Textatelier
BLOG vom: 12.02.2016

Roger Willemsen: Hinauslehnen in den Tod

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Beromünster LU/CH

 


Roger Willemsen
 

Reicht es dieser Tage auch nicht zu einem eigentlichen Porträt, bewegt mich der frühe Hinschied des Germanisten Roger Willemsen (1955 – 2016) doch stark. Er war über den erfolgreichen, zumal durch das Fernsehen bekannten Publizisten hinaus kein Brotgelehrter, sondern ein philosophischer Kopf. Seine Doktorarbeit über den Selbstmord sprach ein ethisches Thema auf literarische Weise an, man fühlt sich an den Tractatus-Logico suicidalis meines Studienkollegen Hermann Burger (1942 – 1989) erinnert, wiewohl nicht verzweifelt subjektiv, sondern wissenschaftlich objektivierend. Willemsen hat auch als Journalist den Vorwurf von Bismarck widerlegt, wer in diesem Beruf arbeite, habe ihn verfehlt. Die knappe Form des journalistischen Essays erreicht nun mal weit mehr Leser als das Buch, dessen Lage kritischer geworden ist als auch schon. Man spricht über Bücher, aber man liest sie kaum mehr, woran indes das Literarische Quartett nicht schuld war. Man konnte es daraus nur besonders gut ersehen.

Was mich an Roger Willemsen beeindruckte und noch beeindruckt ist die Tiefenschärfe, aus den Abgründen der Literaturgeschichte, zum Beispiel aus dem Barock. Selber schrieb ich dieser Tage, ohne an Willemsen zu denken, über eine Inschrift einer ehemaligen Kaplanei beim Stift Beromünster: Hora. Omnis vulnerat. Ultima Necat. Die Zeit, die Stunde. Jede fügt dir Verletzungen bei, die letzte tötet. Willemsen schrieb einmal, der Barock habe es mit dem „Hinauslehnen in den Tod“ zu tun. Dazu schrieb Matthias Matussek in der „Weltwoche“ an den Verstorbenen, wenn es denn möglich wäre, noch eine solche Mitteilung zu machen: Die letzten Monate müssen auch für dich dieses „Hinauslehnen gewesen sein“. Das Leben ist einfach zu kurz, es ist ein Wimpernschlag – aber du hast es kreativ ausgeschöpft, und ich weiss, du hast viele auf die allerschönste Weise berührt. Dafür ewigen Dank.

Der Dank bleibt zeitlich, als Literat ist Willemsen bei aller historischen Vertiefung nicht aus der Zeit geflohen, suchte ihr über die ihm angemessenen Medien geistige Substanz zu verleihen.

 
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