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BLOG vom 25.12.2014


Ausschau gehalten nach einer Weihnachtsgeschichte
 
Autorin: Rita Lorenzetti, Zürich-Altstetten
 
 
Eine Freundin fragte mich dieser Tage, ob ich schon eine Weihnachtsgeschichte geschrieben habe. Es wäre an der Zeit. Sind solche überhaupt noch gefragt?
 
Weihnachtsgeschichten, die für mich Weihnachtsgeschichten geblieben sind, verstehen wahrscheinlich nur noch Menschen, die über 60 Jahre alt sind. Armut und vom Schicksal erzwungene Bescheidenheit waren uns allen wohlbekannt. Aber Wunden in einer Stadt wie Paris, die lernte ich erst 1958 kennen. Dort, wo ich wohnte (6. Arrondissement), war ich Nachbarin eines Trümmerhaufens. Eine für Paris typisch grosse Wohnsiedlung lag am Boden. Es dauerte Jahre, bis alle Steine weggeräumt worden waren.
 
In den Metro-Gängen begegnete ich vielen Kriegsinvaliden. Männern mit amputierten Beinen, Armen oder verlorenen Augen. Erschütternd. Zu dritt beschlossen wir, im Dezember 1958 Clochards unter einer bestimmten Seine-Brücke zu besuchen und ihnen Weihnachtsgebäck zu bringen. Meine beiden Freundinnen, ebenfalls aus der Schweiz stammend, waren Dienstboten in einer Arztfamilie. Maria hatte 9 Kinder zu betreuen, Pia war für die Küche zuständig. Die beiden: gute Seelen, die einander immer unterstützten und erst ruhten, wenn alle Arbeit getan war. Und mir half Pia noch, das anfängliche Heimweh zu überwinden.
 
Die Weihnachtsgebäcke für die Clochards kauften wir bei einem Bäcker. Wir hätten keine Zeit oder Möglichkeit gehabt, diese selber herzustellen.
 
Die rauen, wetterfesten Männer trafen wir unter einer Seine-Brücke an; sie sassen um ein Feuer. Wir sangen ihnen ein Weihnachtslied. Sie waren sehr überrascht. Sie hörten zu, nahmen die Gebäcke auch gerne an. Aber gleich danach schickten sie uns fort. Geht weg, damit Euch nichts passiert. Ihr seid zu schade für diesen Ort. Heute würde man dazu vielleicht sagen: Gut gemeint, aber nicht professionell verhalten.
 
Viele unserer Geschichten, die wir als Jugendliche lasen, beschäftigten sich mit Armut und Ausweglosigkeit. Und wundersamer Hilfe, weil es Mitmenschen verstanden, nicht nur an sich selbst zu denken. Solche Geschichten halfen uns, Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit zu entwickeln. So entstand auch der erwähnte Besuch bei den Clochards.
 
Heute helfen die entstandenen Hilfswerke, Not zu lindern. Die vielen Bettelbriefe, die seit Ende Oktober bei uns eingetroffen sind, sprechen davon. Mich stört nur, dass einige Organisationen ihren Aufrufen noch kleine Geschenke beigeben, damit wir uns verpflichtet fühlen, ihnen Geld zu senden. Nach meinem Verständnis wird so Geld verschwendet.
 
Im gleichen Zeitraum haben uns auch masslos viele Reklamen für Spielzeug, Luxusartikel und kulinarische Köstlichkeiten erreicht. Der Abtransport solcher Druckerzeugnisse wird für mich mehr und mehr zum Problem. Diese Lasten! Bald muss es eine Organisation von jungen Leuten geben, die für die Alten das Papier an die Strasse schleppen. Nicht alle Leute wohnen am Trottoirrand. Nicht alle wohnen in einem Haus mit Lift.
 
Und die Spielzeuganbieter bewiesen, dass Weihnachten eben ein Geschäft ist. Sie lieferten Prospekte mit Bestell-Listen. Die Kinder brauchten nur den entsprechenden Kleber an die richtige Stelle zu setzen, damit Eltern und Grosseltern die gewünschten Dinge problemlos bestellen oder einkaufen können. Es mag sein, dass allen gedient ist. Die Kinder wissen genau was sie wollen. Da wird der Umtausch nach dem Fest abnehmen. Aber ist das Weihnachten?
 
Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich als Kind im Vorschulalter oder in der Primarschule Wünsche formuliert hätte. Auch bei uns gab es Geschenke, aber nicht auf Bestellung. Die Mutter nähte und strickte sowohl für die Puppe wie auch für einen selbst. Es gab immer ein Geschenk. Dieses war aber nicht angefordert. Damals wohnten wir noch auf dem Land. Die Verführung durch Reklame war minim. Es gab auch noch keine spezielle Mode für Kinder, die wir hätten beanspruchen wollen. Wir freuten uns auf den Christbaum, die Lichter, die Lieder und später auch noch auf die Feier in der Kirche, wenn das elektrische Licht gelöscht wurde und nur noch die Kerzen brannten und wir Stille Nacht, Heilige Nacht sangen. Das war Weihnachten.
 
Am 25. Dezember tischte Mutter meist ihren vorbereiteten Hackbraten mit den versteckten Eiern auf und zum Dessert gab es Schlagrahm mit zerbröselten Meringueschalen.
 
Und jetzt erzähle ich noch eine richtige Weihnachtsgeschichte.
Genau gesagt, ist es eine Nacherzählung:
 
Eingeladen von einem befreundeten Unternehmer, der seinen Angestellten zusätzlich zum Lohn immer auch Kulturerlebnisse vermitteln wollte, erlebte ich 1993 das Lateinamerikanische Weihnachtskonzert mit Los Ramos. (Oscar Ramos und Monica Pososanto).
 
Sie spielten lateinamerikanische Weihnachtsmusik in seiner Montagehalle und sangen Lieder. Ramos hatte die Harfe aus Südamerika mitgebracht und auf ihre Geschichte verwiesen. Sie sei nach Europa heimgekommen.*
 
Ich erlebte dieses Konzert als ein bewegendes, heiteres Fest. Die Musik: einen mittragend in Welten der Lebensfreude. Einleitend sagte Ramos ganz selbstverständlich, dieses Konzert gelte den beiden Menschen, die am meisten für die Menschheit getan hätten: Maria und Josef.
 
Und dann erzählte er die Geschichte von Grossmutters Jesus-Figur:
 
Im Haushalt der Familie lebte auch ein Affe. Grossmutter musste ihn einmal mit einem Stock züchtigen, weil er unartig war. Das hat er ihr nicht verziehen.
 
Eines Tages konnte er sich von seiner Kette losreisen und die Grossmutter angreifen. Sie war allein zu Hause. Alle Tanten waren fortgegangen. Trotzdem gelang es ihr, den Affen in ein Zimmer einzusperren. Dort verwüstete er aber alles. Er tobte, schleuderte jeden Gegenstand von seinem Platz. Auch die geliebte Jesus-Figur wurde geschlagen. Und diese war doch Grossmutters Ort ihres Glaubens. Er liess auch sie zu Boden fallen. Sie verlor in diesem Vandalenakt einen Arm. Zur Freude der Grossmutter nur einen Arm. Dieser konnte problemlos wieder befestigt werden. Alle andern Gegenstände gingen kaputt.
 
Ramos sagte weiter, jetzt sei diese Figur berühmt, weil sie nach Europa reisen durfte. Bald werde sie aber zur Grossmutter zurückkehren.
 
Nach dem Konzert habe ich die Figur angeschaut. Sie war auf ein Podest gestellt und mit Christrosen geschmückt worden. Eine mit feinen Zügen bearbeitete Figur. Ramos erzählte, dass es eine besondere Figur sei, die immer stehend aufgestellt werde. Auch in der Krippe liege sie nicht.
 
Diese Geschichte, am Anfang des Konzertes erzählt, öffnete uns vermutlich ganz besonders für die damals noch eher unbekannten Klänge der südamerikanischen Kultur. Ramos wies denn auch daraufhin, dass wir Menschen Vorstellungen und Phantasie bräuchten. Ohne sie wäre Musik nicht denkbar. Ebenso verhalte es sich mit dem religiösen Glauben.
 
Und jetzt, nach 21 Jahren, wo befindet sich die Jesus-Figur? Und die Grossmutter, ist sie verstorben? Hat man ihr die Figur stehend ins Grab mitgegeben, oder verehrt ihre Familie diese mit Erinnerungen an sie?
 
 
Hinweis
* Im Blogatelier ist ein ausführlicher und eindrücklicher Bericht von Margrit Haller-Bernhard erschienen, in dem sie die Musik der Guarani als „Musik aus dem ehemaligen Paradies" beschreibt.
 
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