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BLOG vom 14.04.2015


Megalithbauten, sog. „Hünengräber“, aus unserer Frühzeit
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
 
 
Etwa ab dem Jahr 4200 vor unserer Zeitrechnung gab es in Skandinavien, im nördlichen Polen, in Norddeutschland und im heutigen Grossbritannien eine kulturelle Entwicklung, die heute die „Trichterbecherkultur“, häufig abgekürzt: TBK, genannt wird. Der Name steht für runde Gefässe aus Keramik, die ein leicht bauchiges Unterteil und ein trichterartiges Oberteil aufwiesen. Auffallend sind die hübschen Verzierungen am Aussenrand. Aus dieser Zeit sind aber auch Amphoren, Flaschen mit kragenartigen Ausstülpungen und Backteller gefunden worden. Es waren zudem aus Feuer- und Felsgestein gefertigte Beile, Pfeilspitzen und Schaber in Gebrauch.
 
Das sind Gegenstände, die man in Museen finden kann. In einigen der oben genannten Gebiete findet man Bauwerke aus dieser Zeit in der freien Natur. Es sind die im Volksmund sogenannten Hünengräber, wissenschaftlich Megalithanlagen genannt. Sie werden der Zeit zwischen 3500 und 2800 v. u. Z. zugeordnet.
 
In der Provinz Drenthe in Nordholland stehen einige dieser „Dolmen“ genannte Bauwerke. Der Begriff ist bretonisch und steht für „Steintisch“. Wir konnten bis zu 40 m lange, rechteckige Dolmen bewundern, Kammern, die aus riesigen Findelsteinen gebaut sind.
 
„Die meisten Dolmen ruhen auf grossen, aufgerichteten Tragsteinen; die noch grösseren und schwereren Deckensteine ragen oft seitlich hinaus und verleihen dem Bauwerk manchmal das Aussehen eines Tisches. Ihrer tischähnlichen Form wegen wurden Dolmen früher auch als Opfertische, Altarsteine oder Druidenaltäre interpretiert. Die Tragsteine stehen meist nebeneinander und bilden rechteckige, vieleckige, trapezoide oder rundlich-ovale Kammerwände, die Zugang aufweisen können. Es ist wahrscheinlich, dass alle Dolmen nach Ende der Belegung dauerhaft verschlossen wurden“ (Wikipedia).
 
In diesen Bauwerken wurden nur wenige Tote beerdigt, teilweise auch Totenasche. Archäologen gehen davon aus, dass nur die wichtigsten Personen dort begraben worden sind; sie bekamen „auf ihre Reise“ auch Lebensmittel in getöpferten Gefässen mit.
 
Die Steine sind tonnenschwer, manche wiegen bis zu 30 Tonnen! Deshalb dachte man früher, dass nur starke Riesen, Hünen genannt, imstande gewesen sein konnten, diese eiszeitlichen Findelsteine zu befördern. Mythen, in denen Riesen eine Rolle spielen, gibt es viele. Die Forscher haben aber Methoden entdeckt, mittels derer es auch den Bewohnern der damaligen Zeit möglich gewesen ist, die Steine über zu Rollen beschnittenen Bäume stückweise voran zu schieben, wobei wohl auch vereiste Wege im Winter das Ziehen der Steine leichter gemacht haben. Sie hatten Taue und kannten wohl auch die Hebelwirkung.
 
Nicht nur mich beschäftigt eine andere Frage, nämlich die, was die Steinzeitmenschen veranlasst hat, eine derart schwere Arbeit auf sich zu nehmen.
 
Die heutigen Menschen sehen vor allem die schweren Steine, die bewegt worden sind und als „Dolmen“ damit Symbolfähigkeit repräsentieren. Zu Symbolen gehören einerseits der vordergründige Gegenstand und anderseits die Sinnwirklichkeit, die ihm zugedacht wird. Die zu Megalithbauwerken geordneten Steine sind Symbole geworden. Symbole sind Formen mystischer und transparenter Daseinsdeutung. Die Dinge selbst müssen ernst genommen und genau betrachtet werden, „dann erst erfassen wir die verborgene Struktur. Und dann kann die Erkenntnis des Kleinen dazu beitragen, das Grosse zu betrachten; das Offenbare muss dazu dienen, das Verborgene verstehbar zu machen, vom Bewusstsein tasten wir uns zum Unbewussten vor, das Weltliche muss dazu herhalten, auch das Göttliche anzudeuten. So steht das Symbol im Schnittpunkt verschiedener Bereiche, es vermittelt und partizipiert an beiden Ebenen“ (Otto Betz).
 
Die Geschichte des menschlichen Denkens ist nach Jean Gebser in 5 Phasen eingeteilt, der archaischen, magischen, der mythischen, mentalen und integralen. Die Menschen der Jungsteinzeit, und in der befinden sich die Erbauer der Bauwerke, haben die mythische Phase erreicht. Sie haben einen Bezug geschaffen zwischen der ihnen bekannten und bewusst gewordenen Natur mit seinen Jahreszeiten, dem Tag-Nacht-Wechsel mit der Sonne, dem Mond und den Sternen, mit den Wettererscheinungen, ihrem eigenen Einbezogensein in diese Abläufe mit Geburt, Leben und Tod und transzendenten „Machern“, sprich: Göttern. Sie hatten Vorstellungen von der Vergänglichkeit der Zeit und der Möglichkeit, diese zu überwinden und „die Zeit in die ewige Dauer des Jenseits zu überführen“ (Kurt Weis).
 
Die Endlichkeit des Lebens zeigte sich durch Alter, Krankheiten, gewalttätige Stammeskriege, aber auch durch Mord und Totschlag. Die Megalithbauten sollten die Zeitspanne des individuellen Lebens überwinden.
 
Um solch ein Vorhaben durchzuführen, benötigt es neben einer Vorstellung des zeitlichen Ablaufs „architektonischer“ Kenntnisse besonders das geographische Wissen, wo diese Steine zu finden sind, insgesamt eine ausgeklügelte logistische Planung, einen sozialen Zusammenhalt und ein Wissen um Techniken bei der Überführung, der Aufrichtung und Platzierung der Steine. Dazu waren Führungsqualitäten und Arbeitsteilung ebenso erforderlich wie eine ausreichende Versorgung mit den notwendigen Lebensmitteln, Überzeugungskraft und Zeit. Es hatte ein Übergang vom Jäger zum Bauern stattgefunden. Die dabei gewonnenen unterschiedlichen Erfahrungen müssen mythische Erfahrungen geworden sein, die eine „sich einende Bewusstheit“ (Michael von Brück) auszeichnet.
 
Die Megalithbauten waren neben Begräbnisstätten für ausgesuchte Persönlichkeiten wie noch heute sakrale Gebäude, die „Häuser Gottes“ genannt werden, Symbole für die Nähe transzendenter Persönlichkeiten.
 
Sie wurden in allen Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte in allen Teilen der Erde errichtet. Bekannt sind die Pyramiden in Lateinamerika, in Ägypten und andere. Alle Religionen haben Steinbauten errichtet, und nicht nur im Christentum hatten und haben sie die Bestimmung der Anbetung, des sozialen Miteinanders und waren auch Begräbnisstätten.
 
Der Mensch hat in der Evolution die Fähigkeit erhalten, über sich selbst, seine Bestimmung, sein Schicksal und seine Rolle auf der Erde und im Universum nachzudenken. Gleichzeitig wird ihm immer wieder bewusst, dass jeder Mensch nur ein kleiner Teil der grossartigen Schöpfung ist, und er stellt Fragen, deren Lösung er nie finden wird.
 
Und so laufe ich um die Megalithbauten, den sogenannten „Hünengräbern“, herum und fühle einen Schauder beim Gedanken, dass vor vielen Tausend Jahren unsere Vorfahren auch schon hier tätig waren.
 
 
Quellen
Betz, Otto: „Elementare Symbole. Die Zeichensprache der Seele“, Neuausgabe 2009, Freiburg.
Weis, Kurt, Hrsg.: „Was ist Zeit? Zeit und Verantwortung in Wissenschaft, Technik und Religion“, dtv München, April 1996, 2. Auflage, darin Weis, Kurt, „Zeitbild und Menschenbild: Der Mensch als Schöpfer und Opfer seiner Vorstellungen von Zeit“, S. 23 und von Brück, Michael, Wo endet Zeit? Erfahrungen zeitloser Gleichzeitigkeit in der Mystik der Weltreligionen, S. 207.
 
Hinweis auf weitere Blogs über Hünen und Hünengräber
13.08.2008: Irland-Impressionen 1: Das kontaktfreudige Volk der Hünen
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