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BLOG vom 21.10.2015


Heinzelmännchen, Weingenuss und der blauen Grotte

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland

 

Wer kennt sie nicht, die Geschichten um die Zwerge, Gnome, Dwarfs, Kabouters, Klabouter, Hobs oder Brownies? Angeblich hat der Schweizer Alchemist Paracelsus den Begriff aus dem Lateinischen „Gnomus“ oder „Gnomi“ abgeleitet, und er gebrauchte ihn als Synonym zu „Pygmaei“ aus der griechischen Mythologie. Heute würden wir Kleinwüchsige oder Minderwüchsige sagen, allerdings nur, wenn wir unsere Mitmenschen meinen, die die Länge von 130 bis 150 cm nicht überschreiten.

Es sei denn, wir verbinden den Begriff mit der Stadt Köln und der von diesen Gestalten geleisteten nächtlichen häuslichen Fleissarbeit. Dann meinen wir allerdings die Heinzelmännchen. Es umgab sie ein Geheimnis. Sie waren nicht so recht zu fassen, sie verschwanden, sobald sie entdeckt wurden.

 

Der Maler und Dichter August Kopisch

August Kopisch (1799-1853)
Quelle: www.goethezeitportal.de


Der Maler und Dichter August Kopisch (1799-1853) verarbeitete 1836 eine kleine Prosaerzählung, entstanden aus einer Sage aus dem Siebengebirge, einer Berglandschaft südlich von Köln, mit der Überschrift „Cölln’s Vorzeit“ des Kölner Dichters Ernst Weyden (1805-1869) zu einem Gedicht, das wir Kinder in der Schule in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts noch auswendig lernen mussten:

„Wie war zu Cölln es doch vordem,
Mit Heinzelmännchen so bequem!
Denn, war man faul ... man legte sich
Hin auf die Bank und pflegte sich:
Da kamen bei Nacht,
Ehe man’s gedacht,
Die Männlein und schwärmten
Und klappten und lärmten
Und rupften
Und zupften
Und hüpften und trabten
Und putzten und schabten ...
Und eh ein Faulpelz noch erwacht, ...
War all sein Tagewerk ... bereits gemacht!“ 

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass der Name des Dichters damals überhaupt erwähnt worden ist. Für uns Kinder war das wohl auch nicht von Belang, träumten wir doch alle davon, dass unsere Hausaufgaben und die uns von der Mutter auferlegte Arbeit doch auch so einfach erledigt werden könnte. Aber erstens wohnten wir leider nicht in Köln, zweitens war es eine Sage, die vielleicht nie Wirklichkeit war, und drittens wurde Bequemlichkeit und Faulheit als schwere Sünde angesehen. Davon zu träumen konnte uns jedenfalls niemand nehmen!

Die Heinzelmännchen waren jedenfalls so populär, dass im Laufe der Jahre viele elektrische Helfer im Haushalt, sei es der Staubsauger, die Waschmaschine und der Backofen diesen Namen als Attribut bekamen. Noch heute nennen sich beispielsweise eine Gebäudereinigungsfirma und eine Firma für Wohnungsauflösungen immer noch so. Das ZDF, ansässig in Mainz, ist bekannt für die Zeichentrickserie „Mainzelmännchen“, der Name geht ebenfalls auf die kleinen Kobolde zurück.

Wie ist es möglich, so frage ich mich, dass niemand den Dichter dieser Reime kennt? Schliesslich wissen wir doch auch, dass das „Lied von der Loreley“ von Heinrich Heine und der Text des Weihnachtsliedes „Stille Nacht“ von Joseph Mohr stammen. Der Name August Kopisch war mir bis dato gänzlich unbekannt. Entdeckt habe ich ihn in einem kleinen Bändchen von Hans Geller, aus dem Jahre 1955, erschienen in Leipzig, mit der Bezeichnung „Curiosa – Merkwürdige Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert“.

Hierin abgebildet ist eine Bleistiftzeichnung des Dichters von Leopold Kupelwieser, einem Wiener Historienmaler, auf dem August Kopisch tief ins Weinglas schaut. Sie ist, jedenfalls so wird es beschrieben, im Besitz der Städtischen Kunstsammlungen in Wien.

 

„Die Augen sind durch ziemlich wüste Haarsträhnen ganz verdeckt, ein verwegenes Hütchen thront auf dem Kopf, ganz vertieft ist der Neunzehnjährige in seine feucht-fröhliche Beschäftigung.“ Erkennbar ist er jedenfalls nicht, wenn ich mir sein Portrait ansehe.

In seinem Gedicht „Drei Fragen und drei Antworten“ schreibt Kopisch darüber: „Wein oder Wasser?“, „Welche Sorte Wein?“ und zu guter Letzt: „Gläser oder Becher?“ Es ist für ihn sonnenklar: Auch wenn ein geeigneter Trinkbehälter fehlt, kann man den Wein immer noch aus den hohlen Händen trinken:

„Schenkt ihn in das was ihn fasset,
Was an Menschenlippen passet.“

Was ist noch über August Kopisch zu berichten? Ein tüchtiger Schwimmer soll er gewesen sein, denn er habe die „heute berühmte blaue Grotte“ neu entdeckt.

Die Blaue Grotte ist eine Höhle im Nordwesten der Insel Capri, deren Zugang ein nur knapp 1,5 Meter hohes Felsloch im Meer ist. Die Höhle ist etwa 52 Meter lang und 30 Meter breit, das Wasser in ihr ist ungefähr 15 Meter tief.“ (Wikipedia)

Hat Kopisch darüber nachgedacht, ob die Heinzelmännchen auch, natürlich nach getaner nächtlicher Arbeit, dem Wein zugesprochen haben? Ich kann es mir vorstellen, denn Arbeit und Vergnügen sind nicht zu trennen, und wünschenswert für viele Menschen ist es, dass keine von beiden Tätigkeiten überhand nimmt!

 


Quellen:

Geller, Hans, Curiosa - Merkwürdige Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert, VEB A. Seemann Verlag, Leipzig, 1955.

Frau Dr. Danica Krunic von KunstundKultur.org danke ich für die Abdruckgenehmigung des Portraits.

 


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