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BLOG vom 13.07.2014


Elbsandsteingebirge 4: Dresden u. der schönste Milchladen
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Am 13./14.02.1945 zerstörten englische und amerikanische Bomberverbände das Stadtzentrum von Dresden. Etwa 25 000 Menschen fanden dabei den Tod. Fast 90 % der Gebäude wurden zerstört, darunter auch die Frauenkirche. 2 Tage nach dem Angriff stürzte sie aufgrund der gewaltigen Hitze von den umliegenden brennenden Gebäuden und einem Brand im Gestühl im Inneren der Kirche in sich zusammen.
 
1996 war ich mit dem Schwarzwaldverein Wehr zu einem Wanderurlaub im Erzgebirge unterwegs. Schon damals fuhren wir nach Dresden und lernten die Altstadt kennen. Was mich besonders erschütterte, waren Fotos auf einer Infotafel, die die Zerstörungen eines unseligen Kriegs zeigten. Aber auch das Trümmerfeld vor der Frauenkirche. Die Blöcke waren nummeriert und für einen Wiederaufbau hergerichtet.
 
Für den Wiederaufbau machte sich die Bürgerinitiative Dresden stark. Sie wurde unterstützt von 4 Fördervereinen in Grossbritannien, den USA, Frankreich und der Schweiz. Das 4.70 m hohe Turmkreuz wurde von der britischen Fördergesellschaft „Dresden Trust“ gespendet. An der Herstellung beteiligte sich auch der Sohn eines ehemaligen Bomberpiloten, der den Angriff auf Dresden mitgeflogen hatte.
 
1993 begann man mit der Entrümpelung. Im Schutt wurden 7000 Einzelstücke geborgen. Per Computer wurden diese erfasst, nummeriert und gelagert. 3539 Teile wurden dann in der Fassade wieder verwendet. Somit besteht die Frauenkirche zu 45 % aus originalen Teilen (in der Fassade an den dunklen Steinen erkennbar).
 
2006, zur 800-Jahr-Feier Dresdens, waren das Schloss und die Frauenkirche wieder aufgebaut.
 
Am 4. Tag unseres Wanderurlaubs konnten wir die Frauenkirche in voller Pracht sehen. Besonders der imposante Innenraum mit Altar, Emporen und neuer Orgel machte mich sprachlos. Von einem freundlichen Führer in der Kirche erfuhren wir, dass hier Raum für 1835 Menschen ist. Bis zum höchsten Punkt der Kuppel sind es fast 40 m. Die Baukosten der gelungenen Rekonstruktion wurden mit 132 Millionen Euro beziffert.
 
Schönster Milchladen der Welt
Bevor wir die Altstadt aufsuchten, stand eine Stadtrundfahrt mit einem Doppeldeckerbus auf unserem Programm. Eine solche Fahrt, die 11 Euro kostete, ist unbedingt zu empfehlen. Wir fuhren zunächst über die Augustusbrücke zur Neustadt. Bei der Überfahrt sahen wir in der Ferne die Yenidze der ehemaligen Zigarettenfabrik in Form einer Moschee mit farbiger Glaskuppel. „Da im Stadtgebiet damals keine Fabrik gebaut werden durfte, tarnten die Besitzer die Fabrik als Moschee. Das war erlaubt“, sagte unser Fremdenführer im Bus, der alle Sehenswürdigkeit per Mikrofon akribisch erläuterte.
 
Wir fuhren auch am Goldenen Reiter von 1736 vorbei. Er zeigt August den Starken, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, hoch zu Ross in römischer Rüstung. Während der Fahrt sahen wir hübsche Barockfassaden, die vom Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs verschont blieben.
 
Der Führer liess auch ab und zu seinen Humor aufblitzen. Als wir an einem grossen Gebäude vorbeifuhren, sagte er: „Hier sehen Sie das Gebäude der Raubritter – das Finanzamt.“
 
Ein Höhepunkt war der Halt an „Pfunds Milchladen“ in der Bautzener Strasse Nr. 79. Seit 1997 darf er sich laut „Guinness Buch der Rekorde“ als „schönster Milchladen der Welt“ nennen. Als wir hinein gegangen waren, wurden wir überwältigt von der Fliesenpracht auf Decken, Wänden, Böden und Verkaufstresen. In allen Räumen befinden sich auf beinahe 250 m2 handgemalte Majolikafliesen von der Dresdner Steingutfabrik Villeroy&Boch. Auf manchen dieser Fliesen wurde die Geschichte der Milchverarbeitung dargestellt. Es sind jedoch auch Fabelwesen, florale Elemente im Stil der Neurenaissance und der berühmte „Pfunds-Engel“ zu sehen.
 
Im Verkaufsraum wurden diverse Käseköstlichkeiten aus Kuh-, Ziegen- und Schafsmilch und andere Produkte wie Milchseifen, Schokolade, Milchgrappa, Schokoladenlikör angeboten. Diese Produkte kann man auch im Online Shop unter www.pfunds.de bestellen.
 
Es gibt auch Gruppenangebote wie beispielsweise Käseverkostungen mit Sächsischen Wein oder frischer Milch. Da wir nur 15 Minuten Aufenthalt hatten, mussten wir uns mit der Besichtigung sputen. Ich entdeckte neben dem Geschäft noch einen Senfladen mit über 200 Senfsorten.
 
Das „Blaue Wunder“
Wir fuhren dann am Deutschen Hygienemuseum vorbei zum Blauen Wunder. „Seit 1893 verbindet eine Brücke die Orte Blasewitz und Loschwitz“, erläuterte unser Führer im Bus. Dann erfuhren wir, dass Klaus Köpcke die eiserne Konstruktion, die pfeilerlos die Elbe in einer Weite von 150 m überspannt, erbaut hat. Die Eisenteile wurden aus ästhetischen Gründen mit blauer Farbe angestrichen. Die Brücke erhielt deshalb den Namen „Blaues Wunder“. Blasewitz war ab Mitte des 19.Jahrunderts ein Villenvorort von Dresden. Wir sahen viele ältere Villen, die zum Glück erhalten blieben. In Loschwitz entstanden auch prächtige Villen und 3 Schlösschen (Villa Stockhausen, Schlösser Albrechtsberg, Eckberg).
 
Auf dem Rückweg zur Altstadt überquerten wir die am 24.08.2013 offiziell eröffnete Waldschlösschenbrücke (Kosten: 182 Millionen Euro). Für mich unbegreiflich ist die Aberkennung des UNESCO-Welterbetitels (die Brücke wurde inmitten des UNESCO-Welterbes Kulturlandschaft Dresden gebaut). Die Brücke, die sich 2.5 km vom Ortszentrum befindet, stört in keiner Weise das Altstadtpanorama. Als ich unseren Führer darauf ansprach, erklärte er: „Da spielen wohl andere Entscheidungen eine Rolle. Man kann das nicht immer verstehen!“
 
Der Bau der Brücke war wichtig. Sie hat wichtige Anbindungen an das Strassennetz (im Norden mit mehreren Tunneln) geschaffen, ausserdem entlastet sie die benachbarten Brücken.
 
Der „Gebissene“ im Fürstenzug
Nach der interessanten Busfahrt bildeten wir 2 Gruppen, um die Altstadt getrennt zu erkunden. Unweit der Frauenkirche sahen wir den 102 m langen Fürstenzug. Es handelt sich um ein Monumentalmosaik aus 24 000 Meissner Porzellankacheln mit einer Darstellung der Fürsten des Hauses Wettin. Früher war der Fürstenzug in Kratzputztechnik dargestellt gewesen. Nachdem Bauschäden aufgetreten waren, brachte man 1906 die Kacheln an. Es war ein Glück, dass der Fürstenzug den Bombenhagel heil überstanden hat.
 
Unter den Darstellungen der Fürsten konnte ich u. a. folgende Namen lesen: „Friedrich der Gebissene“, „Friedrich der Ernsthafte“, „Friedrich der Strenge“, „Albrecht der Stolze“, „Dietrich der Bedrängte“, „Heinrich der Erlauchte“.
 
Nach der Beiss-Attacke von Luis Suárez in die Schulter seines Gegenspielers Giorgio Chiellini im Fussball-WM-Spiel Italien gegen Uruguay interessierte ich mich besonders für den Namen „Friedrich der Gebissene“ auf dem Fürstenzug. Unter www.uni-protokoll.de fand ich über den „Gebissenen“ nähere Angaben: „Friedrich war der Sohn Albrechts des Entarteten und wurde 1257 auf der Wartburg geboren. Der Sage nach biss ihm seine Mutter Margarete, welche vor ihrem Gemahl 1270 von der Wartburg floh, vom Abschiedsschmerz übermannt, in die Wange und so wurde er auch der Gebissene genannt.“
 
Semperoper, Zwinger
Wir lustwandelten anschliessend an der Semperoper und am Reiterdenkmal für König Johann von Sachsen vorbei und erreichten dann den weltberühmten Zwinger. Aus Zeitgründen konnten wir die Porzellansammlung und den mathematisch-physikalischen Salon im Zwinger und Museen in anderen Gebäuden wie die „Grünen Gewölbe“ des Residenzschlosses nicht besuchen.
 
Toni, der mit der anderen Gruppe unterwegs war, betonte, dass der Rundgang auf den äusseren Gemäuern des Zwingers sehr zu empfehlen ist. Von hier aus hat man einen prächtigen Blick auf den Glockenspielpavillon, das Kronentor (vergoldetes Symbol der Königswürde), den Innenhof des Zwingers, die Kunstakademie und die Hofkirche.
 
Etwas tiefer gelegen ist der Nymphenbrunnen, ein Werk des Bildhauers Balthasar Permoser (1651‒1732). 8 ansehnliche weibliche Wesen betrachten die kunstvollen Wasserspiele. Die Wesen werden von Satyrn beobachtet. „Die lebhafte Szene um die Kaskade symbolisiert die Sinnesfreuden des Barockzeitalters, die Bildhauer Permoser meisterhaft verewigt hat“, schrieb Wolfgang Kootz in seinem Stadtführer.
 
Sehr beeindruckend ist die Fassade der Semperoper. Da die Oper für Touristen verschlossen war, konnten wir den festlichen Zuschauerraum und die Doppelsäulen und Pilaster, die das Kreuzgewölbe im Treppenhaus tragen, nicht sehen. Ich tröstete mich mit Bildern aus dem Stadtführer.
 
Als ich damals mit dem Schwarzwaldverein Wehr unterwegs war, wollte ich in eine geöffnete Tür hineinschlüpfen. Aber eine Putzfrau verwehrte mir den Eingang. Sie hatte keine Kompetenz, Führungen zu machen und den Auftrag, ja keine Touristen hineinzulassen.
 
Manfred, Walter und ich besuchten nach dem Rundgang auf dem Zwingergelände die im Erdgeschoss befindliche Galerie im exklusiven „Hotel Taschenbergpalais“. Dort sahen wir ein Gemälde von Udo Lindenberg für 10 500 Euro. Es wurden aber noch andere Werke ab 23 500 Euro und Uhren ab 24 000 Euro angeboten.
 
Das Taschenbergpalais liess August der Starke 1706 für seine Mätresse, die Gräfin Cosel, direkt neben dem Schloss errichten. Das Haus wurde im Krieg zerstört und dann nach historischem Vorbild wieder aufgebaut.
 
Toni hatte einen Treffpunkt am Luther-Denkmal vor der Frauenkirche ausgemacht. Die meisten Wanderfreunde traf ich am Elbterrassenufer wieder. Wir genossen den Blick auf die Elbe und auf einen Schaufelraddampfer. Claus gesellte sich später am vorgesehenen Treffpunkt zu uns.
 
Dresden, die Sächsische Residenz, hinterliess bei allen einen unvergesslichen Eindruck. Auch wurde mir bewusst, welche gewaltigen Anstrengungen unternommen wurden, um aus einer zerstörten Stadt wieder eine prächtige zu schaffen. Die Stadt stand aus der Asche auf wie der mythische Vogel Phönix.
 
Letzter Teil folgt.
 
 
Internet
http://de.wikipedia.org (Infos zur Waldschlösschenbrücke)
 
Literatur
„Elbsandsteingebirge“, ADAC Wanderführer, ADAC Verlag, München, 2011.
Kootz, Wolfgang: „Dresden“ (Bildführer durch die Landeshauptstadt und ihre Umgebung), B&V Verlag, Dresden 2011.
Strohbach,Heinz: „Basteigebiet“, Herausgeber: Gemeindeverwaltung Lohmen, 2012.
Taube, Angelika: „Festung Königstein“ (Die Bergfestung in der Sächsischen Schweiz), TopSpot Guide, Verlag GbR, Hamburg.
 
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