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BLOG vom 15.04.2015


Die Kunst der richtigen Entscheidung in allen Lebenslagen
 
Autor: Walter Hess, Publizist (Textatelier.com), Biberstein AG/CH
 
 
Der richtige Entscheid am richtigen Ort zur richtigen Zeit zieht entscheidende Vorteile nach sich: Die Fehlerquote, die oft mit Verlusten, Defiziten verbunden ist und ins Jammertal führt, sinkt.
 
Wir sind den ganzen Tag zu Entscheidungen aufgerufen, die auf dem Hintergrund von Unterscheidungen getroffen werden müssen: Es geht um die Frage nach dem bestimmenden Wesentlichen. Sonst läuft alles aus dem Ruder.
 
Eine Dame, die Blumen über alles liebte, erhielt oft Schnittblumen geschenkt. Ihre Freude darüber war dermassen gross, dass sie alles daran setzte, das Verwelken der Blumen hinauszuschieben. Sie stellte die Pracht in eine schöne Vase mit passender Grösse und ebenso angemessenem Dekor und diese samt Inhalt in den kühlen, feuchten und dunklen Keller. Nun kann ich nicht sagen, ob die Dunkelheit der Frische von Schnittblumen tatsächlich wohlbekommt. Doch nehmen wir einmal an, das sei der Fall: Dann ging die Lebensverlängerung der schmucken Blumen auf Kosten des Umstands, dass man sie nur noch bei kurzen Kellerbesuchen sah und sie das Ziel, eine Blumenliebhaberin während einigen Tagen zu erfreuen, nicht mehr erreichen konnten. Im Prinzip hätte man sie gleich kompostieren können.
 
Kürzlich war eine Besucherin bei uns. Typ: Hausmütterchen, fleissig, sparsam, hilfsbereit. Wir sassen im Wintergarten, durch dessen grosse, offene Fenster die Frühlingssonne ihr Licht und ihre Strahlungswärme schickte. Ich lobte bei dieser Gelegenheit das Sonnenvitamin D3, das der Körper mithilfe des Sonnenlichts selber herstellen kann und das den Knochen gut tut, das Immunsystem stärkt und sogar vor einigen Herzkrankheiten und Krebsarten schützen soll. Die Besucherin aber sagte, sie lasse bei Sonneneinstrahlung immer die Storen herunter, weil sonst die Holzmöbel blasser werden würden.
 
Ihre war also der Zustand der Möbel wichtiger als die Gesundheit der Bewohner, liess sich auch nach einem Insistieren meinerseits nicht von ihrer Haltung abbringen.
 
Wenn sich solche Fehlentscheidungen summieren, wird die Rechnung dafür hoch ausfallen. Im Geschäftsleben führt das in den Ruin.
 
Das Entscheiden ist anspruchsvoll: Man muss zu einem festen Urteil gelangen. Dies beginnt schon beim Frühstück: Was und wieviel soll ich mir zum Tagesanfang zuführen? Ist ein Tee einem Kaffee überlegen? Wähle ich einen reinen Orangen- oder einen gemischten Fruchtsaft? Soll ich mit dem Porridge ober mit Aufschnittfleisch und dem hartgekochten Ei beginnen? Soll ich das Vollkornbrot dem Buttergipfeli vorziehen? Natürlich haben bei mir Produkte aus der Bioproduktion ein höheres Ansehen; doch mache ich daraus keine Religion. Hier spielen Gesundheits- und ebenso sehr Genusswerte eine Rolle. Was mir schmeckt und Freude macht, tut mir gut. Das Sündigen verbinde ich mit Lustgefühlen als milderden Umständen, ohne gleich zu einem Positiv-Denker nach intensiv vermarkteter Lebenshilfe-Literatur (Joseph Murphy, Dale Carnegie und Norman Vincent Peale) zu werden. Mit dem kritischen Denken fahre ich besser.
 
Weil das Entscheiden (Wählen) abseits von Illusionen so komplex ist, haben viele Leute mit kleinem Wissenshintergrund und ohne die Fähigkeit zu einem vernetzten Denken Mühe mit der Entscheidungsfindung. Das heisst, sie leiden an einer grassierenden Entscheidungsschwäche, ahmen irgendwelche Vorbilder nach, die sie meistens auch noch falsch auswählen, werden zu hirnlosen Mitläufern und können damit Verantwortung delegieren. Man könnte diesbezüglich auch von der Tendenz zur Anpassung sprechen. Wenn sie am Steuer unterwegs sind und sich verfahren haben, folgen sie dem zufällig vor ihnen fahrenden Auto, in der Hoffnung, es werde ihnen schon den richtigen Weg weisen. Sie verlassen sich auf ihre Intuition, ihr Bauchgefühl, dessen Bedeutung in einer bildungsfernen Gesellschaft wächst. Damit werden Defizite überdeckt.
 
Anspruchsvoller sind die Methoden von Edward de Bono, des originellen britischen Denkers, Mediziners und Schriftstellers. Von ihm stammt unter anderem die Methode CAF (Consider All Facts). Bei ihr gilt es, möglichst alle Randbedingungen einer Entscheidungssituation zu erfassen und in die Entscheidungsfindung einfliessen zu lassen, was selbstredend sehr anspruchsvoll ist. Die andere seiner Methoden (PMI = Plus Minus Interesting) ist ebenso komplex: Es gilt, alle positiven und negativen Aspekte von verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten zu erkennen und gegeneinander abzuwägen. Im Prinzip handelt es sich um Verfeinerungen von rudimentären Überlegungen.
 
Viele Menschen müssen sich darauf beschränken, ein einziges Entscheidungsziel ins Auge zu fassen, die dann meistens im Abseits mündet. Deshalb versuchen sie aufgrund der schlechten Erfahrungen, eigene Entscheidungen zu vermeiden und/oder an andere zu delegieren, ob diese entscheidungsschwach oder -stark sein mögen. Vor Entscheidungen geraten sie in einen regelrechten Entscheidungsstress oder gar in eine Blockade, folgen, falls gerade keine Vorbilder zur Hand sind, den erstbesten Empfehlungen, auch wenn diese einen Werbehintergrund haben – einer der Gründe für das Funktionieren der Werbung. Sie haben einen Mangel an Selbstbewusstsein, zweifeln an sich selber. Das verunmöglicht ihnen, im Nachhinein zu einem Entscheid zu stehen, weil sich gewisse Fehleinschätzungen bemerkbar machen. Wenn sie etwas im Laden gekauft haben, bringen sie es bei nächster Gelegenheit wieder zurück.
 
Nur wenige Entscheidungen können auf diese relativ einfache Art rückgängig gemacht werden. Wenn ich auf einer Autobahn in die falsche Spur geraten bin, die mich nach Süden statt nach Norden führt, kann ich nicht einfach das Auto umdrehen und zurückfahren. Die Korrektur wird mir erst bei der nächsten Aus- und Einfahrt ermöglicht. Verkehrsteilnehmer, die grobe Fehler begehen, werden aus dem Verkehr gezogen.
 
Wahrscheinlich ist uns die Fähigkeit, instinktiv das Richtige zu tun, abhanden gekommen. Ich erinnere mich an einen Spaziergang im Amazonas-Urwald vom Ufer des Rio Tapajós ausgehend, einige Dutzend Kilometer von Santarem entfernt. Zum Glück hatte unsere kleine Gruppe einen einheimischen Führer, den hageren, von Natureinflüssen und Entbehrungen gezeichneten Sebastiao, bei sich. Er hatte zwar den entsprechenden Dschungelbereich auch noch nie erkundet; doch er wusste, wie man sich im Urwald bewegt und orientiert. Die Theorie dazu kennt er selber nicht – doch es funktionierte. Mit der Machete (Buschmesser) schlug er einen Weg ins Lianengewirr, und wir folgten ihm wie die Herde ihrem Leittier, hatten keine andere Wahl. Ich erhielt das Gefühl, er dringe geradeaus immer tiefer in den Wald ein, machte gelegentlich einen Bogen um einen Tümpel oder Dickichte, die man in nützlicher Frist nur mit einer Motorsäge hätte öffnen können. Stundenlang kämpften wir uns weiter vor, mehr oder weniger in derselben Richtung, wie mir schien. Der Abend und damit die Nacht kündigten sich an. Einen Kompass oder Lampen hatten wir nicht dabei. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit tauchte zu meiner Überraschung unser Lager auf … sah ich richtig? Erstmals in meinem Leben begann ich, an meinem Orientierungstalent, das ja auch etwas mit Entscheidungsfähigkeit zu tun hat, zu zweifeln. Auf Wanderungen oder bei militärischen Nachtübungen hatte ich es immer wieder trainiert; doch anscheinend waren banalisierende zivilisatorische Einflüsse mit ihrem Drang zu Bequemlichkeit stärker.
 
Offenbar ist mir der Sinn für Intuition im Sinne des gefühlsmässigen Erkennens abhandengekommen. Umso mehr sehe ich mich gezwungen, das Gehirn, beziehungsweise das, was davon noch übriggeblieben ist, Schwerarbeit bewältigen zu lassen, gerade auch beim Schreiben. Jedes Wort gehört an die richtige Stelle (das ergibt den Stil), jede Aussage muss verständlich dargelegt werden, und insgesamt geht es darum, den Leser mitzunehmen, zu begleiten, ihn nicht mehr loszulassen und seine hohen Erwartungen zu erfüllen.
 
Ich hoffe, dass mir dies mit diesem Tagebuchblatt gelungen ist. Vor Vorschlägen verschone ich meine verehrten Nutzer, weil sie solche nicht nötig haben. Dass sie die richtige Wahl treffen können, haben sie durch das Lesen dieses Sermons bereits bewiesen.
 
 
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