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BLOG vom 08.11.2014


Pressekonferenzen: Promotion, Viagra und Freie Radikale
Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
 
Nachdem Walter Hess am 27.10.2014 ein entlarvendes Blog über die Käuflichkeit von Journalisten publiziert hat („Journalisten-Käuflichkeit in Deutschland und in der Schweiz“), kam ich auf die Idee, meine eigenen Erfahrungen mitzuteilen. Einige Erlebnisse bei diversen Pressekonferenzen, um die man nicht herum kam, dürften auch für die Leser von Interesse sein. Hier werden die lustigen als die grundsätzlichen Aspekte aus der Welt des Wissenschaftsjournalismus zum Besten gegeben.
 
In den 1980er- und 1990er-Jahren wurde ich im Auftrag der Zeitschriften „Ratgeber“ und „der fuss“ (spätere Bezeichnung „Podologie“) oft zu Orientierungen für Presseleute eingeladen. Die Veranstalter beobachteten anschliessend sehr genau, ob die Journalisten über die vorgestellten Produkte in von ihnen vertretenen Zeitschriften berichteten. Wenn nichts publiziert wurde, schauten die Journalisten in Zukunft in die Röhre, das heisst, sie bekamen keine Einladung mehr.
 
Für die Firmen, die oft Agenturen beauftragen, sind diese Promotionen, also eine Absatzförderung durch gezielte Werbemassnahmen, sehr wichtig. Sie erwarten Erfolge. Die Presseveranstaltungen sind in der Regel sehr teuer. Wenn sich beispielsweise 50 Journalisten zu mehrtägigen Anlässen anmelden, können sich die Kosten für Anreise, Übernachtung, Veranstaltungen, Referenten, Moderatoren, Pressematerial schon mal mit 100 000 Euro und mehr zu Buche schlagen.
 
Es gibt Marketing-Veranstalter, die „aufmerksame“ Presseveranstaltungen anbieten. Sie werben dabei mit Veranstaltungen zur Einführung eines Produkts, Marketing-Events und PR-Aktionen, Foto- und Filmtouren. Die Produkteanbieter, die genügend Geld haben, können Künstler und Event-Attraktionen direkt buchen und sofort mieten.
 
Für mich waren die Infos in Pressemappen wertvoll, wenn sie fundiert waren, da ich immer wieder bei meinen Artikeln auf das Präsentierte zurückgreifen konnte. Es waren in der Regel wissenschaftliche Studien, die mit dem einen oder anderen Präparat durchgeführt wurden. Auch der Erfahrungsaustausch mit Journalisten, Professoren, Naturheilärzten und Heilpraktiker war für mich ein Gewinn.
 
Ich dachte mir dabei immer wieder: „Sind wir Berichterstatter käuflich?“ Werbeeffekte sollten nicht im Vordergrund stehen; denn es sind ja zuverlässige Studien, die Produkte in ein günstiges Licht rücken. Einige Zeitungen drucken grundsätzlich keine Produktewerbungen ab, damit sie nicht mit dem Pressegesetz in Konflikt geraten.
 
Oft wurden kleine Berichte über die Presseveranstaltungen unter „Neues aus der Medizin“ oder „Promotion“ veröffentlicht. Hier ein Beispiel aus dem „Ratgeber“ 04/1997:
 
Homocystein, eine Aminosäure, die im Körper gebildet wird, ist nach neuesten Erkenntnissen ein selbständiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Prof. Dr. Klaus Pietrzik, Universität Bonn, gab auf einem „evi“-Vitamin-Colloquium in Bonn bekannt, dass Vitamin B6, Vitamin B12 und Folsäure einen erhöhten Blutspiegel zu senken vermögen. Dabei hat die Folsäure den grössten Effekt. Untersuchungen ergaben, dass Menschen, die unter einem Folsäuremangel leiden, besonders hohe Homocysteinwerte haben. Folsäure ist daher nicht nur für Schwangere von grosser Bedeutung. Das Vitamin ist in Weizenkeimen, Weizenkleie, Sojabohnen, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüssen, Bierhefe, Leber, Eiern und Käse enthalten.
 
Über die folgenden Pressekonferenzen berichtete ich in der Zeitschrift „der fuss“ ausführlich:
 
Am 22./23. Oktober 1992 wurde ich als freier Autor ins Genfer „Noga-Hilton-Hotel“ zu einem von der Hoffmann-La Roche AG initiierten Pressegespräch über ein neues Antimykotikum eingeladen. Geboten wurde auch ein interessantes Rahmenprogramm, das unter anderem eine Führung durch das Gebäude der WHO umfasste.
 
Eine Pressekonferenz über die transdermale Medikation fand im Oktober 1988 in einem Konferenzraum auf dem Jungfraujoch statt (die Übernachtung war im Hotel „Victoria-Jungfrau“ in Interlaken). Es wurde berichtet, dass man durch diese Therapieform vom hohen Tablettenkonsum wegkommen könnte. Es handelte sich um eine Wiederentdeckung. Bei der transdermalen Medikation wird der Arzneistoff (ätherische Öle), der sich in einem speziellen und neuartigen Applikator befindet, von der Haut aufgenommen. Die Wirkstoffe überwinden die Hautschichten und gelangen bis in die Blut- und Lymphgefässe. Diese Medikation mit ätherischen Ölen wirkt offenbar sehr gut bei Rheuma, Kopfschmerzen und Migräne.
 
Einladungen erhielt ich auch nach Hamburg und Kopenhagen. Das jeweilige Rahmenprogramm war erstklassig. In Hamburg besuchten die Pressevertreter das Musical „Cats“, und in Kopenhagen wurde eine Rundfahrt mit einem historischen Segelschiff durchgeführt.
 
Das Kennenlernen und der Informationsaustausch mit Experten und Referenten waren für mich immer ein Erlebnis. Manche Begebenheiten waren amüsant, wie die folgenden Beispiele zeigen:
 
Freie Radikale
Auf einer Presseveranstaltung in Baden-Baden diskutierten Fachleute über freie Radikale. Das sind hochaktive Verbindungen, die laufend im Körper entstehen und Zellbausteine zerstören können. Meinte ein Journalist zum anderen: „Neulich erwähnte ich die freien Radikale in einem Gespräch. Mein Gegenüber hatte von diesen noch nie etwas gehört. Er meinte doch tatsächlich, es wären Krawallmacher, die immer noch frei herumlaufen.“
 
Rucksackbeladen zum Kongress
Überraschend war für mich, dass nicht alle Teilnehmer des „2. Weltkongresses für Naturheilkunde“ in Biel BE/CH 1976 mit Anzug, Jackett und Krawatte erschienen, sondern viele ganz salopp herumliefen. Ein Engländer, er sah aus wie ein verkappter Professor, der in der Nähe von mir im Vortragssaal sass, hatte Hosenträger an und lauschte hemdsärmelig den Worten des Vorsitzenden. Den Vogel schoss jedoch ein bärtiger Besucher ab, der während eines Vortrags mit Rucksack auf der Bildfläche erschien. In der Pause packte er seine Brotzeit aus und schmatzte, dass es eine wahre Freude war.
 
Begegnung mit Alfred Vogel
Bei diesem Kongress lernte ich auch einen der bekanntesten Verfechter der Natur- und Pflanzenheilkunde in der Schweiz, Alfred Vogel (1902‒1996), kennen. Daraus entwickelte sich eine exzellente Zusammenarbeit bei Publikationen.
 
Als junger Autor empfand ich es als Ehre, von Alfred Vogel zu einem Mittagessen mit einigen Fachleuten und Mitarbeitern seiner Firma eingeladen zu werden. Es entwickelte sich ein interessantes Gespräch über die Forschungsreisetätigkeit von Alfred Vogel in Nord-, Zentral- und Südamerika, Australien, Neuseeland und Tasmanien und vom Studium der Naturvölker in Afrika. Auch berichtete er, dass er in Montreal das 1. Reformhaus gegründete habe, und zudem erzählte er von seinen Versuchen, Vollkornbrot in verschiedene Länder einzuführen. Er musste viel Überzeugungsarbeit leisten. Aber schliesslich setzte sich das gesunde Brot überall durch. Der Heilpflanzenpionier war übrigens der 1. Unternehmer, der in Australien Vollkornbrot auf den Markt brachte.
 
Ein kranker Landarzt
Während des 2. Weltkongresses für Naturheilkunde in Biel lernte ich einen Landarzt aus der Pfalz kennen. Der damals 62-Jährige erzählte von seinen Nöten: „Stellen Sie sich vor, in den letzten 6 Monaten habe ich keine Nacht durchgeschlafen. Immer werde ich von Patienten gerufen. Oft sind es Nichtigkeiten, aber das weiss man erst, wenn der Kranke nicht so krank ist, wie er vorgibt. So wurde ich zu einer älteren Frau gerufen, die meinte, sie wäre jetzt froh, dass einer bei ihr sei, sie fühle sich so einsam und hätte Angst und könne nicht schlafen. Ein anderes Mal rief mich ein Bauer um Hilfe. Er spielte bei seiner Kuh Geburtshelfer und verletzte sich dabei bös am Finger.“
 
Der total Gestresste hat inzwischen schon 3 Herzinfarkte, einen Niereninfarkt und noch einige andere Dinge überlebt. Nun habe er genug von den Krankheiten, er wolle sich bald zur Ruhe setzen. Dies tat er auch. Er verbrachte seinen Lebensabend auf Teneriffa, weitab von seinen Patienten.
 
Währschafte Schweizer
Anlässlich eines Seminars über Wundbehandlungen in Bern zeigte eine Pflegeexpertin des Inselspitals beeindruckende Dias über Makrophagen und Lymphozyten. Diese Abwehrzellen sind äusserst wichtig für die Wundheilung. Als auf einem Bild eine ganze Meute dieser Abwehrzellen zu sehen waren, sagte die Referentin: „Die sehen aus wie währschafte Schweizer, die sich zusammenraufen.“
 
Viagra über alles
Anlässlich einer Pressekonferenz über Lifestyle-Drogen auf der „Medica `98“ erzählte Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen folgende Geschichte über Viagra:
 
Ein besonders geschäftstüchtiger Mann verkaufte unter der Hand blau eingefärbte Fisherman´s Friend Pastillen als Viagra. Ein Anwender, ein Freund dieser Pfefferminzpastillen, bemerkte, er habe dabei nichts gedacht und nahm sie mehrere Tage ein. Dann kaufte er sich eine neue Packung Pfefferminzpastillen in einem Geschäft und verglich. Im Geschmack waren diese identisch. Er meldete dies der Arzneimittelkommission. Da flog der ganze Schwindel auf. Der „Geschädigte“ äusserte gegenüber einem Arzt dieser Kommission: „Die falschen Tabletten haben ihre Wirkung nicht verfehlt, ich konnte plötzlich wieder.“
 
Eine andere Geschichte über Viagra, die nicht nur unter Journalisten kursierte: Eifrig schnitt ein Metzger für eine Kundin dünne Schnitzel aus einem währschaften Stück Schweinefleisch. Irgendwie kamen die beiden auf die Potenzpille Viagra zu sprechen. „Für zuhause ist Viagra mir zu teuer“, äusserte der Metzger, und er fuhr fort: „Meine Frau muss mit dem zufrieden sein, was bei mir kommt.“ Der Freund des Fleisches schnitt ohne aufzublicken weiter.
 
Nix Fleisch, es ist Ramadan
Auf einem Ärztekongress in Baden-Baden gaben Ärzte im privaten Kreise einige Geschichten, die auch in der Ärztezeitschrift „Medical Triubune“ publiziert wurden, über ihre Patienten zum Besten: Ein türkischer Patient, der schon länger Prostatabeschwerden hatte, kam während des Fastenmonats Ramadan in die Praxis, um sich einen Rat zu holen. Nach einer Allgemeinuntersuchung wollte der Arzt mit dem Finger an die Wurzel des Übels gelangen. Er kam jedoch nicht dazu. Der Patient sprang auf und meinte: „Herr Doktor, jetzt Ramadan, nix Fleisch, nix Frau, nix Finger.“
 
Hund auf der Damentoilette
Während des I. Internationalen Fusstherapeutischen Symposiums 1999 in Friedrichshafen (dort hielt ich einen Vortrag) hatten 2 Damen ihre Hunde dabei. Die Vierbeiner wurden überall mitgenommen, auch in den grossen Vortragssaal. Hier wurde referiert, diskutiert und Beifall gespendet. Als ein Vortragender an einer Stelle seiner fulminanten Rede auf Beifall wartete und dieser nicht kam, bellte ein Hund beifallsheischend in den Saal. Nun hatte der Redner seinen Beifall vonseiten der belustigten Zuhörer.
  
*
Will man an Informationen aus dem Forschungs- und Vermarktungsbereich herankommen, sieht man sich fast gezwungen, an Pressekonferenzen teilzunehmen, was nicht bedeutet, sich gleich ins Vermarktungskonzept einspannen zu lassen. Der erfahrene Publizist wird diesen Spagat schaffen. Produktenennungen sind nötig, wenn sie dem Informationsbedürfnis des Lesers dienen.
 
Der Rahmen rund um solche Medien-Veranstaltungen bietet immer wieder nette Vorkommnisse, die sich journalistisch verwerten lassen. Das Rezept: Informationen sammeln, kritisch bewerten und bei der Weitergabe strickte an die Bedürfnisse des Publikums denken.
 
 
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