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BLOG vom 24.01.2016


Von der Relativität sich bewegender Volksmassen

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Beromünster LU/CH


Die erste Volksmasse, die sich in den letzten 1000 Jahren in unserer Region einfand, eilte am 16. Dezember 1146 ins winterliche Birmenstorf. Kreuzzugsprediger Bernhard von Clairvaux trat vor einer damals als riesig empfundenen Menschenmenge auf. Wie heute ein plärrender Pop-Sänger wurde der lateinische Redner zwar verbal nicht verstanden, aber verehrt. Alle wollten ihn berühren. Zwei gelähmten Frauen half es. Er zog dann nach Wettingen weiter. Dort sind eine Trotte und ein Pflegezentrum nach ihm benannt. Der Weg des Missionars der Limmat entlang führte über das Fahr nach Dietikon, von Spreitenbach abgegrenzt durch ein „Eländ Chrüz“. Es gibt dort heute noch ein Haus „zum Eländer“: ein altes Wort für Ausländer. Wettingen, Spreitenbach und Dietikon gehörten zum unteren Linthgau, mit dem Kloster als feudalem Zentrum. Ab Gebenstorf begann, nach dem alten Ortsteil „Turgi“, der alte Thurgau. So gesehen passt „Badener Tagblatt“ für eine Gazette dieser Region besser als „Aargauer Zeitung“. Der Vater des Zeitungsgründers Joseph Zehnder, Johann Zehnder aus Birmenstorf, veranstaltete vor 175 Jahren an der Reuss bei Gebenstorf eine Volksversammlung mit 5000 Leuten. Seit St. Bernhard waren dort unten nie mehr so viele Leute zusammengekommen.

5000 Menschen gelten heute nicht als viel. Im Sport eher Challenge Ligue als Super Ligue. Der FC Wettingen musste für den historischen Match gegen Napoli nach Zürich. Auch dort hat St. Bernhard gepredigt.

Als „Endausbau“ von Wettingen wurde vor Jahrzehnten mal eine Planungsgrösse von 80 000 Einwohnern genannt. Dies geriet zur Zeit der Schwarzenbachinitiative vielen in den falschen Hals. Und sähe St. Bernhard heute Spreitenbach, würde er es wiedererkennen? Heute denkt aber niemand mehr an 80 000 Wettinger. Eher aktuell scheint eine fusionierte Regionalstadt. Eine Vision des legendären Team 67. Badens Stadtammann, ein Mann mit Ideen, unterbrochen durch banale Zwischenfälle, gab mir mal zur Aufgabe: Denke darüber nach, wie sich Baden auch in Zukunft als Stadt bewähren kann. Früher wurde mal Dättwil eingemeindet. Ein verfluchter Ort, wo seit 700 Jahren Leichen einer Schlacht begraben sind.

Wie für gefährdete Vogelarten gibt es auch für Dörfer und Städte die nach unten kritische Masse. Die Substanz eines Orts hängt trotzdem nicht von seiner Grösse ab. Zürich ist global nicht weniger bedeutend als Mexico City. Aarau hat mit ein paar Eingemeindungen Baden wirtschaftlich und kulturell nicht überholt. Büchnerpreisträger Arnold Stadler mahnte vorletzten Sonntag am Bodensee: „Heimat wird immer weniger.“ Grösser werden ist gut. „Daheimbleiben“ ist besser. Das ist nicht mit Abschottung zu verwechseln. Bloss wäre schön, würde man, nach der Heimkehr von Melbourne oder San Franzisco oder wie Gottfried Kellers „Martin Salander“ von Brasilien, selbst nach jahrelanger Abwesenheit seine Heimat wiedererkennen.

Will man dies wirklich, muss man fähig sein, auf lokaler, kantonaler und nationaler Ebene besonnene Entscheidungen zu treffen. Glaubt man dem Bundespräsidenten Schneider-Ammann, ist dies leichter gesagt als getan. Bevor die europäische Union sich nicht mit Grossbritannien geeinigt habe, würde sich nichts bewegen. Mittlerweile kündigt der Asylexperte der deutschen Christdemokraten für 2016 eine weitere Million Zuwanderer mit Asylabsicht an, die nach neuesten Sprachregelungen nicht mehr Asylbewerber, sondern Flüchtlinge genannt werden. Es sei erst der Anfang einer noch jahrelang nicht endenden Entwicklung, der man, wie Wolfgang Schäuble verkündet, mit einem Marshall-Plan für Syriens Nachbarn behelfen müsse. Bis dieser wirkt, wenn überhaupt, können zehn Jahre und mehr vergehen und die dafür Verantwortlichen werden nicht mehr im Amt sein. Die Massen, aus einzelnen Menschen bestehend, werden sich weiterhin auf Europas Sozialstaaten zubewegen.

In Aaraus Grossratssaal verkündete am 8. Mai 1833 der Philosoph Ignaz Paul Vital Troxler das Asylrecht als „Blüthe der Neutralität“, ein Kennzeichen der unabhängigen Schweiz. Er forderte sogar die Bereitschaft, sich an den über 30 000 Gulden, die Bern damals für die in der Polenkrise in die Schweiz einströmenden polnischen Emigranten ausgab, solidarisch zu beteiligen. Zu den Bedingungen des Asylrechts gehörte jedoch der Anspruch, dass die Polen sich selber unterhalten müssten und wie es sich für Freiheitskämpfer gehört, eines Tages wieder zurückreisen, wie es die Griechen 1824 praktiziert hatten. Es handelte sich damals um eine Solidarität, deren politische Hintergründe transparent schienen. Die Schweiz schien damals übervölkert zu sein und verzeichnete in den 1850er Jahren die grösste je gesehene Auswanderung eigener Bürger. Die 350 Armen von Rothrist AG, an die heute noch ein schönes Denkmal von Eduard Spörri erinnert, erreichten den Staat Missouri 1855. Nach einer finanziellen Starthilfe während zehn Tagen wurden sie in die freie Wildbahn entlassen. Von der Mehrheit von ihnen hat man freilich keine Nachrichten mehr.

Sich bewegende Volksmassen sind im Ganzen, was banal tönt, eine Angelegenheit der Statistik, soweit eine solche überhaupt erhoben wird. Im Einzelfall ist aber, wie Kant es ausgedrückt hat, sozusagen die  „Menschheit in Person“ unterwegs. Insofern der Philosoph den Menschen in Pflicht nahm, als mündig in jeder Hinsicht, beruhte seine Ethik weder auf Mitleid noch Empathie, sondern auf einem vergleichsweise abstrakten Aufruf zu vernünftigem Verhalten. Mit Menschen, die zum Beispiel ihre Identität nicht preisgeben, kann man keine Verträge abschliessen, am allerwenigsten einen Staatsvertrag. So war denn auch der Beitritt zur Eidgenossenschaft, wie das Verkommnis in Stans von 1481 zeigt, an strenge Bedingungen geknüpft. Das Mitmachen setzte die Aufnahmebereitschaft der bisherigen Bündnispartner voraus und musste für beide Seiten „hilflich“ sein, wie im Aufnahmebrief Schaffhausens zur Eidgenossenschaft aus dem Jahre 1501 geschrieben steht. Der Bürger ist letztlich nicht Teil einer Masse, sondern Person und verpflichteter Partner. Es brauchte indes Generationen, bis von einer einigermassen gerechten Ordnung gesprochen werden konnte.

 

 

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