Textatelier
BLOG vom: 27.07.2014

Tagebücher sind Schatullen für das vergangene Leben

Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich
 
Aus ihnen ziehe ich immer wieder einmal eine spezielle Geschichte hervor. Und diesmal ist es sogar eine hölzerne Schatulle, die im Mittelpunkt steht.
 
Primo schenkte sie mir vor 3 Jahrzehnten. Als Kubus hergestellt, war sie für eine vorhandene Glaskugel bestimmt. Mit Messingscharnieren auseinanderziehbar. Ein Verleimer. So nennt er seine Objekte, die er aus verschiedensten Hölzern gestaltet. Ein Werk aus seinen Händen, geprägt von seinem Schönheitssinn und mit Materialien erschaffen, die vermutlich andernorts als Abfall weggeworfen worden wären. Stücke auch mit ausgebrochenen Ästen, verwurmt, zerrissen.
 
Ich notierte damals ins Tagebuch: Bevor ich wusste, dass dieses Gefäss unsere wertvolle Glaskugel, die wir Wahrsagerkugel nennen, beherbergen soll, betrachtete ich dieses Werk als ein Stück Lebensgeschichte von uns beiden. Geschaffen mit markanten Hölzern, hell und dunkel, unauffällig und ebenso auch ausgefallen. Mit bekannten Hölzern aus unseren Breitengraden. Und mit dem Exoten Rio-Palisander ergänzt.
 
Als ich davon sprach, lachte er und sagte: Und dä Wurm isch au dinä. (Und der Holzwurm sei auch dabei.)
 
Er verunsicherte mich aber nicht. Ich sah in dieser Gestaltung ein getreues Abbild vom Leben. Von Ordnungen, Zusammenspiel und Darstellung dessen, was uns mit andern verbindet oder trennt. Auch von Wachstum, Stärke, Schönheit und ebenso von Zerfall.
 
Da Primo keine Scheu hatte, verwurmtes Holz zu verwenden, hatte ich in jenem Augenblick auch keine Scheu, dazu zu stehen, dass in unserem Leben auch verwurmte oder angefressene Elemente auszumachen seien. Zusammenfassend schrieb ich, alles zusammen sei schön. Und heute denke ich dazu, besonders die angefressenen Teile würden das Objekt interessant machen.
 
Jetzt, nach 31 Jahren, als ich diese kostbare Arbeit wieder einmal bewusst in die Hände nahm, staunten wir, wie gut erhalten sie ist. Die Löcher gehörten schon damals dazu. Primo hatte sie im Deckel und auf Seitenteilen so eingesetzt, dass sie als Augen oder Fenster wahrgenommen werden können.
 
Fingerdicke Holzwürmer hatten in einer Art Tunnelbau einen Kanal geschaffen, der sie schlussendlich ins Licht führte. Sie frassen solange vom Holz, bis sie aus ihm herausfanden. Zurückgekommen sind sie nicht mehr. Ihre Behausung ist leer. Seit Jahrzehnten schon. Sie kamen auch nicht auf die Reise in die Schweiz mit.
 
Die Löcher in diesem kleinen Stück Riopalisander sollten zeigen, wie dick die südamerikanischen Holzwürmer sind. Eine Kundin brachte das Holz aus Brasilien in unsere Werkstatt. Selber als Künstlerin tätig, sah sie sofort die aussergewöhnlich schönen Formen der Löcher. Wie vorausgesehen, inspirierten diese dann den Schreiner, und das erwähnte Objekt entstand. Das beinahe schwarze, harte Holz hat sich bis heute nicht verändert. Und wie schon gesagt, die Holzwürmer sind ihm nicht in die Schweiz gefolgt.
 
Was auch auffällt: Die verschiedenen Holzarten, an verschiedenen Orten und unter verschiedensten Einflüssen aufgewachsen, fühlen sich mehrheitlich wohl in diesem Werk. Es sind nur wenige Haarrisse auszumachen, die auf erlebte Spannungen hinweisen.
 
 
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