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BLOG vom 27.01.2016


Arzneipflanze 2016: Kümmel gegen das Rumoren im Darm

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D

 

Seit 1999 kürt der Studienkreis „Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde“ der Universität Würzburg die Arzneipflanze des Jahres. Zum Studienkreis gehören Medizinhistoriker, Ärzte, Apotheker und Biologen. Gewählt werden Pflanzen, die eine interessante Kultur- und Medizingeschichte aufweisen und deren Wirkung in Studien überprüft wurde. 2016 wurde der Echte Kümmel  diese Ehrung zu teil.

Bisher ausgezeichnete Pflanzen waren Buchweizen, Arnika, Ruscus (stechende Mäusedorn), Artischocke, Pfefferminze, Arzneikürbis, Thymian, Hopfen, Weisse oder Gemeine Rosskastanie, Fenchel, Efeu, Passionsblume, Süssholz, Kapuzinerkresse, Spitzwegerich, Johanniskraut und der Echte Kümmel (Carum carvi).

Schon vor 5000 Jahren bekannt
Vielfach wurde geäussert, Kümmel wäre das älteste Gewürz Europas. In prähistorischen Pfahlbauten (3000 v. Chr.)  entdeckte man Kümmelsamen. Auch die alten Ägypter hatten eine Verwendung, nämlich bei Blähungen. Marcus Gavius Apicius (1. Jh. n. Chr.), der das 1. europäische Kochbuch verfasste,  verwendete in seinen Rezepten Kümmel.
Dioskurides bezeichnete den Samen als „Karos“ und Plinius der Ältere „Careum“.  Diese Autoren erwähnten die  verdauungsfördernde Wirkung von Kümmel  und den Kümmelanbau.

Abwehrmittel gegen Dämonen
Im Aberglauben hatte der Kümmel einen hohen Stellenwert. Er war als Abwehrmittel gegen Dämonen in Gebrauch. Wie Frank Hiepe berichtete, stellte man einen Topf mit gekochtem Kümmel unters Bett. Damit sollte man böse Geister vertreiben.

Hiepe schrieb unter „Achtung Pflanze“ in der „Badischen Zeitung“ dies: „Am Gründonnerstag ass man Kümmelplätzchen, um das ganze Jahr nicht von Flöhen und Läusen geplagt zu werden. Kümmel ist oft Bestandteil von Kräuterbüscheln, die zu Mariä Himmelfahrt am 15 .August gesegnet werden und dem Schutz von Mensch und Hof dienen sollen.“

Im Buch „Deutsche Pflanzensagen“ wird auf das richtige Säen von Kümmel hingewiesen. Beim Säen soll man tüchtig schimpfen, um Geister zu verscheuchen, dann wird der Kümmel gut gedeihen.
Ganz amüsant fand ich diesen Hinweis. „Wer zu viel Kümmel isst, sieht alles doppelt.“ Diese „Nebenwirkung“ entstand wohl dadurch, dass die Geniesser nicht den  Kümmel, sondern gehörige Mengen Kümmelschnaps zu sich genommen haben.

Wirkstoffe und Anwendung
Der Kümmel enthält ätherisches Öl mit den Hauptbestandteilen Carvon, Limonen und Dihydrocarvenol. Weitere Inhaltsstoffe sind fettes Öl, Eiweiss, Tannin, Flavone.

Kümmel regt die Magensaftabsonderung an, fördert den Appetit und wirkt krampflösend und blähungslindernd. Der Tee oder alkoholische Tropfen helfen ganz gut bei Blähungen, krampfartigen Verdauungsbeschwerden und bei Völlegefühl.
Dazu ein Beispiel: Ich kenne einen Mann, der seine Blähungen so kuriert: Er isst auf nüchternen Magen einen Teelöffel voll gepulverten Kümmel.

Teebereitung: Hiepe empfiehlt eine Mischung von je 30 g Kümmel, Fenchel, Anis und 40 g Pfefferminzblätter. 1 Esslöffel von dieser Mischung wird  mit 150 ml siedendem Wasser übergossen. 10 Minuten bedeckt ziehen lassen, dann wird durch ein Teesieb abgegossen. Den Tee bei Verdauungsbeschwerden warm trinken. Wenn die Teemischung in einem Mörser etwas zerdrückt wird, ist die Wirkung noch intensiver.
Wenn Kleinkindern unter Blähungen leiden, dann füllt man 1 Teelöffel Kümmeltee in die Milchflasche.

Kümmelöl: Eine 10-prozentige Lösung in Olivenöl träufelt man auf die Bauchhaut (Nabelgegend) und massiert mit kreisenden Bewegungen die Mischung ein.

Die Europäische Kooperation für die Therapie mit Arzneipflanzen (ESCOP) empfiehlt die Anwendung auch auf blähende Koliken bei Kindern und auf das Roemheld-Syndrom.  Bei diesem Syndrom kommt es zu reflektorischen Herzschmerzen, die durch Gasansammlungen im Magen und Darm u.a. durch blähende Speisen ausgelöst werden. Symptome sind Herzklopfen, Kurzatmigkeit, Angstzustände, Hitzewallungen, Atemnot, Schwindel und Schlafstörungen.

Kulinarisches
Wer kennt nicht die Verwendung in der Küche. Unbeschreiblich gut schmecken mir immer wieder gebackene Kümmelkartoffeln und ein Kümmelbrot. Leider ist ein solches Brot in hiesigen Bäckereien nicht oft zu bekommen (meist nur auf Vorbestellung). Wer kein Kümmelbrot bekommt, der kann aus einer Backmischung unter Hinzufügen von Kümmel ein solches Brot selbst herstellen. Das habe ich schon einige Male durchgeführt.
Kümmel wird auch verwendet für Saucen, Salate, Käse, Quarkspeisen (einige Gasthäuser bieten bei uns den köstlich schmeckenden Zieger mit Kümmel oder Schnittlauch an), Gurken, Sauerkraut, Rote Beete, Fleischgerichte, Eintöpfe, Gulasch (z.B. Szegediner Gulasch), Liköre und Schnäpse. Bei unseren Wanderungen im Elsass konnten wir immer wieder den Münsterkäse (Munsterkäse, fromage de munster d’Alsace) mit Kümmel geniessen.

Im „Appetit-Lexikon“ las ich über das „Schnapsen“ dies: „Man betrinkt sich in Norddeutschland nicht, sondern man ‚bekümmelt’ sich, und es gibt dort schon seit langem keine Schnapsbrüder mehr, sondern nur noch  ‚Kümmelbrüder’“.
Der ursprünglich aus Skandinavien stammente Kümmelschnaps ist der Aquavit oder Malteser. Eine Variante ist der lettische Allasch und der isländische Brennivín.

Rezepte zur Herstellung von Kümmelschnaps finden Sie unter www.kochbar.de  
Im Handel gibt es auch einen Kümmellikör. Wer ihn selbst herstellen möchte, kann unter www.chefkoch.de nachsehen.

Kümmel nicht selbst sammeln!
Kümmelfrüchte sollte man nicht selbst sammeln, da es zu Verwechslungen mit der Hundspetersilie oder dem Wiesenschierling, die giftig sind, kommen kann.
Wenn Sie unter einer Allergie auf Doldenblütler (z. B. auf Sellerie oder Beifuss)  leiden, sollte man zurückhaltend mit Kümmel sein.

 

Internet
www.badische-zeitung.de („Achtung Pflanze“)
www.presse-uni-wuerzburg.de
https://de.wikipedia.org
www.kochbar.de
www.chefkoch.de
www.mein-likör.de

Kontakt: Dr. Johannes Gottfried Mayer, Institut für Geschichte der Medizin, Universität Würzburg  johannes.mayer@uni-wuerzburg.de

Literatur
Habs, Robert; Rosner, Leopold (Herausgeber): „Appetit-Lexikon“, Oase Verlag, Badenweiler 1997, der Neuauflage liegt das  1894 in Wien erschienene Appetit-Lexikon zugrunde.

Hiepe, Frank: „Echter Kümmel hilft bei Blähungen – und gegen Dämonen“, Rubrik „Achtung Pflanze“ in der „Badischen Zeitung“, 28.10.2012.

Perger, Anton von: „Deutsche Pflanzensagen“, Reprint der Originalausgabe von 1864, Fourier Verlag, Wiesbaden 1987.

Scholz, Heinz; Hiepe, Frank: „Arnika und Frauenwohl“, Ipa-Verlag, Vaihingen 2013.

Vonarburg, Bruno: „Natürlich gesund mit Heilpflanzen“, AT Verlag, Aarau 1993.

Hinweis auf Heilpflanzen-Blogs von Heinz Scholz
03.02.2015: Arzneipflanze 2015: Johanniskraut hilft bei Depressionen
27.01.2015: Die Heilpflanze 2015: Die Zwiebel hilft gegen manches Übel 
13.09.2014: Neue EU-Direktive bringt die Lavendel-Anbauer in Aufruhr
06.09.2014: Der Biblische Garten in Beuggen D ist eine Oase der Ruhe
30.08.2014: Recherchen 15: Vertreibt Schwarzkümmelöl die Zecken?
25.08.2014: Kein Streit dank Holunder, und die Liebe wird immer toller
21.08.2014: Recherchen 14: Sind die rohen Holunderbeeren giftig?
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05.07.2013: Kräutertag im Glottertal: Schicken Sie Ihre Organe zur Kur
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16.08.2008: Staunen im Kräutergarten: Der Salbei tröstet, die Rose erfreut
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10.07.2008: Vortrag über die Heilpflanzen: Vital, potent und nicht dement
11.02.2008: Frauentee nach J. Künzle: Suche nach der Originalrezeptur
05.11.2007: Johann Künzle: Förderer der Kräuterheilkunde in der Schweiz
28.11.2006: Lebenskünstler Robert Quinche: „Stossen wir noch mal an!“

Hinweis auf einen „Glanzpunkte-Artikel“
Einheimische kräftige Gewürzkräuter

 


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