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BLOG vom 18.01.2015


Tod von Nachbarn. Erfahrung, dass das Leben endlich ist
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Im Blog rund um das 10-Jahre-Bestehen des Blogateliers innerhalb von www.textatelier.com hatte ich sie noch erwähnt: meine treueste Leserin. Sobald ein Blog von mir im Netz war, schon bevor es auf die Startseite gelangte, hatte sie es gelesen (in der Rubrik „Blogs nach Autoren“). Ab und zu sprachen wir darüber. Manchmal bestätigte sie die im Blog geäusserten Meinungen und Ansichten von mir, manchmal lehnte sie sie ab oder verwies auf ihre eigenen Erfahrungen mit diesem bestimmten Thema. Manchmal kommentierte sie auch.
 
Am 03.01.2015, morgens früh, ist sie, 78-jährig, verstorben. Sie war unsere Nachbarin und wohnte direkt neben uns. Erst 14 Tage zuvor war der Nachbar gegenüber verstorben.
 
Meine Nachbarin war Witwe, ihr Ehemann schon früh einem Krebsleiden erlegen. Sie war ein wenig der „gute Geist“ im Haus und hilfsbereit, wann immer und wo sie konnte. Den Kindern der türkischen Familie, die auch hier im Haus wohnt, war sie eine Ersatz-Oma, da ihre Grosseltern fern ab in der Heimat weilen. Im Kindergarten um die Ecke war sie die Vorlese-Oma. Meine Frau ging regelmässig zur Nachbarin, um zu hören, wie es ihr gehe und was sie so bewegte. Ebenso läutete sie oft bei uns an der Tür, sprach mit uns und ging dann wieder. Wenn unsere Enkelkinder zu Besuch kamen, freute sie sich, und sie freuten sich auch, nicht nur weil sie sie wieder einmal sahen, sondern auch in Erwartung von ein paar Gummibären, die sie immer griffbereit hatte. Ihr Stolz war ihr kleiner Neffe, ein sehr intelligentes Bürschchen und sehr interessiert an vielen Dingen. Sie backte gern ihr eigenes Brot oder Berliner Krapfen, mit denen sie uns immer wieder verwöhnte. Irgendwann einmal erwähnte ich meine Vorliebe für eine deftige Erbsensuppe, und immer dann, wenn sie eine kochte, bekam ich einen kleinen Topf davon ab. Sie hatte von unserer Wohnung einen Schlüssel und wir einen von ihrer.
 
Am 10.01.2015 wunderten wir uns darüber, dass die Rollläden vor ihren Fenstern noch nicht hochgezogen waren. Sie war nicht da, und wir machten uns Sorgen. Ich rief das örtliche Krankenhaus an. Dort verband man mich mit einer Station. Die Krankenschwester sagte mir, dass sie mir keine Auskunft geben dürfen. Ich informierte den Neffen meiner Nachbarin telefonisch, und ein paar Stunden später kam er vorbei und berichtete über den schnellen Tod.
 
Auch der Nachbar gegenüber war ganz überraschend gestorben. Seine Frau hatte die Kinder besucht. Als sie nach Hause kam, lag er auf dem Sofa und war bereits tot. Der Arzt vermutete, er sei wahrscheinlich im Schlaf gestorben. Er war viele Jahrzehnte lang der Hausmeister des Hauses und immer zur Stelle, wenn es irgendein Problem gab, sei es bei der Lichtanlage im Flur, sei es, wenn der Aufzug streikte. Die Gartenanlage rund um unser Haus pflegte er viele Jahre lang.
 
Die Nachbarn waren erschrocken. Die ältere Dame, die über uns wohnt, meinte, als nächstes sei sie wohl an der Reihe. Sie ist bereits über 80. Ich sagte, das könne man nicht wissen. Es könnte jeder im Haus betroffen sein.
 
Unser Haus ist über 40 Jahre alt, und eine Reihe von Mitbewohnern hat damals eine Eigentumswohnung gekauft. Sie sind jetzt alle im fortgeschrittenen Alter. Es ist also normal, dass es in diesem Gebäude Sterbefälle gibt.
 
Dennoch: Immer entsteht eine Lücke. Alles ist verändert. Es bedarf Gewöhnung daran, dass er oder sie einfach nicht mehr da ist.
 
Viele von uns haben diese Erfahrung bereits gemacht. Von einem auf den anderen Tag muss man sich umstellen, darauf einstellen, dass ein vertrautes Gesicht, eine bekannte Stimme, eine geliebte oder sympathische Person verschwunden ist, nicht wieder kommt, nicht mehr erscheint, einfach weg ist.
 
Meine Frau und ich sind gespannt, wer demnächst in die verwaiste Wohnung einziehen wird. Wir hoffen natürlich, dass es angenehme Nachbarn sein werden, mit denen man gut auskommt. Aber auch das kann man im Voraus nicht wissen.
 
An solchen Tagen wird einem bewusst, dass wir alle dem ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens unterworfen sind. Wir werden geboren, und im Laufe des Lebens wird uns bewusst, dass es auch ein Ende geben wird. Das ist nicht nur eine schmerzliche, sondern auch eine wertvolle Erfahrung. Denn sie bewirkt, dass wir das Leben bewusster leben, weil wir wissen, dass es jeden Augenblick vorbei sein kann. Das bedeutet nicht, dauernd in Angst leben zu müssen, sondern die Erkenntnis, das Leben zu geniessen, so lange es noch geht!
 
Und noch etwas: Wir können sicher sein, dass die Verstorbenen in Erinnerung bleiben werden; man denkt noch eine Zeitlang an sie. Wir alle sind soziale Wesen, die geachtet und geliebt worden sind. Das hinterlässt Spuren. Ist das nicht auch ein Trost?
 
 
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