Claus, Toni und ich entschieden uns für den Turmaufstieg (die anderen relaxten auf einer Ruhebank). Wir bewältigten die 173 Stufen ganz gut. Die letzten 39 Stufen (Toni zählte genau!) waren in Form einer Wendeltreppe angeordnet. An der Aussichtsplattform pfiff uns der Wind gehörig um die Ohren. Wir wurden mit einem Rundumblick auf das Erzgebirge sowie die Sächsische und Böhmische Schweiz belohnt.
 
Danach suchen wir das Gasthaus am Fusse des Turmes auf. Wir speisten vorzüglich: Palatschinken, Gulasch mit Böhmischen Knödeln (geschnittene Semmelknödel) und Aprikosenknödel mit einer feinen Quarksosse. Dazu tranken wir Pilsner Bier. Nach dieser genussvollen Stärkung reisten wir wieder in unser Quartier.
 
Fortsetzung folgt.
 
 
Literatur
„Elbsandsteingebirge“, ADAC Wanderführer, ADAC Verlag, München, 2011.
Taube, Angelika: „Festung Königstein (Die Bergfestung in der Sächsischen Schweiz)“, TopSpot Guide, Verlag GbR, Hamburg.
 
Hinweis auf das vorherige Blog über das Elbsandsteingebirge
 
Hinweis auf Blogs über die Bayernreise
 
Hinweis auf eine Wanderwoche im Südtirol
 
 
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