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BLOG vom 20.04.2015


Erkundungen zu Grass: Vom Trommeln bis zum letzten Tanz
Autor: Pirmin Meier, Gymnasiallehrer und Autor, Beromünster LU/CH
 
 
Präzisierungen
In der «Weltwoche» vom 16. April und in der „Schweiz am Sonntag“ vom 19. April 2015 hat Historiker und Textatelier.com-Kolumnist Pirmin Meier zwei auf seine Weise gründlich recherchierte Beiträge zum Ableben von Günter Grass geleistet, der am 16. Oktober 1927 in Danzig auf die Welt gekommen und am 13. April in Lübeck verstorben ist. Dabei legt der Autor Wert darauf, dass aufgrund von Abgabeterminen immer auch noch sorgfältiger hätte recherchiert werden können.
 
So kam etwa im Verlauf der Woche noch zum Vorschein, dass die Episode mit dem kindlichen Blechtrommler tatsächlich, wie von Grass in einem autobiographischen Buch geschildert, in Lenzburg AG/CH stattfand, und nicht in Wettingen AG/CH, wie in der „Schweiz am Sonntag“ von Meier missverständlich behauptet. Dies hat der Journalist Pirmin Kramer aufgrund von Gesprächen mit dem Zeitzeugen Matthias Scheurer klargemacht. Auch ist unterdessen klar geworden, dass ein äusseres Markenzeichen von Grass, der Schnauz, zu seiner frühen Lenzburger Zeit noch nicht gewachsen war, sondern erst ab dem Eintritt von Grass in die Gruppe 47 (1957). Am meisten Kritik einstecken musste Pirmin Meier für seine Hervorhebung des Unterschiedes zwischen der Waffen-SS (der Grass ab dem letzten Kriegswinter angehörte) und herkömmlicher Wehrpflicht, weil die SS angeblich wie die Fremdenlegion nur Überzeugte aufgenommen habe.
Textatelier.com
 
Grass in Lenzburg – „Der hergereiste Habenichts“
Lenzburg und der Aargau, auch der Kanton Solothurn, sind mit Nobelpreisträgern und Repräsentanten der Weltliteratur gesegnet. Als am 9. März 1918, einem Samstag, der Lenzburger Frank Wedekind in Zürich starb, kam das Ereignis auf die Titelseite der deutschen Sonntagszeitungen. In Oftringen AG hat die „Fondation André Gide“ ihren Sitz, Trägerin der Weltrechte des Nobelpreisträgers von 1947. Tochter Cathérine Gide, gestorben 2013, lebte und wirkte in Olten. Das Schloss Brunegg, einst Eigentum von Jean Rudolf von Salis, wurde Schauplatz von Thomas Manns Roman „Der Erwählte“. Die Stadt Baden und deren schräge Brücke gegenüber Ennetbaden wurde von Hermann Hesse, Nobelpreisträger 1946, dank der Vogel-Erzählung „Die Dohle“, literarisch unsterblich gemacht. Nach Recherchen von Pirmin Kramer für das damalige „Badener Tagblatt“ fand die Begegnung von Günter Grass, Nobelpreis 1999, mit einem trommelschlagenden Knirps tatsächlich wie in seiner Autobiographie „Beim Häuten der Zwiebel“ beschrieben, in Lenzburg, nicht etwa in Wettingen statt. Das Leitmotiv von „Die Blechtrommel“, Grass‘ bei weitem berühmtestem Roman, hat es zum Titelbild im neusten „Spiegel“ gebracht.
 
Matthias Scheurer (62), der einstige kindliche Blechtrommler an der Nägelistrasse 5 in Wettingen, ist als Berufsgewerkschafter dem „Trommeln“ treu geblieben. Ohne Rücksicht darauf, dass die „Abschaffung des Kapitalismus“ Schweizer Arbeitnehmer eher langweilt, bekennt Scheurer auf einer SP-Homepage: „Die Überwindung des Kapitalismus ist für mich kein intellektuelles Gedankenspiel, sondern Inhalt meines realpolitischen Alltags.“ Günter Grass selber misstraute als Kritiker der DDR revolutionären Phrasen. Dafür legte er sich mit Willy Brandt umso mehr für eine reformistische Sozialdemokratie ins Zeug. Davon war auch sein Schwager und zeitweiliger Weggefährte Werner Geissberger (1921–1986) begeistert. Der einst bekannteste Publizist des Verlagshauses Wanner stand der liberalsozialistischen Partei und als Gründer dem Badener „Team 67“ nahe.
 
Der Journalist Peter W. Frey erinnerte sich dieser Tage an eine Grossveranstaltung mit Günter Grass in der Aula der damals noch jungen Kantonsschule Baden zugunsten des Team 67. Weltveränderung durch Landesplanung war angesagt. Grass betätigte sich seit 1965 in der Bundesrepublik als „Trommler“ für Willy Brandt und die SPD, wohingegen er dem ehemaligen Kommunisten Herbert Wehner misstraute. Dieser hielt es nämlich mit der grossen Koalition von SPD und CDU, während für Grass und damals auch für Geissbergers „Badener Tagblatt“ die sozialliberale Koalition Brandt-Scheel (1969–1974) die höchste politische Hoffnung war und einer fast täglichen publizistische Unterstützung wert. Noch in den achtziger Jahren, als das Waldsterben angesagt war, träumte Grass von einem deutsch-deutschen Vertrag mit Erich Honecker zur Rettung der Umwelt. Damals publizierte Werner Geissberger, Sohn eines Lenzburger Bezirkslehrers, zusammen mit Samuel Mauch den „NAWU-Report“, eine frühgrüne Programmschrift mit „Wegen aus der Wohlstandsfalle“.
 
Für den Aufstieg von Günter Grass wurde Lenzburg zum Schicksal. Im Zusammenhang mit seinem Lenzburger Schwiegervater Boris Schwarz („Schwarz-Stahl“) nannte sich der spätere Autor von Weltruf in seinem autobiographischen Buch „Vom Häuten der Zwiebel“ (2006) im freisinnigen Aargauer Zusammenhang einen „hergereisten Habenichts“. Die Behauptung, er habe sich bis zu seinem Durchbruch als Schriftsteller (1959) samt Familie mit 300 Mark monatlich durchbringen müssen, erweist sich bei näherem Hinsehen als ein sozialistisches Märchen.
 
Der wenig erfolgreiche gelernte Bildhauer und Grafiker Grass war in den fünfziger Jahren so etwas wie ein ewiger Student. Seinen Lebensstil, zu dem das Auto ebenso gehörte wie sommerliche Aufenthalte in einem Tessiner Ferienhaus, verdankte er zunächst einer guten Partie aus dem Aargau. Der Roman „Die Blechtrommel“ wurde zwar teilweise in Wettingen ins Reine getippt, meistenteils aber ab 1956 in Paris geschrieben. Hier wohnte Grass mit seiner Lenzburgerin Anna und den Kindern an der Rue d’Italie. In nicht geringem Ausmass wurde die Familie vom kapitalistischen „Eisen-Schwarz“ unterhalten, der ihnen dort die Eigentumswohnung finanziert hatte. In Paris liess sich die ehemalige Aarauer Lehrerseminaristin Anna Schwarz in klassischem Tanz ausbilden. Zuvor war sie, gleich nach dem Seminar, als Tanzstudentin, bei der Ausdruckstänzerin Mary Wigmann in Berlin in der „Lehre“ gewesen.
 
Auszug nach Berlin
Laut der offiziellen Biographie verzog sich der Kunststudent Grass 1952/53 vor allem deswegen von Düsseldorf nach Berlin, weil ihm die Wirtschaftswundermentalität in Westdeutschland zuwider war. Als Motiv für den Aufenthalt in Berlin nicht zu unterschätzen war aber wohl das Zusammensein mit der Tanzstudentin Anna Schwarz. Mit dieser hatte er am Lenzburger Jugendfest 1952, wie heute noch erzählt wird, „tanzet wie n-en Aff“, so wie Tanzen gemäss dem Bekenntnis von Grass nebst der Familie die wichtigste Gemeinsamkeit mit der Stahlhändler-Tochter gewesen sein soll. Diese war aber auch eine fleissige Leserin und kritische Mitleserin, weswegen Günter Grass bei weitem bedeutendstes Werk, „Die Blechtrommel“, mit der Widmung „Für Anna Grass“ versehen ist. Profil erhält die vierfache Mutter auch im Briefwechsel der beiden Grass mit dem Schriftsteller Uwe Johnson, zu dem die Lenzburgerin massgeblich beitrug. Ab 1978 (Scheidung) ging das Ehepaar Grass getrennte Wege.
 
Anna Schwarz, die mittlere der drei legendär hübschen Schwarz-Töchter neben Helen Geissberger und Katharina, der Jüngsten, steht im Leben von Günter Grass für so etwas wie den Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft. Die Eheschliessung am 20. April 1954 auf dem Zivilstandsamt Lenzburg war für Grass alles andere als ein Datum für den Eintritt in den Himmel, da mit dem Geburtstag des „Führers“ identisch. Die Hochzeit erfolgte, bei Einverständnis der Brautleute, klar auf Anordnung des Schwiegervaters. Dieser hatte nämlich in Erfahrung gebracht, dass Grass in Berlin regelmässig bei seiner Tochter übernachte. So etwas widersprach auch den Vorstellungen von Mutter und Grossmutter, über deren „protestantischen Puritanismus“ sich der „katholische Heide“ Grass in seinem Werk mehrfach auslässt. So wurde also, damit alles seine Ordnung hatte, aargauisch-bürgerlich geheiratet. Die vier Kinder sind „schweizerdeutsch“ aufgewachsen. Mit dem Vater aber unterhielten sie sich berlinerisch.
 
Als Poet hat Günter Grass wiederholt das Tanzmotiv aufgegriffen, zuletzt in dem von ihm deftig illustrierten Gedichtband „Letzte Tänze“ (2003). So fein formuliert wie Gottfried Kellers „Tanzlegendchen“ sind Grass‘ Texte über das Tanzen nicht. Seine Aargauer Bezüge gipfeln 1969 in einer Hommage an die Schweizer Demokratie: „Ich will nicht verschweigen, dass ich einige gehörige Lektionen in Sachen demokratisch-politischer Kleinkram der Schweiz, also ziemlich direkt meiner Frau, zu verdanken habe. Der langsame Bürgersinn der Schweizer, der einerseits aussergewöhnliche Leistungen und darum auch aussergewöhnlich gefährliche Politiker zu verhindern versteht und sich andererseits Zeit nimmt, selbst die dringlichste Initiative einem demokratischen Prozess, also oft genug der Ablehnung, zu unterwerfen, diese so widersinnige wie notwendige Prozedur, Reformen auf unblutige Weise zu betreiben, hat mich überzeugt.“
 
 
Hinweis auf ein weiteres Blog zu Günter Grass
 
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