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BLOG vom 08.07.2014


Alfredo di Stefano: Fussballstar mit mythischer Bedeutung
Autor: Pirmin Meier, Historischer Schriftsteller, Beromünster LU
 
 
Alfredo Stéfano di Stéfano Laule, der Ehrenpräsident von Real Madrid, war zusammen mit seinem Clubkollegen Ferenc Puskas der letzte monumentale Maestro des Fussballs und eine grandiose Figur aus den Anfangszeiten des Europacups der Meister, welchen Pokal er als Kapitän der Königlichen von Madrid insgesamt fünfmal in die Höhe stemmte.
 
Geboren am 4. Juli 1926 in Buenos Aires als Sohn italienischer Einwanderer (wie Papst Franziskus), verstarb er kurz nach seinem 88. Geburtstag am 7. Juli 2014 in einer Madrider Klinik. Die stärksten Erinnerungen an den schönen, grossen Mann stammen noch aus der Zeit, da grosse Fussballspiele nur akustisch über den Rundfunk übertragen wurden. Wer es samt allen ausführlichen Schilderungen miterlebte, wird es erst recht nie vergessen, zumal bei Radioübertragungen früher enorme Emotionen mit von der Partie waren. Im Prinzip wurde die Geschichte eines Matchs erzählt, und es war üblich, das Gehörte seinen Freunden oder in der Schule weiterzuberichten. Was nur über das Ohr wahrgenommen wurde, kann sich nach Meinung des Schriftstellers und Hebelpreisträgers Peter Bichsel nachhaltiger im Gedächtnis einprägen. Auf diese Art sind bekanntlich die grossen Epen und Sagen entstanden.
 
Für die Schweizer Fussballgeschichte ist der 10. März 1957 ein grauer Sonntagnachmittag. Radio Beromünster war ab 13 Uhr eingeschaltet, vielleicht noch weniger zu vergessen als das 1:0 gegen Spanien in Südafrika an der WM 2010. Die Schweizer Nationalmannschaft, in der Heinz Schneiter, der baumlange Verteidiger, nebst Fritz Morf aus Grenchen SO, unter Captain Robert Ballaman ihr erstes Länderspiel absolvierten, trat zur WM- Ausscheidung für Schweden 1958 im Bernabeu-Stadion in Madrid als krasser Aussenseiter an. Bei Spanien spielten unter anderen die Weltstars Laszlo Kubala, der erste perfekte Fussballer Europas, der unvergleichliche Flügelstürmer Francisco Gento und der in Sachen Klasse von niemandem erreichte ehemalige Argentinier (hatte sogar für Kolumbien noch Länderspiele gekickt) Alfredo di Stefano. Allein schon die während der Übertragung nicht zu zählende Nennung dieses Namens durch den Reporter, klingend wie ein Gedicht, prägte sich für immer ein. Die Sensation war das 2:2-Unentschieden mit zwei Toren des Baslers Seppe Hügi, genannt Hügi II, der sich auf diese Weise seinerseits für Schweizer Verhältnisse unsterblich gemacht hatte. Für di Stefano war der Match (das Rückspiel in Lausanne endete immerhin 4:1 für Spanien) insofern denkwürdig, als der Mannschaft am Ende dieser eine Punkt für die WM fehlte und die Startruppe deshalb für Stockholm nicht qualifiziert war. Dies war umso dramatischer, als di Stefano verletzungshalber auch 1962 nicht mitspielte und deshalb wie George Best zu den wenigen Weltstars gehörte, die nie aktiv an einer WM teilgenommen haben.
 
Es ändert indes nichts daran, dass di Stefano vor Pelé, Garrincha, Maradona und Messi zu den fünf südamerikanischen Weltstars von mythischer Bedeutung zu zählen ist, wobei di Stefano in seinem weissen „Gewand“ als Maestro gemäss Erinnerung seiner Fans bei der Arbeit weder grün noch braun geworden ist, weil er es nicht nötig hatte, die bekannte Dreckarbeit zu leisten. Dafür waren, wie zum Teil bei Messi heute noch, die anderen Teile der Mannschaft zuständig.
 
In diesem Sinn scheint es auch nicht nötig, alle argentinischen, kolumbianischen und spanischen Meistertitel sowie Europacuperfolge sowie die Zahl der von di Stefano erzielten Tore hier aufzuzählen. Das wäre genau so schlechter Stil wie bei einem Rolls Royce die Zahl der Pferdestärken anzugeben. Immerhin darf vermerkt werden, dass di Stefano auch noch als Trainer, etwa mit Valencia, europäische Erfolgte zeitigte und über Generationen sozusagen die Kontinuität des mit keinem anderen Fussballclub zu vergleichenden polysportiven Vereins Real Madrid verkörperte. Natürlich war er auch noch zweimal Europas Fussballer des Jahres. Vom Respekt und der Ehrfurcht, die ein Maestro wie di Stefano lebenslang in Anspruch nehmen durfte, blieb sein Landsmann Diego Armando Maradona um Welten entfernt.
 
In der deutschen Sportgeschichte gibt es zwar einen Kaiser, und was das einmalige Ansehen bei der Bevölkerung betrifft, den unvergessenen Ehrenspielführer von 1954, Fritz Walter, aber nach einem Gentleman-Maestro wie di Stefano hält man wohl vergebens Ausschau. Vielleicht, dass sich in der Schweiz in späteren Jahren der ebenfalls meist in Weiss gekleidete Roger Federer einmal eines ähnlichen lebenslangen Ansehens mit vergleichbarem Image erfreuen darf.
 
Mit zu meinen Erinnerungen an Alfredo di Stefano und das historische 2:2 der Schweiz im berühmtesten Stadion Spaniens gehört, dass ich mich nach dem Ende des Spiels als zehnjähriger Junge auf die nächste Wiese begab, gleich neben dem Restaurant Sternen in Würenlingen, um mit Kollegen dem Ball, der die Welt bedeutete, nachzujagen. Spaniens Trainer Herberto Herrera, nur einmal im Einsatz, wurde nach jenem Spiel unverzüglich entlassen. Heinz Schneiter hingegen hatte sein Abschiedsspiel erst 1966 an der WM in Sheffield.
 
 
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