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BLOG vom 18.06.2015


Von Morgarten zum SAC, Berge als Schicksal
Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Beromünster LU/CH

Die Meinung, bei der Schlacht bei Morgarten am 15. November 1315 sei bereits die Unabhängigkeit der Schweiz errungen worden, ist zwar falsch. Nichtsdestotrotz hängt „Morgarten“ mit dem Schicksal der Eidgenossenschaft zusammen. Es ging nämlich um einen Konflikt zwischen den Schwyzer Bauern und dem Kloster Einsiedeln, Alpweiden betreffend. Die Schwere dieses Konflikts hängt mit den Pionierleistungen des Klosters bei der Zucht der wichtigsten alpinen Rinderrasse zusammen, dem Braunvieh. Diese Errungenschaft führte indes zur vermehrten Beanspruchung von Alpweiden durch die klösterliche Landwirtschaft. Entsprechend hatte der Konflikt zwischen den Schwyzer Bauern und dem Kloster einen handfesten wirtschaftlichen, lies alpwirtschaftlichen Hintergrund. Die Berge wurden in diesem Sinn zum Schicksal des Landes. Zwei der grössten Wirtschaftsrevolutionen im Alpenraum hatten mit der Alpenerschliessung zu tun, mit Vieh einerseits im 13. und 14. Jahrhundert, mit Touristen andererseits ab dem 19. Jahrhundert. Die Bergbahnen und das Ersteigen der Gipfel, etwa des Matterhorns vor 150 Jahren, veränderten das Weltbild massiv. Gab es im Mittelalter die bekannten Markgenossenschaften der alten Schweizer, sollte ab 1863 der Schweizerische Alpenclub SAC seinerseits dazu beitragen, in den Bergen ein Gemeinschaftsgefühl zu fördern.

Die erste Revolution in den Bergen hatte schon im 13. und 14. Jahrhundert stattgefunden. Gemeint ist damit die mehr oder weniger systematische Erschliessung der Alpen durch Viehwirtschaft, was wiederum nach einer Verbesserung der Passwege rief. Das Braunvieh, für dessen Zucht das Kloster Einsiedeln auch für die Ostschweiz eine grosse Bedeutung erlangte, konnte nämlich nicht in grosser Zahl überwintert werden. Der Viehtrieb in die norditalienischen Schlachthöfe über den St. Gotthard, Grimsel-, Griespass und andere Übergänge erwies sich als Notwendigkeit. Der aus der Landwirtschaftsrevolution resultierende „Marchenstreit“ der Bergbauern mit von Habsburg beschützten Klosterherren (Einsiedeln, Engelberg) führte zur Beschwörung der bekannten Bünde von 1291 und 1315.

Zur Zeit der Gründung der Alten Eidgenossenschaft trieb man, wie Nationalrat Franz Steinegger als Präsident des Schweizerischen Tourismus-Verbandes einmal bemerkte, das Vieh auf die Alpen; mit der Gründung des Bundesstaates mehr als 500 Jahre später einschliesslich der Industriellen Revolution begann, als zunehmend bedeutender Wirtschaftsfaktor, der „Alpauftrieb“ der Touristinnen und Touristen. Dass der britische Reisebürogründer Thomas Cook 1863 erstmals eine Pauschalreise in die Schweizer Alpen organisierte, mit der Gemmi sowie Eiger, Mönch und Jungfrau als zentrale Attraktionen, passt in dieses Bild des Kulturwandels.

Die Gründung des Schweizerischen Alpenclubs im Bahnhof Olten am 19. April 1863 erfolgte unweit des Kilometersteins Null des schweizerischen Eisenbahnnetzes. Nahe diesem zentralen Knotenpunkt befand sich die Werkstätte des grossen Schweizer Ingenieurs Niklaus Riggenbach (1817 – 1899). Das Jahr 1863 war für den Bergbahnpionier eines der denkwürdigsten seines Lebens. Am 12. August des SAC-Gründungsjahres meldete Riggenbach nämlich in Paris das Patent Nr. 59625 an, eine Zahnradbahn mit Zahnstangenbremse: die nachmalige, 1871 in Betrieb genommene Vitznau-Rigibahn. Ein Wendepunkt in der Verkehrsgeschichte des Alpenraums. Hatte sich die 24jährige Königin Viktoria, eine nicht gerade leicht gebaute Frau, noch 1842 per Sänfte auf das Kalte Bad und Rigi Kulm tragen lassen, war jetzt die technische Erschliessung eines der beliebtesten Voralpenberge für den Tourismus Tatsache geworden, wiewohl vorläufig den vermögenden Klassen vorbehalten. Die zweite grosse Revolution in den Schweizer Alpen war im Gange. Im Schicksalsjahr 1862/63 war Eisenbahn-, Gotthard- und Industriepionier Alfred Escher Nationalratspräsident und damit protokollarisch höchster Schweizer.

Der erste moderne Reiseführer mit dem Titel „Der Turist in der Schweiz“ war 1855 vom Verleger Iwan von Tschudi, einem gebürtigen Glarner, bei Scheitlin & Zollikofer in St. Gallen herausgebracht worden. Nicht zufällig gehörte dieser Tschudi zu den Mitgründern des Alpenclubs. Sein Bruder Friedrich von Tschudi, Mitverfasser des Reiseführers, hatte mit dem „Tierleben der Alpenwelt“ eines der meistgelesenen populärwissenschaftlichen Bücher der Schweizer Literaturgeschichte geschrieben. Dabei bestätigte sich, was für die Beschäftigung mit den Alpen seit Conrad Gesner und Johann Jacob Scheuchzer Standard geworden war: das naturwissenschaftliche Interesse als Bestandteil der Volksaufklärung. Die Tschudis waren in dieser Sache geprägt durch den wirkungsmächtigsten Schriftsteller der damaligen Schweiz, Heinrich Zschokke (1771 – 1848). Dessen Standardwerk „Die klassischen Stellen der Schweiz“ brachte im Gegensatz zu den Dichtungen Albrecht von Hallers und Friedrich Schillers konkrete Schilderungen fast aller Destinationen, von den Voralpen bis zum Berner Oberland und Zermatt, die noch heute den Kanon dessen ausmachen, was Chinesen und Japaner von der Schweiz gesehen haben wollen.

Ich habe als aargauischer Bezirksschüler Tschudis „Tierleben“ mit heissem Interesse verschlungen, mich durch Fabelhaftes über Waldrapp und Bartgeier bewegen lassen. Schon der erste Schweizer Autobiograph, der Walliser Humanist Thomas Platter, berichtet, wie er als Hirtenbüblein in Grächen (VS) im Gefühl von Furcht und Schrecken vor dem „Lämmergeier“ aufgewachsen sei. Kein Wunder, wurde dieser Vogel, wie Bär und Wolf, noch in der Frühzeit des Alpenclubs ausgerottet. Die Platter aus dem Matter- und Saastal schrieben sich übrigens später „Blatter“, waren also auch die Vorfahren des FIFA-Präsidenten Joseph S. Blatter.

Was die Jahre zwischen 1848 und 1871 für das Bewusstsein der Menschen in den Bergen bedeuteten, hat mir vor einem halben Menschenalter der Vitznauer Berglandwirt Josef Zimmermann, genannt „Lengwiler-Sepp“, eindrucksvoll dargetan. Sein Grossvater, geboren 1842, habe als Knabe bei der Gruobisbalmhöhle noch Bergmännchen wahrgenommen. Seit dem Bau der Vitznau-Rigibahn aber habe niemand mehr diese Wesen gesehen! „Die Gruobisbalmhöhle wird durch die Vitznau-Rigibahn erschlossen“, lesen wir heute auf der Homepage der „Höhlenfestung Gruobisbalm“. Der Auszug der noch bei Paracelsus beschriebenen Elementargeister wie auch das Verstummen der Prophezeiungen der drei Schwestern von Rigi-Kaltbad scheint aus volkskundlicher Sicht durchaus einen Eintrag ins Geschichtsbuch wert. Es signalisierte sich ein neues Verhältnis zum Berg und zu den Alpen ganz allgemein. Das Zeitalter der Tabus und der Angst vor dem Berg wich einem Zeitalter der Neugier und der Beherrschung der Natur.

Bei der Gründergeneration des Alpenclubs fällt indes hohe Ehrfurcht vor der Schöpfung ins Auge, einhergehend mit feierlichem Naturpathos. Als „erster unter den Sterblichen“ einen Berggipfel zu besteigen, erfüllte die Pioniere noch und noch mit einem heiligen Schauder. Was Kulturkritiker die sogenannte „Entzauberung der Natur“ nannten, geht weder auf die Gründung des SAC noch auf die ersten Bergbahnen zurück. Hier hatte etwa schon ein Gelehrter wie der in Beromünster mit einem Grabdenkmal geehrte Mauritius Anton Cappeler (1685 – 1769) mit seiner ersten Bergmonographie über den Pilatus (1767) Pionierarbeit geleistet. Er räumte mit den mythischen Vorstellungen seiner Vorgänger Renward Cysat und Leopold Cysat radikal auf zugunsten einer naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise mit barometrischen Höhenmessungen. Dazu kamen systematische Geologie, Ornithologie, Botanik und anderes mehr.

In Cappelers Nachfolge veröffentlichte 1860 der seinerzeitige Nationalratspräsident von 1848/49 und (mit Ulrich Ochsenbein und Jonas Fuurrer) Erstunterzeichner der Bundesverfassung von 1848, Jakob Robert Steiger (1801 – 1862), eine 600seitige „Flora des Kantons Luzern, der Rigi und des Pilatus“, für deren Abfassung er eigens aus dem Bundesparlament zurückgetreten war. Der Revolutionär Steiger (1845 in Luzern knapp der Hinrichtung entronnen) war Präsident der 1858 aufgelösten Helvetischen Gesellschaft und Vorsitzender der luzernischen Naturhistorischen Gesellschaft. Wäre er nicht kurz vor der Gründung des SAC einem Herzleiden erlegen, man hätte den vielseitigen Doktor Steiger, auch einen Mitgründer der ETH, an jenem denkwürdigen 19. April 1863 in Olten sehr wohl antreffen können. Und dass man den Jahrhundert-Kartographen Guillaume Henri Dufour zum ersten Ehrenmitglied erwählte, lässt tief in die Geistesverfassung der Gründer blicken.

Die Helvetische Gesellschaft, 1761/62 im Schinznacher Bad gegründet, war in Olten durch die „Helvetisch-Militärische Gesellschaft“ ergänzt worden. Nach ihrem vorübergehenden Untergang zur Zeit Napoleons wurde sie eine wichtige Kraft zur Regeneration der Schweiz. Im selben, übrigens sehr männerbündischen Geist wirkte im Kanton Aargau seit 1811 die „Gesellschaft für Vaterländische Kultur“, ein öffentlicher Ableger der Freimaurer, zu welcher Gesellschaft nebst Heinrich Zschokke der Unternehmer, Kartograph und Bergsteiger Johann Rudolf Meyer aus Aarau gehörte. Nicht nur war Zschokke schon 1795 mit seinem Ulmenstock (heute in Aarau im Museum) am Fusse des Tödi gestanden. Berühmt geworden ist auch seine umstrittene Redaktion von Rudolf Meyers Schilderung der Erstbesteigung des Finsteraarhorns vom 16. August 1812. Mitglieder der Familie Meyer haben bekanntlich schon 1811 die Jungfrau bestiegen.

Eindrücklich bleibt bei Zschokkes Schrift „Reise auf die Eisgebirge des Kantons Bern und Ersteigung ihrer höchsten Gipfel im Sommer 1812“, erschienen vor etwas mehr als 200 Jahren bei Sauerländer in Aarau (1813) der Mentalitätsunterschied zwischen den Alpenforschern aus dem Unterland und ihren Walliser Bergführern. Während die ersteren hoch oben in der Eiswüste die barometrische Höhenmessung nach Zoll und Linien durchführten, beschäftigten sich die Bergler mit dem Beten von Vaterunsern und Avemarias. Ein eindrücklicher Beleg für die kulturelle „Ungleichzeitigkeit“ dessen, was im 19. Jahrhundert in den Alpen passiert ist. Dabei war Zschokke, selber ein frommer Mann, weit davon entfernt, das Beten bloss als Mangel an Aufklärung zu interpretieren. Die alpine Religiosität steht für die Ungewissheit und den Faktor an Unsicherheit, welchen einzugestehen zu einer realistischen Haltung der Bergwelt gegenüber gehört.

Zur Überwindung des Irrationalismus und der ursprünglich dominierenden Furcht gegenüber der Bergwelt trug indes vorrangig deren Vermessung teil. In diesem Zusammenhang kann nicht genug auf die Publikationen des Kartographiehistorikers Martin Rickenbacher hingewiesen werden. Die epochale Kartographie eines Johann Jacob Scheuchzer (1712) wurde noch im 18. Jahrhundert und im frühen 19. Jahrhundert massiv verbessert. Man denke an das erste Alpenpanorama von Micheli du Crest (1754) und auch an die Messkünste eines Johann Georg Tralles, dem Zschokke schon 1794 begegnet war, und Ferdinand Rudolf Hassler (geb. 1770 in Aarau – gest. 1843 in Philadelphia). Entsprechend enthält die Zschokke-Schrift über die Reise von 1812 eine eindrucksvolle Karte der Gletscherlandschaft im Berner Oberland und im Wallis. Im für die Geschichte des Schweizer Alpentourismus massgeblich gewordenen Buch über „Die klassischen Stellen der Schweiz“ von Zschokke wird nicht nur das wissenschaftliche Interesse angesprochen, sondern zumal auf die Faszination eines Reiseziels gepocht.

Es wäre indes falsch, den Kulturwandel zwischen einer mehr archaischen und modernen Betrachtungsweise der Alpen, wie er im 19. Jahrhundert zu einer ersten Vollendung gekommen ist, einer kulturpessimistischen Wertung zu entwerfen, „hie Furcht und Ehrfurcht – dort Beherrschung und Ausbeutung“. Ein hoher Grundwert, der im Alpenraum zu allen Zeiten gegolten hat, ist die Solidarität. In diesem Sinn nimmt zum Beispiel bei Zschokke die Schilderung des Bergsturzes von Goldau (1806) auch bei den „Klassischen Stellen der Schweiz“ eine zentrale und exemplarische Rolle ein. Auch Ingenieure wie der Erbauer der Strasse durch die Schöllenenschlucht und Architekt der zweiten Teufelsbrücke, der Urner Karl Emanuel Müller (1804 – 1869), hatten eher die Solidarität mit ihren Landsleuten als Geld und Karriere im Sinn. Nach der epochalen Erschliessung der Simplonroute in der Zeit Napoleons und dem Ausbau der Bündner Pässe drohte die auch durch die Kriege beschädigte Gotthardroute ins Abseits zu geraten. Karl Emanuel Müller, Erbauer der Nydeggbrücke in Bern und zeitweilig Strassenbauinspektor im Kanton Glarus, hat sich, als Kommandant einer Sonderbundseinheit, im Vergleich etwa zu General Dufour, politisch ins Abseits manvöriert. Für seinen Heimatkanton Uri war er aber wahrscheinlich der wichtigste Pionier, seit die Walser vom Urserental nach 1200 mit ihrer einzigartigen, aus dem Wallis importierten Stege-Baukunst die Schöllenenschlucht zugänglich gemacht hatten.

Auffällig für die Frühzeit des Schweizerischen Alpenclubs ist die exemplarische Rolle, welche Gründer Johann Rudolf Simler (1833 – 1873) den Glarner Alpen und vor allem dem Tödi-Gebiet zuwies. Aus seiner Sicht, wohl von Zschokke beeinflusst, sozusagen das Herz der Schweizer Alpen, notabene in einem konfessionell „gemischten“ Kanton. Zu den Glarner Alpenpionieren gehört nebst den schon genannten Tschudis der Palöontologe, Entomologe und Botaniker Oswald Heer (1809 – 1883). 1840 veröffentlichte er seine wichtige „Flora der Schweiz“, und 1865 sein Standardwerk „Die Urwelt der Schweiz“. Mit seinen Theorien über die Entstehung der Arten wagte er es sogar, dem weltberühmten Darwin Konkurrenz zu machen. Heer, der an der ETH lehrte und in Zürich zeitweilig politisierte, wusste sich von Alfred Escher massgeblich gefördert. Für seinen Heimatkanton Glarus verfasste er eine wertvolle Monographie, ein Beispiel für eine geographisch und naturwissenschaftlich universale Betrachtungsweise. Er war wie Alpenclub-Gründungspräsident Johann Rudolf Simler zeitweilig Lehrer an der zürcherischen Landwirtschaftlichen Schule Strickhof.

Die Gründung des Schweizerischen Alpenclubs 1863 erfolgte aus dem Geist aufgeklärter gelehrter Gesellschaften früherer Epochen, durchaus auf männerbünderischer und etwas elitärer Grundlage, aber zukunftsgerichtet und vergleichsweise, wenn man zum Beispiel an den Hüttenbau denkt, praktisch orientiert. Tourismus bedeutete damals weder blosse Erholung noch einfach „fun“. Im Vordergrund stand das Erstaunen über die Alpenwelt und die Leidenschaft, dieses Erstaunen auch zu begreifen. „Wer nichts gelesen hat, hat nichts erlebt“, vermerkte einmal Nobelpreisträger Elias Canetti. Dass der SAC eine der weltweit bedeutendsten Bibliotheken für seine Thematik besitzt, entspricht dem Geist seiner Gründung wiewohl auch dieser Losung Canettis. Der in Zürich begrabene weltbekannte Schriftsteller bezeichnete in seinem Hauptwerk „Masse und Macht“ die Alpen als das Massensymbol der Schweiz.

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