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BLOG vom 19.05.2015


Würenlingen: Kriminalgeschichte, volkskundlich betrachtet
Autor: Pirmin Meier, Gymnasiallehrer und Autor, Beromünster LU/CH
 
 
Über Jahrzehnte blieb es mir unbegreiflich, wie der Aargauer Sagensammler und Kantonsschullehrer fränkischer Herkunft, Ernst Ludwig Rochholz (1809‒1892), bei Schweizersagen aus dem Aargau von einem mutmasslichen Schüler aus Würenlingen auf eine extrem untypische Zwergensage hereinfallen konnte. Rochholz liess sich nämlich seine Sagen oftmals von Schülern als Hausaufgabe zusammentragen, wobei einige im Verdacht stehen, statt volkskundliche Recherchen zu betreiben, eigenen Erfindungsreichtum entfaltet zu haben. So bei der Erzählung Nr. 222 im 1. Band der Aargauer Sagen, betitelt Tod der sieben Zwerge. Dort vernehmen wir:
 
Auf einer der Hochebenen zwischen Brugg und Waldshut wohnten sieben Zwerge zusammen in einem kleinen Häuschen. Da kam einmal spät abends ein junges nettes Bauernmädchen verirrt des Weges und bat um ein Nachtlager. Die Zwerge hatten nur sieben Betten. Sie stritten sich, denn jeder wollte dem Mädchen sein Bett abtreten. Endlich nahm sie der Älteste in seines, kaum aber ging’s ans Einschlafen, so kam noch eine Bauersfrau vors Häuschen, klopfte und begehrte Einlass. Das Mädchen stand auf und sagte ihr, wie die sieben Zwerge selber nur sieben Betten und sonst keinen Platz hätten. Darüber wurde die Frau sehr zornig und schalt in ihrem Argwohn das Mädchen, in welcher sie die Beihälterin von sieben Männern vermutete, ein Lumpenmaitschi. Noch in der selben Nacht erschien sie mit zwei Männern, die sie vom Flussufer geholt hatte, diese brachen sogleich ins Haus ein und erschlugen die Zwerge. Man verscharrte die Leichen draussen in dem Gärtchen und verbrannte das Haus. Das Mädchen war darüber den Leuten aus den Augen gekommen.
 
Nach Paracelsus haben die Zwerge einen Astralleib, keine Knochen. Ein Massaker dieser Art sollte also nicht möglich sein. Üblich ist in der Zwergenmythe, dass den Elementargeistern der Erde jeweils eine Falle gestellt wird oder sie unangemessen beobachtet werden, worauf sie dann verschwinden. Es heisst dann von ihrem Anführer, z. B. „der Muggestutz ischd gschtoorbe“; aber nie hat jemand einen Zwerg sterben gesehen oder dessen Überreste beobachtet. Dass nun aber ausgerechnet im unteren Aaretal von einem Massaker an Zwergen berichtet wird, schien mir immer die Verzerrung eines Mythos zu sein. Je länger ich aber in die Abgründe der Geschichte meines Heimatdorfes Würenlingen AG/CH blicke, desto mehr wird mir klar: Hier entfaltet sich die grausame rachsüchtige Phantasie eines einheimischen Erzählers. Mit Paracelsus könnte man noch formulieren: „Die Träume der neidischen Menschen werden wahr.“ Oder mit Jürg Federspiel, der zwar nicht Würenlingen, aber immerhin Endingen besucht hat: „Es gibt Länder stiller Mörder.“
 
Unter den Artikeln, die ich in letzter Zeit geschrieben habe, wurde mein Beitrag mit dem ursprünglichen Originaltitel Die Totentänze von Würenlingen in meiner Heimat mit einer gewissen Betretenheit zur Kenntnis genommen. Der historisch-volkskundliche Ansatz bringt neben Bekanntem immer auch viel Unbekanntes zum Vorschein. Dabei ist meine Erfahrung die: Die Leute kennen die alten Geschichten kaum mehr, aber in Bauch und Knochen bzw. in ihrem Unterbewusstsein sind sie trotzdem verinnerlicht. Jeder weiss es, aber man möchte es lieber für sich behalten.
 
Reminiszenzen aus Würenlingen
Das Textatelier.com liest indes meist nur, wer selber hier vorbeisurft. Darum scheint es mir richtig, dass mein Beitrag, ergänzt durch die obige Einleitung, hier noch einmal erscheint. Was nämlich in einer Sonntagszeitung publiziert wird, selbst in den von mir regelmässig bedienten wie Zentralschweiz am Sonntag und Schweiz am Sonntag, ist meistenteils schon am Montag darauf wieder Altpapier. Meinen treuen Leserinnen und Lesern ausserhalb jenes Leserkreises möchte ich die Reminiszenzen aus meinem Heimatdorf Würenlingen nicht vorenthalten.
 
Die Gemeinde Würenlingen im unteren Aaretal, schon mal „Atomdorf“ genannt, versteht sich als Hochburg für Festtradition und sozialen Zusammenhalt. Seit 250 Jahren wird die Idylle durch Mordserien, Katastrophen und Skandale gestört. Nicht immer war ein Fremder der Auslöser.
 
Nicht schon wieder Würenlingen! Wer sich dieser Tage im Dorf umhört, nimmt neben Betroffenheit, welche vier einheimischen Opfern eines mehrfachen Tötungdelikts gilt, spürbaren Ekel wahr. Auf Publizität bis hin zu BILD und CNN ist man nicht erpicht. Im Ernst rät man mir, lieber „Positives“ zu berichten. Wie hier jeder Zugezogene die zu ihm passende Fasnachtsclique finde. Wie familiär es im Café des Einkaufszentrums „Kuhgässli“ zugehe. Dieses ersetzt die früheren Tante-Emma-Läden, so das Lokal der Geschwister Mülli am „Rennweg“, wo ich dank der Zeitschrift „Junior“ mit Papa Moll bekannt wurde.
 
Würenlingens Rennweg hat nichts mit der Seitengasse der Zürcher Bahnhofstrasse zu tun. Da wurden mal Kühe durchgetrieben. Vor bald 100 Jahren, zur Grippezeit 1918, startete der Dorfwächter mit Horn seinen Rundumgang mit behördlichen Anweisungen. Die Zahl der örtlichen Grippetoten bewegte sich wie die der seitherigen Opfer von Faustfeuerwaffen im zweistelligen Bereich. Und seit dem Dorfbrand von 1790, dessen einheimischer Täter Jakob Leonzi Meyer vor dem Landvogteischloss Baden enthauptet wurde, machte sich Würenlingen mehrfach zum Schauplatz makabrer Totentänze. Nicht umsonst heisst ein stiller Winkel am Dorfrand unweit des heutigen Altersheims „die letzte Angst“.
 
Die schlimmen Sachen passierten oft am Dorfrand, nicht zu vergessen der Bestechungsskandal 1987 um die Giftmülldeponie Bärengraben. Der kürzlich mit Leichen übersäte Schreckensort Langacker, unweit vom Kaiseracker im intensiv überbauten Breitenquartier, war bis in die fünfziger Jahre bestes Landwirtschaftsland. Hier hatten der „Breitenbuur“, der Pintenmichel, die Naglers, der Bärenwirt, der Häny-Mathe und andere tonangebende Bauern generationenlang das Sagen. In Einzelfällen machten sich Erbstreitigkeiten sogar schon bei Beerdigungen spürbar. Am oberen Dorfrand gingen zwei spätere angesehene Unternehmer wegen Grenzstreit einst so aufeinander los, wie es Gottfried Keller in „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ am Beispiel von zwei Bauern beschreibt. In der Regel schlug man einander aber nur halb tot. Eine böse Ausnahme war die Verbrennung eines geistig behinderten Holzsammlers um 1760 im Unterwald durch einheimische Nachtbuben. Der Himmel rächte sich dort später durch einen Flugzeugabsturz.
 
Als vor Wochenfrist Polizeikommandant Michael Leupold mit ernster Stimme die Pressekonferenz zum blutigen Samstag eröffnete, erinnerte er etwas an den Himmelspolizisten Michael, Erzengel und Dorfpatron von Würenlingen.
 
Die denkwürdigen Flugzeugabstürze nach der Alten Fasnacht 1970 (Anschlag auf Swissair Coronado) und 1944 (US-Bomber) werden durch eine Erinnerungskultur gewürdigt. Für Alt-Gemeindeammann Arthur Schneider ist Weihnachten 1944 die früheste Kindheitserinnerung. Arthur galt als zu klein für den allgemeinen Aufbruch an den Ort des Schreckens im Ruckfeld; ausserdem lag seine Mutter gerade mit seiner jüngeren Schwester im Wochenbett. Im Vergleich zu solchen Ereignissen weigert man sich in Würenlingen, den Dreifachmord von 1985 durch den kriminellen Wichtigtuer Alfredo Lardelli als „historisch“ zu anerkennen. Dies sei sowieso zehn Meter ennet der Dorfgrenze bei Station Siggenthal passiert, quasi einem Niemandsland, wohin die Eisenbahngegner von Würenlingen und Siggenthal 1855 den Bahnhof verbannt hatten.
 
Die Häufung von Mehrfachmorden in Würenlingen (den Spezialfall des Verbrechens an der Swissair-Coronado muss man wohl mit dazu rechnen) sei reiner Zufall. Die Täter seien Fremde gewesen, die nie etwas mit dem Dorf zu tun gehabt hätten. Unvergessen bleibt ein Opfer von 1985, Vanio V., zwar kein Ur-Würenlinger. Dessen Ermordung wurde damals bei der Weihnachtsfeier der Firma Formbeton AG kurz vor dem Dessert, das die meisten stehen liessen, bekannt gegeben. Von Morden, die mit Würenlingen zu tun haben, schlug 2011 das Beziehungsdelikt an der Wein-Journalistin Barbara M. am stärksten ein, wiewohl der Tatort Baden war. Die Ex-Frau eines der angesehensten Mitbürger, dessen Familie seit 1305 politisch und wirtschaftlich das Geschick des Dorfes massgeblich mitbestimmt, wurde Opfer eines Mannes, der wie der Schütze vom Langacker auf gar keinen Fall als Verlierer vom Platz gehen wollte. Bei perfekt geplanten Taten, vgl. auch den Piloten Lubitz, scheint der Vorwand „krank“ eine Schutzbehauptung, um sich dem elementar Bösen nicht stellen zu müssen. Der Forensiker Thomas Knecht vermerkt zu Würenlingen: „Ein Tötungsplan verschwindet wegen den Medikamenten nicht, sofern er nicht zu 100 Prozent aus einem Wahn heraus geboren worden ist.“
 
Dass der Täter „türkischstämmig“ gewesen sei, so wie der beleidigte Mörder der beliebten Weinkennerin ein Portugiese war, hat sich im Dorf erst durch die Enthüllung von „Blick“ herumgesprochen. Und für viele Würenlinger wurde der neue Seelsorger, über dessen unpfarrherrliche Kleidung beim Fernsehauftritt Kritik gemunkelt wurde, durch dieses Ereignis endlich bekannt. Jahrhundertelang war hier das „Elfuhr-Läuten“ Tradition. 1454 vom Papst europaweit angeordnet wegen „Türkengefahr“.
 
Schon auch der erste Reformierte im Dorf wurde als Fremder empfunden. Man nannte ihn zeitlebens den „protestantischen Meier“. Der alte Mann, Mitgründer des Vogelschutzvereins, wurde zwischen Würenlingen und Station Siggenthal totgefahren. Der erste Sikh im Dorf, ermordeter Schwager des Täters auf dem Langacker, starb ebenfalls keines natürlichen Todes. Grosse Anteilnahme über das 1999 zugezogene getötete Ehepaar L. hinaus löste die Nachricht von der „zufälligen“ Erschiessung von Thierry K. aus, dem in Würenlingen und seinem Arbeitsort Döttingen bekannten und beliebten Mitbürger, Adoptivsohn einer seit Jahrhunderten hier ansässigen Familie.
 
Das Unheimliche, lehrt Sigmund Freud, sei ein plötzlich zum Vorschein gekommenes Heimliches. Wenig bekannt ist, auch in Würenlingen, dass Fasnacht, Totentanz und Totenkult einander untergründig verwandt sind. Solange es das Dorfleben gibt, wird auch der Schrecken ein Teil davon bleiben.
 
 
Hinweis auf weitere Blogs über Würenlingen
01.02.2015: Atommüll Schweiz: Abgekürztes AKW-Nünistein-Verfahren
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