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BLOG vom 10.11.2015


An der Mosel (4): Burg Eltz – ein Märchen aus Stein

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D


 

Bilderbuchburg Eltz

Bilderbuchburg Eltz
 

Victor Hugo war beim Besuch der Burg Eltz hoch beeindruckt: „Hoch, mächtig, verblüffend, finster.“ In sein Tagebuch schrieb er noch, er habe so etwas noch nie gesehen. Für die englische Reiseautorin Katharine Macquoid war die Burg „ein Märchen in Stein“.
Ich kannte die Burg von einer Abbildung auf der Rückseite eines 500-Mark-Scheins, der von April 1965 bis Juni 1995 im Umlauf war. Auch in einigen Fernsehsendungen wurde die Burg mit ihrer 850-jährigen Vergangenheit präsentiert. Hier ein kurzes Video:
http://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/morgenmagazin/videos/schoen-hier-die-burg-eltz-erlebbares-mittelalter-100.html

Die Burg Eltz liegt zwischen Cochem und Koblenz. Man kann auf der Autobahn oder an der Mosel entlang über Münster-Maifeld und Wierschem zur Burg fahren. Das heisst, für den normalen Autoverkehr ist die direkte Fahrt zur Burg nicht gestattet. An einem Wanderplatz steht ein Pendelbus zur Verfügung. Wir wählten den 20- bis 30-minütigen Wanderweg durch den Elzer Wald. Immer wieder hielten wir Ausschau nach der Burg. Diese sahen wir erst nach der letzten Wegbiegung nach links. Einige Hobby-Fotografen machten hier die ersten Bilder. So auch ich. Wir waren von der Bilderbuchburg, die auf einem steilen Felskopf inmitten einer reizvollen Landschaft und oberhalb des Elzbaches (die Elz wird ohne „t“ geschrieben) auftauchte, begeistert. Die Burg gehört zu den wenigen Burgen, die nie zerstört wurden.

Nicole Hess schrieb sehr treffend in ihrem Mosel-Kunstführer: „Bildschön ist die Burg, im Innern reich ausgestattet, bezaubernd dank der Fachwerkpartien, Erkerchen und der auf ihrer Vergangenheit als Ganerbenburg basierenden Türme, in denen die Eltz-Familien einträchtig lebten. Die Linie Eltz-Kempenich zählt zu den ältesten deutschen Adelsgeschlechtern.“

Die Burg besteht aus mehreren turmhohen Wohnhäusern mit einem Gewirr von kleinen Türmchen und Kaminen. Die Wände bestehen aus hellbraunen Natursteinen, die Dächer sind mit grauen Schieferplatten abgedeckt. Malerisch sind die Erkerchen und kleinen Türmchen, die sich malerisch durch das rot-weisse Fachwerk abheben (s. Foto).

Wir lösten ein Besichtigungsticket für 9 Euro. Dann gesellte sich ein junger Burgführer zu uns, der die ungefähr 30 Besucher durch einige prächtige Räume führte. Teile des Rübenacher Hauses und der Rodendörfer Häuser sind der Öffentlichkeit zugänglich. Wir erfuhren von ihm, dass die Burg 100 Zimmer, 40 Kamine, 20 Zimmertoiletten und 3 Küchen hat.

Wir wandelten durch Wohn- und Schlafräume, der Waffenhalle, durch ein Ankleide- und Schreibzimmer, durch den Rittersaal, durch das Jagdzimmer und durch eine Küche. Die historische Einrichtung ist hervorragend erhalten und vollständig.

Betrachten wir einmal die Besonderheiten, die uns der Burgführer zu Gehör brachte. Dies möge genügen, da eine Gesamtpräsentation den Blog sprengen würde. Leider durften wir das Gesehene nicht fotografieren. Nur in der Schatzkammer, die wir am Schluss ohne Führer betrachten konnten, war dies erlaubt.

In der Eingangshalle sind Waffen, Helme ohne Visier, ein runder Schild und ein Ringhemd zu sehen. Für Waffennarren waren die Feuerwaffen aus dem 15. Jahrhundert interessant. Es waren Wall- oder Hakenbüchsen. Weiterentwicklungen waren Lunten- und Radschlossgewehre. Bei den älteren Luntenschlossgewehren wurde das Pulver mit einer Lunte, einer Art Zündschnur, angezündet und so der Schuss ausgelöst. Die Lunte war eine mit Salpeter getränkte Wollschnur. Beim Abbrennen entstand ein typischer Geruch. Schon vor dem Auslösen konnte der Gegner den Geruch der schwelenden Lunte riechen. Deshalb der Ausdruck „Lunte gerochen“.

Scherenstuhl und Kapellenerker
Im Rübenacher Untersaal wurde uns ein Falt- oder Scherenstuhl aus dem 16. Jahrhundert als Besonderheit präsentiert. Es ist einer der ältesten Stühle der Burgeinrichtung. In diesem Raum fielen mir besonders ein Flämischer Wandteppich (um 1580) und das Madonnenbild von Lucas Cranach dem Älteren (um 1520) auf. Zur Zeit unseres Besuches hing dort eine Kopie, das Original befand sich gerade in einer Ausstellung.
Im Rübenacher Schlafgemach waren alle Wände und die Decke mit bunten Malereien verziert. Die orientalisch wirkenden Malereien bestehen aus Blüten, Früchten, Blättern und Ranken. Es ist eine Rarität, da in anderen Burgen bei Restaurationen solche übermalt wurden.
Im Raum befand sich eine in einem Erker platzierte spätgotische Kapelle. Da man früher nicht über einem Gotteshaus wohnen durfte, kam man auf eine glorreiche Idee. Man baute einen Erker, der sich ausserhalb des Raumes befand und stattete diesen mit einem Altar aus.

Blick in die Zimmertoilette
Im Rübenacher Schlafgemacht entdeckte ich eine Zimmertoilette in einem Erker. Die Innenausstattung stammt aus dem 19. Jahrhundert. Ute Ritzenhofen: „Toilettenschächte waren im Mittelalter manchmal hölzern, manchmal wie hier gemauert und führte von den Toilettenerkern an der Hauswand hinunter, bevor sie in Bodennähe in eine Grube mündeten. Um die Schächte zu reinigen, war es üblich, das Regenwasser der Dächer durch die Schächte zu leiten und so eine einfache Form der Wasserspülung zu sorgen.“ Den Burgbewohnern stand kein weiches Toilettenpapier für ihre zarten oder gegerbten Hintern zur Verfügung. Sie verwendeten Heu oder Kohlblätter.

Wir besichtigten auch die mit Wandmalereien aus dem 15. Jahrhundert verzierten prächtigen Ankleide- und Schreibzimmer. Im anschliessenden Kurfürstenzimmer erblickten wir einen grossen Wandteppich von 1680, einen mit gedrehten Säulen aufwändig verzierter Schrank aus dem 16. Jahrhundert, eine Wandnische mit einer Sammlung farbigen chinesischen Porzellans.
Der Rittersaal diente als Fest- und Versammlungsraum. Hier befanden sich Modellkanonen, 3 Ritterrüstungen, 2 Bildteppiche, 3 eiserne Metallkisten. Das Besondere an diesen Kisten: mit einem einzigen Schlüssel konnten 7 Riegel gleichzeitig bewegt werden.

„Und hier sehen Sie eine Narrenmaske und über der spitzbogigen Ausgangstür eine rote Schweigemaske. Nach den Sitzungen mussten die Teilnehmer beim Verlassen des Rittersaales über das Geschehene und Gesagte schweigen“, erklärte uns der Burgführer.

Weitere Besichtigungen folgten. Wir durchschritten das Engelszimmer, Warmboldtzimmer, Comtessenzimmer, den Fahnensaal und die Küche. Im Fahnensaal steht ein Prunkstück, nämlich ein Kachelofen von 1881. Einen solch schönen Ofen mit reich verzierten Kacheln (Evangelisten, Wappen) habe ich noch nie gesehen. Einen fast identischen Kachelofen kann man im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg bewundern. Dieser diente wohl als Vorbild für den Eltzer Ofen.

Im Keller der Kostbarkeiten
Nach dieser sehr interessanten Führung durften die Besucher ohne Burgführer in die Schatzkammer in den unteren Geschossen des Rübenacher Hauses eintreten. Was wir hier an Silber- und Goldschätzen sahen, verschlug uns fast den Atem. Neben Waffen, Monstranzen, Silberstatuen, Schmuck, Tischuhren, Trinkgefässe, Besteck, Münzen, Kerzenleuchter sahen wir 2 Ringe mit 49 farbigen Wechselsteinen, ein winziges Reisealtärchen, eine Glassammlung, Hoechster Porzellan aus dem 18. Jahrhundert und Duellpistolen. Besonders interessant fand ich eine kleine Taschenuhr in Kreuzform von 1585. Die Uhr hat eine Gehäuse aus Bergkristall und eine Fassung aus vergoldetem Silber. Diese Uhr war ein Geschenk von Papst Sixtus V. an den Trierer Kurfürsten Jakob III. zu Eltz.

 

Prunkschale von 1680 in der Schatzkammer

Prunkschale von 1680 in der Schatzkammer
 

In der Gold- und Silberkammer fand ich die grosse vergoldete silberne Prunkschale von 1680 besonders auffällig. Unterhalb der prächtigen Schale standen mehrere vergoldete Reiterstatuen (s.Foto).
Ungewöhnlich war ein Kokosnusspokal in Form eines Ungeheuers (um 1590), das als Trinkgefäss diente. Beachtenswert war auch ein filigran ausgearbeitetes vergoldetes Tafelschiff (um 1580).

Der hintere Raum enthält Erinnerungstücke aus den einstigen Besitzungen der Familie Eltz in Vukovar (Kroatien). 1736 kaufte Kurfürst Philipp Karl zu Eltz Vukovar für 175 000 rheinische Gulden. Zu Vukovar gehörten 22 Dörfer und 15 Güter mit etwa 30 000 Untertanen.

 

108 Treppen nach unten in das heimelige Beilstein

108 Treppen nach unten in das heimelige Beilstein
 

„Schwarze Mdonna“ in Beilstein
Tief beeindruckt verliessen wir die Burg Eltz, wanderten wieder zum Waldparkplatz zurück und fuhren über Cochem nach Beilstein (eine Stadt mit nur 140 Einwohnern!). Unsere Wirtin empfahl uns diesen zauberhaften Ort zu erkunden und in der Klosterkirche St. Josef die Schwarze Madonna zu besichtigen. Wie sie uns erzählte, hat sie in dieser Kirche geheiratet.
Die Kirche mit dem Gnadenbild der „Schwarzen Madonna“ wird von Touristen und Pilgern aufgesucht. Vermutlich stammt die Madonna aus dem 19. Jahrhundert und nicht, wie lange vermutet, aus dem 13. Jahrhundert.

Von der Terrasse des Klostercafés hatten wir einen Blick auf Beilstein und die Mosel. An diesem Tag hatten wir keinen Postkartenblick, da der Himmel wolkenverhangen war und ein Dunst sich über die Mosel ausbreitete.
Dann ging es 108 Stufen abwärts in den heimeligen Ort. Wie ich erfuhr, liessen sich die Mönche im 17. Jahrhundert eine Treppensteuer bezahlen. Heute konnten wir ungehindert ohne Öffnung des Geldbeutels absteigen.

Wir schritten über den winzigen Marktplatz, kamen an restaurierte Fachwerkhäuser (beeindruckend ist das Rathaus), Torbögen und malerische Winkel vorbei. Es war für uns alle ein schöner Anblick
Die Ruine der Burg Metternich, die über Beilstein thront, besuchten wir nicht. Wir mussten die vielen Eindrücke an diesem Tag verarbeiten und waren froh, dass es wieder in unser Domizil nach Kröv ging.

Anmerkung 1: Kleine Videosequenzen über Stadtführungen in Beilstein sind im Internet zu sehen. (www.beilstein-stadtfuehrung.de).

Anmerkung 2: Im letzten Teil berichte ich über einen Abstecher in die Eifel (Manderscheid).


Internet
www.burg-eltz.de
www.beilstein.de
www.beilstein-stadtfuehrung.de


Öffnungszeiten Burg Eltz:
1. April bis einschliesslich 1. November täglich (ohne Ruhetag) 9:30 Uhr bis 17:30 Uhr.


Literatur
Hess, Nicole: „Mosel“, Dumont-Reise-Taschenbuch, Dumont Reiseverlag, Ostfildern 2014.
Ritzenhofen, Ute: „Burg Eltz“, Deutscher Kunstverlag Berlin, München, 2014.

 

Hinweise auf Blogs über Wanderwochen

Hinweis auf Blogs über eine Wanderwoche an der Mosel
09.11.2015: An der Mosel (3): Das „Schwarze Tor“ und Thermen in Trier
01.11.2015: An der Mosel (2): Hinkelstein und „Spitzhäuschen
27.10.2015: An der Mosel (1): Kröv, Riesling, Schiefer und Cochem

Hinweis auf Blogs über das Elbsandsteingebirge
15.07.2014: Elbsandsteingebirge 5: Labyrinth, Pfaffenstein, Barbarine
15.07.2014: Elbsandsteingebirge 4: Dresden u. der schönste Milchladen
13.07.2014: Elbsandsteingebirge 3: Balkon Europas, Schwedenlöcher
06.07.2014: Elbsandsteingebirge 2: Die Festung, die nie erobert wurde
03.07.2014: Elbsandsteingebirge 1: Klammen, Prebischtor, bizarre Felsen

Hinweis auf Blogs über die Bayernreise
11.11.2013: Unterwegs in Bayern (6): Ein imposantes Freilichtmuseum
19.10.2013: Unterwegs in Bayern (5): Das Oktoberfest hautnah erlebt
17.10.2013: Unterwegs in Bayern (4): Zugspitze, Absturz einer Chinesin
13.10.2013: Unterwegs in Bayern (3): Staffelsee, Ettal & Löffelschlagen
09.10.2013: Unterwegs in Bayern (2): Bad im heilsamen Moorschlamm
04.10.2013: Unterwegs in Bayern (1): Isny, Wieskirche, Bad Kohlgrub

Hinweis auf eine weitere Wanderwoche
28.07.2012: Südtirol 5: Enzianschnaps, Grantn-Marmelade, Heilkräuter
19.07.2012: Südtirol 4: Folterkammer, Geisterstube und Bruneck-Tour
19.07.2012: Südtirol 3: Harpfen, Messner Hütte, Pferdefant von Brixen
16.07.2012: Südtirol 2: Dolomitenseen-Perle, Terence Hill als Förster
13.07.2012: Südtirol 1: Weltberühmte Drei Zinnen in den Dolomiten

 

 


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