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BLOG vom 25.03.2015


Walter Burkert: Orientalischen Mysterienkulturen zugetan
Autor: Dr. phil. Pirmin Meier, Gymnasiallehrer und Autor, CH-6215 Beromünster LU/CH
 
 
Walter Burkert, geboren am 2. Februar (Lichtmess) 1931 in Neuendettelsau in Mittelfranken D, verstorben am 11. März 2015 in Uster (Kanton Zürich), war einer der bedeutendsten Altphilologen und Althistoriker im Deutschland der vergangenen Jahrzehnte.
 
„Altphilologe“ war für den Dekan der Philosophischen Fakultät der Uni Zürich eine zu knappe Bezeichnung. Der gebürtige Franke war Ehrendoktor der Theologie. Der vielfach zu multikulturellem Blabla heruntergekommene Begriff „Religionswissenschaft“ wurde für den Philologen Lebensinhalt. Um Karl Poppers These „Theologie ist ein Fehler“ musste er sich nicht kümmern. Das Augenmerk galt meist untergegangenen Religionen. In welchem Bezug stand das griechisch-römische „Heidentum“ zu orientalischen Mysterienkulten? Burkert liess Pionierleistungen von Walter F. Otto, Karl Kerenyi und Reinhold Merkelbach hinter sich. Das Unheimliche an religiöser Praxis, oft rituelle Ersatzhandlungen für Töten, wird im Buch „Homo necans“ (Der tötende Mensch) sichtbar.
 
Das von Reinigungs- und Entschuldungsritualen mitgeprägte ehrwürdige Amt des Metzgers fällt für das Wesen von Religion stärker ins Gewicht als soziales Predigen. Dies zeigt der einen Stier schlachtende Mithras, dessen Geburtstag der 25. Dezember ist. Ihm und dem Sonnengott wollte Kaiser Konstantin huldigen, als er im Jahre 313 auch zugunsten der Christen religiöse Toleranz verkündete. Ohne den orientalischen Opferkult, dies machte Burkert klar, sind die monotheistischen Religionen nicht zu verstehen.
 
Der mit dem Sigmund-Freud-Preis ausgezeichnete Stilist schrieb das Nachwort für die unübertroffene Odyssee-Nachdichtung von Kurt Steinmann. Für Tagesgeschwätz war Walter Burkert, verstorben im Frühjahr 2015, um Nummern zu gross. Als einen seiner begabtesten Schüler schätzte er den Homer-Kenner, Kentaurenforscher und genialischen Schriftsteller Virgilio Masciadri ein (1963–2014), um den er sich vergeblich in Sachen einer ausserordentlichen Professur in Zürich bemühte. Es erwies sich einmal mehr, dass im heutigen Hochschulbetrieb der Typus des Hochkreativen, es musste nicht gerade ein neuer Friedrich Nietzsche sein, kaum mehr gefragt wäre.
 
Was Walter Burkert über orientalische Kulte publiziert hat, auch über Pythagoras, setzte ebenso Massstäbe wie sein humanes Charisma als Dozent und Forscher. Er war für mich einer der besten Lehrer, mit denen ich es in meinem Leben je zu tun bekommen habe. Wie der ebenfalls überragende Philosoph Hermann Lübbe (*1926) wechselte Burkert Ende der 1960er-Jahre von Deutschland (Berlin) nach Zürich, wiewohl in seinem Fall die 68er-Querelen nicht das Hauptmotiv waren, sondern die Nachfolge des bedeutenden Altphilologen und Graecisten Fritz Wehrli, dessen Leistungen zumal über spätantike Kulturgeschichte ebenfalls überragend waren.
 
Gemäss Todesanzeige hinterlässt er zwei Söhne und drei Töchter sowie noch zahlreiche Enkelkinder. In der offiziellen Todesanzeige der Universität Zürich lesen wir ausserdem:
 
„Im Zentrum von Walter Burkerts Interesse stand die Religion des antiken Griechenlands. Dass er deren weltweit bester Kenner war, hätte er in seiner Bescheidenheit niemals von sich behauptet, wurde aber in der Fachwelt allgemein anerkannt.“
 
Als hervorragender Altphilologe mit einem Hintergrund, über den Theologen in den wenigsten Fällen verfügen, war auch sein Urteil über die biblischen Texte, zumal des Neuen Testamentes, aussergewöhnlich interessant und fachkundig. Bei den paulinischen Texten fielen ihm Hintergründe auf, über die man mit sehr vielen Theologen und Seelsorgern mangels Grundlagenkenntnissen kaum diskutieren kann. Auch über das Judentum der Spätantike war er überragend im Bilde.
 
Wer sich ein kritisches Bild der Religionsgeschichte der monotheistischen Religionen und ihrer Ursprünge machen will, kommt um die Standardwerke von Walter Burkert mutmasslich nicht herum. Zu den wichtigsten seiner Thesen gehört, dass man den Unterschied etwa zwischen griechischer Religion und den benachbarten orientalischen Überlieferungen, einschliesslich etwa der Göttinnenkulte, nicht überschätzen sollte. „Ex oriente lux“, aus dem Osten kommt das Licht, lautet in diesem Sinne eine alte Formel, die Burkert keineswegs im idealisierenden Sinne interpretiert hat, aber als ernst zu nehmend einschätzte.
 
Das Potenzial von Burkerts Forschungen eignet sich ebenso sehr für zum Teil sogar radikale Religionskritik wie auch zu einem differenzierteren Verständnis des Christentums und seiner frühen Denominationen vom Arianismus bis zum herkömmlichen Katholizismus. Das Bedürfnis nach Religion war indes für Burkert nur zum kleineren Teil aus dem Bedürfnis nach Ethik zu erklären, eher schon als beschwörende, auf Kultwesen hinauslaufende Bewältigung der Sterblichkeit des Menschen. Derselbe lebt tatsächlich nicht, wie es im Matthäusevangelium heisst, vom Brot allein (Mt. 5,5), sondern von ihn tragenden Sprachregelungen und Zeichen. Eine schlechthin „unkultische“ bzw. völlig irreligiöse Gesellschaft hat es ebenso wenig gegeben wie Menschen ohne religiöse Gestik und entsprechende Formeln. „Gottseidank“ gab es an der Universität Zürich in den Jahren um 1968 und später noch so grossartige Lehrerpersönlichkeiten wie Walter Burkert.
 
 
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