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BLOG vom 14.10.2014


Siegfried Lenz: Das zärtliche Suleyken verlor den Chronisten
Autor: Walter Hess, Publizist (Textatelier.com), Biberstein AG/CH
 
 
Kein namhafter Schreiber, Journalist oder Schriftsteller kann es sich erlauben, einen Bogen um die Literatur zu machen. Wer einen persönlichen Stil finden und ihn verbessern will, muss sich von talentierten Autoren inspirieren lassen. Lesen. Lesen. Sie sind die Lehrmeister, die es immer braucht, will man ein handwerkliches Können zur Perfektion bringen, ein jahrelanger, vielleicht lebenslanger Prozess, der reiche Früchte trägt. Das Lesen ist jedermann bekömmlich, gefährdet es doch die Dummheit, wie ein Slogan des Buchhandels vermeldet. Für dumm gehalten werden die Leser von den meisten Printmedien, die nur noch Kurzfutter verbreiten, ihre Kunden nicht durch Nachdenkliches anregen, sondern einfach unterhalten und ablenken wollen – ich empfinde dies als permanente Beleidigung. Vielleicht können die multimedialen Zeitungs- und Zeitschriftenmacher und anverwandte Berufsleute selber nicht mehr so richtig schreiben, weil ihnen die Zeit zum Lesen fehlt.
 
Das Publikum: Für wache Geister, die nicht dösend vor dem Fernseh-Bildschirm herumhängen, kann das Lesen zum Faszinosum, ja zur Sucht, werden. Einem solchen Fall ist bezeichnenderweise die 1. der „Masurischen Geschichten“ von Siegfried Lenz gewidmet, die 1955 unter dem Titel „So zärtlich war Suleyken“ erschienen sind. „Der Leseteufel“ heisst sie. Siegfried Lenz, der am 07.10.2014 in Hamburg im Alter von 88 Jahren verschieden ist, berichtet darin von Hamilkar Schass, seinem Grossvater, der sich mit, „sagen wir mal“, 71 Jahren fast ohne fremde Hilfe das Lesen beigebracht hat. Er las und las und las auch dann noch, als der General Wawrila unter „Sengen, Plündern und ähnlichen Dreibastigkeiten aus den Rokitno-Sümpfen nach Masuren aufbrach“. Krieg hin oder her, Hamilkar Schass las weiter, klatschte in die Hände, stiess, wenn er in seinen Texten neue Entdeckungen machte, „sonderbar dumpfe Laute des Jubels aus. Die Leidenschaft des Lesens hatte ihn erfasst“. Alle Leute in Suleyken waren ob der Bedrohung durch General Wawrila in Angst und Schrecken versetzt, nur Hamilkar Schass nicht: „Sein Auge leuchtete, die Lippen fabrizierten Wort um Wort, derweil sein riesiger Zeigefinger über die Zeilen des Masuren-Kalenders glitt, die Form einer Girlande nachzeichnend, zitternd vor Glück.“ Und als der Satan aus dem Sumpf im Dorf angekommen war und der Adolf Abromeit, ein magerer, aufgescheuchter Mensch, den Satan bereits in der Kimme seiner Flinte hatte, wollte Hamilkar Schass nur noch das Kapitelchen zu Ende lesen, um dann alles zu regeln, wie sich’s gehört. Adolf Abromeit aber war am Ende seiner Nerven angekommen, versetzte seinem Grossvater „– jeder Verständige wird’s verzeihen – einen Tritt und rief: ,Der Satan Wawrila, Hamilkar Schass, steht vor der Tür’“. Doch der Grossvater wollte nur noch 5 Seiten lesen, bevor alles geregelt würde. Es regelte sich alles von selbst. Um es kurz zu machen: Den Satan packte angesichts dieser Macht des Lesens nämlich das blanke Entsetzen, und er floh.
 
Siegfried Lenz hat, neben anderem Bemerkenswertem, eine Serie von solch wunderschönen Geschichten geschrieben. Und wie er sie schrieb! Ich habe das Buch über Suleyken (irgendwo und nirgendwo in Masuren, Polen, gelegen), wo man ohne den technischen Fortschritt auszukommen glaubte, 1960 gelesen. Masuren war die Heimat von Lenz, aus der er vertrieben wurde. Es erging mir wie dem Hamilkar Schass. Ich konnte nicht mehr aufhören. Ein damaliger Freund von mir, Joe, den ich im Militär kennengelernt hatte, war der Siegfried-Lenz-Lektüre ebenfalls verfallen, und für unsern Briefwechsel übernahmen wir den hier vorgefundenen Stil mit den Floskeln, ständigen Namenswiederholungen.
 
Der Stil von Siegfried Lenz: Siegfried Lenz wiederholt immer wieder den vollen Namen und die Funktion des gerade zur Debatte stehenden Protagonisten, flicht Beschreibungen der einzelnen Personen und Höflichkeitsfloskeln ein, so dass sie dem Leser sofort vertraut und immer vertrauter werden. Er redet, er redet an, lässt reden und die Seelen seiner kuriosen Gestalten, die immer liebenswert sind, offenbaren sich den Zuhörer mit zunehmender Deutlichkeit. Hinter der vermeintlichen Naivität der Darstellungsweise verbirgt sich ein Sprachkunstwerk, gerade wegen des einfachen Vokabulars, das ebenso verständlich wie der Ablauf der Handlung ist. Dem Leser wird es verunmöglicht, einen Namen oder die Elemente der Dramatik zu vergessen; alles wird laufend und wiederholt in Erinnerung gerufen. Er wird gezwungen, immer wieder hinzuschauen, wird eingebunden, mit allem vertraut. Die Bedächtigkeit, Gelassenheit und die Wiederholungen sind ebenso wichtige Mittel zu diesem Zweck wie Siegfried Lenz’ verschrobener Humor, der gelegentlich aus einer Überzeichnung hervorwächst. Man versteht ihn, und das war eines seiner ersten Anliegen.
 
Wer wie der Hamilkar Schass zum Leser und vielleicht zum Leseteufel werden und alle diesbezüglichen Vorteile einheimschen will, kann die literarische Welt gut durch das Werk von Siegfried Lenz betreten. Der Eindringling ist beim Einfachen, Verständlichen und gleichwohl auf literarischer Höhe angelangt.
 
In seiner Würdigung im Textatelier.com-Blog vom
hat der Historiker und Schriftsteller Pirmin Meier den Verstorbenen zutreffend als einen „der glaubwürdigsten verbliebenen Autoren seiner Generation“ bezeichnet. Wenn Hamilkar Schass heute jenes Blog wie ein Stück Rauchfleisch, das er sich beim Verlassen seines Heims auf den Rücken zu binden pflegte, verschlingen könnte, würde er für die Zeit der Lektüre die beunruhigte Welt vergessen und sagen: „Nur noch 2 Seiten, wenn ich bitten darf, dann wird alles geregelt, wie es sein soll.“
 
 
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