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BLOG vom 29.10.2014


Wallgraben Haideck: Kulturdenkmal im Oberen Wiesental
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
„Die oberhalb von Schönau gelegene Wallgrabenanlage, die entweder von den Kelten oder Alemannen im Zeitraum 1000 v. Chr. bis 1000 n. Chr. erbaut wurde, müsstet Ihr gesehen haben. Das gibt ein schönes Blog“, schwärmte unser Wanderführer Toni Fitting von Lörrach D. Seine Begeisterung kannte keine Grenzen. Im Rahmen des „Haideck-Wochenends“ hatte er schon am 12.10.2014 an einer Führung mit dem Förster Rolf Berger teilgenommen, und er lernte bei jener Gelegenheit die Anlage kennen. Wegen des grossen Besucherandrangs wurden insgesamt 4 Führungen, darunter 2 von Christine Stiegeler, 1. Vorsitzende des Fördervereins Klösterle Schönau e. V. (www.kloesterle-schoenau.de), durchgeführt. Die Veranstaltung umfasste neben Führungen auch einen Vortrag des Historikers Prof. Dr. Klaus Schubring am 11.10.2014; beides stiess auf grosses Interesse.
 
Tonis Hinweis war Musik in unseren Ohren. Wir wollten diese Anlage unbedingt ebenfalls in Augenschein nehmen. Am 20.10.2014 fanden sich 7 Freunde ein, um das Vorhaben zu verwirklichen. Sie fuhren nach Schönau und begaben sich auf einem Wanderweg zum Schlageter-Denkmal. Über dieses Denkmals und eine Wanderung auf dem Philosophenweg schrieb ich ein Textatelier.com-Blog am 16.12.2006 („Wanderung der anderen Art: Gletscher, Philosophen, Denkmal“). Nach der Besichtigung des Gletscherschliffs im Denkmal begaben wir uns auf dem Haideckpfad zum unteren Eingang der Wallgrabenanlage, der sich hinter einer alten Weidbuche befindet.
 
Der Höhenrücken (690 m ü. NN) wird übrigens im Volksmund „Haideck“ oder „Haidechopf“ genannt. Der Namensteil „Haid“ (Heiden) weist auf ein hohes, vorchristliches Alter der Anlage hin. Es ist jedoch noch nicht sicher, ob die Verteidigungsanlage bzw. Schutz- und Rückzugsanlage durch Kelten oder Alemannen geschaffen wurde. Sie kann aber auch erst im 8. Jahrhundert während der Auseinandersetzungen der Alemannen mit den Franken errichtet worden sein.
 
Die eingangs erwähnte Datierung ist grosszügig gehalten. Wie Frau Stiegeler erwähnte, findet sich vielleicht einmal ein Doktorand, der sich für die Wallgrabenanlagen im Schwarzwald interessiert und die Datierung konkretisiert.
 
Es gibt insgesamt 60 Wallgrabenanlagen an den Schwarzwaldhängen. Diejenige in Schönau ist die einzige bekannte Anlage im Oberen Wiesental. Auf dem Haideck sind künstlich angelegte, bis zu 8 Meter breite Gräben zu sehen. Es sind Überreste eines alten Befestigungswerks. Die Wälle über den Gräben waren wohl durch Konstruktionen aus Holz oder Steinen und Erde gesichert. Die Geländeformation ist an einigen Stellen intelligent ausgenutzt worden. An einigen Stellen schützen Felsen und Steilabhänge die Anlage.
 
Innerhalb der Wallgrabenanlage befindet sich eine Allmendweide. Hier grasen meist Hinterwäldler. Diese Rinderrasse ist die kleinste in Mitteleuropa. Sie ist widerstandsfähig und langlebig. Wegen ihres geringen Gewichts und der guten Beweglichkeit eignen sie sich besonders gut als „Landschaftspfleger“ auf Weiden in Hanglagen.
 
Auf Erkundungstour
Nach diesen einführenden Worten zurück zu unser Erkundungstour: Auf einer sehr schön gestalteten Tafel (insgesamt wurden 4 im ganzen Areal aufgestellt) am unteren Eingang „Rundweg Wallgraben Anlage“ konnten sich die Besucher an Hand einer farbigen Zeichnung über die 1.6 Hektar grosse Anlage informieren. Rechts von der Tafel ging es über einen schmalen Weg steil aufwärts zum Eingang mit Tor. Gut, dass wir feste Wanderschuhe trugen, denn an einigen Stellen war es doch etwas rutschig.
 
Der Rundweg in der Wallgrabenanlage ist vorbildlich mit einem gelb-roten Pfeil auf Steinen gekennzeichnet. Wir wanderten zunächst zur runden Hochfläche. Hier könnten einige wehrhafte Gebäude gestanden haben. Dann schlug das Herz so mancher Pilzfreunde intensiver. Wir entdeckten auf der Hochfläche einige schöne Exemplare des Parasolpilzes. Unweit davon sah ich auf 2 bemoosten Baumstümpfen einige kleine schöne Baumpilze. Es waren ausgezeichnete Fotomotive!
 
Toni führte uns dann zur Heidenküche und zum Steincarré. Die Heidenküche ist eine Grube, die im Volksmund so bezeichnet wird. Es ist nicht geklärt, welche Bedeutung diese Grube hatte.
 
Herrlicher Ausblick auf Schönau
Das Steincarré ist ein viereckiger Aushau des Felsens, in dem eine Sitzbank steht. Auf der Lehne der Bank las ich „Verweile – Augenblick, du bist so schön“. Nun, wir verweilten auch und genossen den Rundumblick über ganz Schönau. Im Vordergrund erblickten wir die imposante Anlage des Schlageter-Denkmals, im Ort die 1904‒1907 im neugotischen Stil erbaute katholische Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt („Münster des Wiesentals“) mit ihrem 90 m hohen Glockenturm (es ist der höchste im Landkreis Lörrach), und in der Ferne das „Jogi Löw-Stadion“.
 
Auf unserem Rückweg machte ich noch einen Abstecher entlang des Nordgrabens, und fotografierte den Letzbergweiher. Ein schmaler, steiler Pfad führt zum Teich. Möglicherweise war dies ein Eselspfad. Im Hochmittelalter waren solche Pfade üblich, weil meist Esel zum Wassertragen eingesetzt wurden.
 
Kleines Fazit
Die Anlage ist in einem guten Zustand. Verantwortlich für die Hurst-Aktionen und Ausstattung mit Tafeln ist der erwähnte Förderverein Klösterle. Die Vereinsmitglieder haben viele freiwillige Arbeitsstunden investiert, um dieses Kulturdenkmal zu erhalten und für Besucher aus Nah und Fern attraktiv zu präsentieren. Solche Aktionen sind oft nur durch Vereine mit ihren freiwilligen Helfern zu realisieren.
 
Christine Stiegeler teilte mir in einer E-Mail am 24.10.2014 mit, was der Verein und ihre Mitglieder bisher leisteten:
 
„Der Verein Klösterle Schönau e. V. hat die Patenschaft für die Anlage übernommen, und die Arbeitsstunden sind nicht zu zählen, da Hurstaktionen regelmässig stattfinden müssen, um die Gräben frei zu halten. Arbeit und Zeit stecken auch in den Infotafeln und der Koordination mit Helfern, Forstamt, Naturschutz, Stadt Schönau, Presse, Amt für Denkmalpflege und dem Bauern, der die Allmendweide nutzt und uns tatkräftig unterstützt. Das Haideck ist bis heute eine Allmend. Im Frühjahr 2013 haben sich übrigens spontan etwa 30 Schönauer auf unseren Aufruf hin mit Freischneidern etc. aufgemacht, um die Anlage erstmals freizulegen. Hierzu gibt es ein Video, das unser Verein gemacht hat und das wir zu Öffnungszeiten des Klösterle Museums (Mai bis September) vorzeigen.“
 
Wünschenswert sind Ausgrabungen, die bisher nicht erfolgt sind. Anhand von Fundstücken könnte man dann das Alter der Anlage bestimmen. Das Denkmalamt zeigte bisher wenig Interesse, weil es sich um Allmendweiden, also unbebautes Gelände der Stadt, handelt.
 
Das Amt für Denkmalpflege hat das ganze Areal zum Glück unter Bodendenkmalschutz gestellt. Das erwähnte Amt erklärte nach Auswertung von Bodenscanns dem Verein 2013 mit, dass es sich hier um eine Verteidigungsanlage handelt.
 
Anhang
Kelten und Alemannen im Schwarzwald
Das Volk der Kelten siedelte ab der Eisenzeit (ab 800 v. Chr.) rund um den Schwarzwald. Sie gründeten schon die ersten städteähnlichen Siedlungen, wie im Dreisamtal, bei Breisach und Burkheim, in Ehrenkirchen und auf der Baar. Spektakulär war die Entdeckung des keltischen Fürstengrabes von Hochdorf. 550 v. Chr. wurde ein etwa 40 Jahre alter Kelte mit fürstlichem Pomp bestattet. 1978 und 1979 wurde das unberaubte Grab vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg geöffnet und untersucht. Später wurde die Totenausstattung geborgen und aufwändig restauriert.
 
Ein weiteres keltisches Fürstengrab wurde im Grabhügel Magdalenenberg bei Villingen entdeckt. Mittels dendrochronogischer Untersuchung wurde das Alter des Grabes mit 616 v. Chr. datiert. Leider wurde dieses Grab 500 v. Chr. ausgeraubt. Es konnten jedoch eine Fülle archäologischer Funde geborgen werden.
 
Diese Gräber und weitere Funde zeigen die hohe handwerkliche Kunst der Kelten. Die Zeit der Kelten endete als die Römer erst die Gallier, dann weitere Stämme unterwarfen.
 
Dann kamen die Alemannen. Sie überwanden 250  n. Chr. den Limes und konnten bis in den Schwarzwald vordringen. Ab dem 4. Jahrhundert blieben die Alemannen dauerhaft in dieser Region, später auch im Elsass, in der Schweiz, im westlichen Bayern, im Bodenseeraum und in Vorarlberg. Die Ansiedlungen wurden begünstigt, weil die Römer die Grenzen im 5. Jahrhundert nicht mehr verteidigen konnten.
 
 
Internet
 
Literatur
Biel, Jörg: „Der Keltenfürst von Hochdorf“, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1985.
Mehling, Marianne (Hg.): „Knaurs Kulturführer in Farbe Schwarzwald“, Droemer-Knauer Verlag, München 1994.
Wehrle, Verena: „Eine Reise in die Vergangenheit“, Markgräfler Tagblatt vom 13.10.2014.
 
 
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