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BLOG vom 08.03.2016


Heute vor 150 Jahren: Beisetzung von I.P.V. Troxler

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Beromünster LU/CH

 


Ignaz Paul Vitalis Troxler (Foto: wikipedia.org)
 

Ignaz Paul Vital Troxler (1780 – 1866) war als Schweizer in der Gilde der deutschen Idealisten „der einzige lupenreine Demokrat“. Autor Pirmin Meier (Rickenbach) würdigte den vor 150 Jahren Verstorbenen in seiner Festansprache in Aarau als Theoretiker der Neutralität und des Asylrechts.

Aus dem Text-Manuskript der frei vorgetragenen Ansprache:

Man schrieb den 8. März 1866. 8 Uhr früh Abfahrt der regulären Postkutsche von Beromünster nach Aarau. Tags zuvor händigte Gemeindepräsident Dolder dem Stiftssekretär Aebi ein Schreiben betreffend die Zusammenlegung der Stiftsschule und der Sekundarschule aus, was im gleichen Jahr zur Gründung der Kantonalen Mittelschule führte, ein Name, der zwar erst ab 1884 in Gebrauch war. An der Beisetzung von Professor Troxler auf Aaraus Stadtfriedhof treffen sich nicht nur Gleichgesinnte. Für den Bürgerlichen Lehrverein der Stadt führte der Verstorbene einst das Reizwort „Mittelschule“ ein. Der Kampfbegriff war eine Kritik an den Gymnasien in Aarau, Luzern und anderswo.

Gemäss der Studie Ignaz Paul Vital Troxler – Der Mann mit Eigenschaften von Daniel Furrer erfolgte das Ableben des Denkers nach kurzem Unwohlsein um ein Viertel nach neun Uhr. Wohnhaft gewesen war er an der Aarmatte, am Westufer der Aare; keine drei Minuten unterhalb der Villa Blumenhalde seines einstigen Förderers: Forstrat Heinrich Zschokke, verhinderter Bürger von Beromünster. Der 6. März 1866, Todestag des Philosophen, war der Namenstag des Vorzugsschülers im letzten Jahrgang der Stiftsschule, Fridolin Troxler, später Verwalter der Kirchgemeinde St. Stephan. Verwandte des berühmten Mitbürgers Ignaz führten während Generationen im Flecken die Post. Da der Volkserzieher Zschokke Protestant war, wurde der Einbürgerungsvorschlag von 1816 von der Regierung als verfassungswidrig eingestuft und kassiert. Das Bürgerrecht hätte ein Dank sein sollen für den vom Forstrat aus Aarau gezeichneten Katasterplan, ein Projekt, mit dem sich Mittelschullehrer Joseph Lindegger später für die Gemeinde nützlich machte: Ersteller eines grossen Fleckenplanes nebst vielen Detailplänen von Münster und Umgebung (Josef Wallimann-Huber). Bildung und Ausbildung waren dazu da, damit der Mensch zu den Leuten kommt.

Höhere Bildung und Privatinitiative
Das wichtigste gemeinsame Unternehmen von Zschokke und Troxler, Aaraus Bürgerlicher Lehrverein, war eine Art Privatschule für junge Leute mit guter Vorbildung. Vom Schulrat des Kantons beaufsichtigt, wie die Werbung festhielt. Es war das erste Bildungsinstitut in der Schweiz, das sich programmatisch als Mittelschule vorstellte. Eine Übergangsstufe, Vorschule der Universität, für junge Männer ab 17 Jahren aus dem ganzen Kanton und auch von auswärts. Kantonsschüler aus der Stadt waren als Hörer eines philosophisch und praktisch orientierten alternativen Lehrprogramms ebenfalls willkommen. Die Semestergebühr betrug 8 Franken, knapp drei Wochenlöhne einer Magd, konnte jedoch Ärmeren erlassen werden.Die Anstalt sollte die eintretenden Jünglinge durch weitere wissenschaftliche und moralische Ausbildung entweder ins öffentliche Leben einleiten, oder zu höheren Studien auf der Universität vorbereiten. So formulierte es Troxler in der 6. Anzeige des Lehrvereins von 1824. Den Begriff Mittelschule hatte der Philosoph in der 5. Anzeige vom April 1824 eingeführt. Unterzeichnet sind die zehn Programmschriften zumeist mit Im Namen des Lehrvereins der Präsident Dr. Troxler. Inhaber des Instituts war Heinrich Zschokke. Die Lehrveranstaltungen fanden im Saal der Gesellschaft für Vaterländische Kultur statt. Es handelte sich abermals um eine Gründung von Stadtvater Zschokke, aus dem Jahre 1811. Dass Volksbildung Volksbefreiung sei und umgekehrt, galt für den gebürtigen Magdeburger in keinem Augenblick als Phrase.

Zwar nicht formell, aber faktisch war der Lehrverein eine nicht gern gesehene Konkurrenz zur 1802 gegründeten und seit 1813 staatlich anerkannten berühmten Kantonsschule der kurzzeitigen Hauptstadt der Helvetischen Republik. Das erste Gymnasium mit diesem für schweizerische Vorstellungen von höherer Bildung wegweisenden Namen. Kantonsschule! Kantonsschüler! Kantonsschulprofessor! Die Zugehörigkeit zur Elite des Landes drückte sich in diesen Bezeichnungen aus. Dagegen stellte sich der Bürgerliche Lehrverein, der sich in Zschokkes Privatwohnung, noch in der Altstadt, versammelte, im Stolz der Bescheidenheit als Mittelschule vor. Der Begriff liest sich in den Anzeigen des Lehrvereins Aarau (1824 – 1827) wie eine kaum getarnte Kampfansage gegen die etablierte Kantonsschule. Das private Bildungsinstitut erhebt sich eben sehr über das, was man in der Schweiz Kantonsschule und Gymnasium nennt, macht Troxler in der 5. Anzeige eine Abgrenzung. Man wolle nichts anderes als eine den Menschen und das Leben vermittelnde Schule sein, was ein Kennzeichen einer richtig organisierten Schule sei.Der Lehrverein wollte bewusst nicht in das Gebiet der Universität oder eigentlichen Hochschule hinüberschweifen, welcher Anspruch teilweise von Luzerns Lyzeum erhoben wurde wie auch bei den ehrgeizigen Aargauer Kantonsschullehrern, so der ehemalige Wartburgstudent August Follen (1794 – 1855), der von den deutschen Demagogenverfolgungen nach Aarau geflohen war, später mit Kontakten und Einfluss auf Georg Büchner, Michail Bakunin, Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer. Follen lehrte von 1822 bis 1827 an der Kantonsschule Aarau; Troxler prägte von 1823 bis 1830, als er an die Universität Basel berufen werden sollte, den Aarauer Lehrverein. 

„Mittelschule“ : Bildungsweg zur Selbständigkeit
Wie Luzerns Lyzeum wollte der Lehrverein die Philosophie pflegen, dazu aber noch stärker auf Realien verweisen einschliesslich Vermessungskunde und Staatswissenschaften. Bei seiner Kritik an Luzerns Gymnasium und Lyzeum hatte Troxler schon 1822 festgehalten, dass neben dem Sprachstudium und der Mathematik die Naturgeschichte das wichtigste und unentbehrlichste Bildungselement sei. Nicht Dünkel und Willkür dürften die Fächerauswahl an den Schulen bestimmen. Bemerkenswerterweise wird der Terminus Mittelschule bei Troxler als Allgemeinbegriff vorausgesetzt, insofern im April 1824 in der 5. Anzeige von einer nicht in jeder solchen Mittelschule erreichbaren Absicht gesprochen wird.Es gebe in unserer Zeit eine grosse Anzahl junger Männer, welche, ohne sich gerade einer gelehrten Bildung, oder einem sogenannten Brodstudium zu widmen, eine höhere wissenschaftliche, oder zugleich mehr auf Leben und Welt gerichtete Ausbildung suchen, als ihnen gewöhnlich an unseren Gymnasien und Lyzeen zu Theil wird. Mit anderen Worten: Was an herkömmlichen Staatsschulen, zum Beispiel in Luzern und Aarau, gelehrt wird, befriedigt nicht!

Auf Anregung des Volkserziehers Zschokke setzte Troxler in Aarau auf eine didaktisch orientierte Vermittlung, einen Begriff, der in seinem Wortgebrauch Mittelschule anklingt. Darunter verstand der Vorsitzende des Lehrvereins nicht einseitig die Vorbereitung auf die Hochschule. Der Zögling der Mittelschule müsse geleitet werden durch innere Beweggründe (…). Es sei der Weg zur Selbständigkeit. Das Wort wird durch mehrfache Wiederholung zur Flagge. Es liest sich als Ankündigung dessen, was man später bei Ansprachen als Erwartung an einen Maturus erheben wird.Eine Selbständigkeit, welche die Freiheit ertrage, und Gesetz und Antrieb ihres Handelns in sich selbst finde, wenn Zucht und Zwang von aussen aufhören. Es geht um Bildung, als Selbstzweck einerseits, andererseits aber hilfreich für die Berufswahl, einen Begriff für eine Sache, welche Troxler noch 1860 als Achtzigjähriger eine Abhandlung wert ist. Die letzte der Anzeigen des Lehrvereins trägt den Titel: Leitung zur Wahl eines Berufes durch Erziehung. Die sogenannten bürgerlichen Berufe behalten den Respekt, der ihnen gebührt.

Bildungsziel Selbständigkeit
Zur Illustration darf man an den Sohn des Gemeindepräsidenten von Beromünster denken: Bernard Dolder junior, der im Anschluss an die auf Troxlers Initiative gegründete Sekundarschule und die von ihm ebenfalls besuchte Stiftsschule nichtsdestotrotz ins Geschäft des Vaters einstieg, danach Spezialist für Hagelversicherung wurde und als vorausschauender Bürger eine erworbene formale und inhaltliche Bildung gebrauchen konnte. Dabei waren die Lehrprogramme der Sekundarschule und der Stiftsschule nicht mit den idealistischen Plänen Troxlers im Aarauer Lehrverein zu verwechseln. Aber klar wäre der Sohn des Mitgründers von Beromünsters Progymnasium bei seiner Vorbildung in der heimatlichen Sekundar- und Stiftsschule als Lehrvereinler willkommen gewesen, so wie der Freiämter Revolutionär Kaspar Leonz Bruggisser (1807 – 1848) und sein gleichnamiger Vetter Johann Peter es waren. Auch der junge Augustin Keller (1805 – 1883), 1841 Agitator gegen die aargauischen Klöster, war ein Kind des Lehrvereins. Desgleichen der Baselbieter Bildungsreformer Johann Kettiger (1802 – 1869), als Seminardirektor in Wettingen Vorgänger des Luzerners Franz Dula. Es handelte sich um eine Brutstätte künftiger Schweizveränderer. Unter den Genannten verschärfte Bruggisser den Gegensatz der vom Lehrverein Geprägten gegenüber den damaligen Kantonsschülern und ihren Lehrern. Er nannte an der Grossratssitzung vom 28. Februar 1832 den aristokratischen Geist der Kantonsschule als das Zerstörungsprinzip der Aargauer Verfassung, damit das Rechthabenwollen einer vermeintlich aufgeklärten Elite kritisierend.

Selbständigkeit in der Bildung sollte nicht bloss eine Qualität von Hochschulabsolventen sein. Eine Schule mit alten und modernen Sprachen, Mathematik, Physik im Sinne von umfassender Naturgeschichte sowie formal gebändigtem Zeichnen, gekrönt durch Philosophie, nannte Troxler ab spätestens 1823 Mittelschule. Entsprechend wird der Gesichtspunkt der Vermittlung, als eigentlicher Mitte der Bildung, wichtiger als die kurrikulare Mittelposition zwischen Elementarschule und Hochschule, wie der Begriff Mittelschule früh verstanden wurde. Macht der Aarauer Lehrverein aus moderner Sicht den Eindruck einer Volkshochschule, zielte Troxler spätestens in einer Zürcher Programmschrift von 1832, nach bitteren Erfahrungen als entlassener Hochschulrektor von Basel, stärker auf das Gymnasium: Über Idee und Wesen volkstümlicher Mittelschulen. Programm und Idee zu bessern Verfassungen der Gymnasien in der Schweiz, Zürich 1832, lautet der programmatische Titel. Ein Standardwerk neuerer deutscher Sprachwissenschaft gibt über den Begriff Mittelschule in historischer Betrachtungsweise Auskunft:

Mittelschule, um 1830 für die Schule zwischen Volksschule und Universität, also das Gymnasium, so noch jetzt österreichisch und schweizerisch. Sonst jetzt für eine Schulart zwischen Volksschule und höherer Schule. (Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch, 6. Auflage 1968)

Das Thema der 5. Anzeige des Lehrvereins Aarau verwies auf das alte Spannungsverhältnis zwischen formaler und realer Bildung: Über das Verhältnis des Realismus und des Humanismus auf dem Boden der Schule. Es ging um das Dilemma zwischen Realisten und Humanisten, wie es an der Bezirksschule Baden Troxlers Gesinnungsfreund Johann Anton Sebastian Federer als Vorläufer von Hermann Zähringer in den Jahren des Lehrvereins im Sinne Troxlers zu überwinden versuchte. Badens Bezirksschule war in den 1820er Jahren unter dem Rektorat Federers und in den 1850er Jahren unter demjenigen von Zähringer eine veritable, von Troxler geschätzte katholisch-liberale Alternative zu Aaraus Kantonsschule. Als Rektor der Bezirksschule Baden engagierte Federer 1825 den damals 23jährigen Josef Ludwig Aebi als Lehrer für Latein und Geschichte. Aebi war Federer von Troxler als sein ehemaliger Luzerner Schüler empfohlen worden, wo er nach Jakob Robert Steiger der zweitbeste Absolvent seines Jahrgangs gewesen war.

Mit dem berühmten Rektor der Aargauer Kantonsschule, dem Altphilologen Rudolf Rauchenstein (1798 – 1879), um 1834 Grossrat des Kantons Aargau, gleichzeitig Erziehungsrat, wird der in Wohlenschwil eingebürgerte Philosoph Troxler, ebenfalls Mitglied des kantonalen Parlaments, heftige grundsätzliche Auseinandersetzungen führen. Die Lehrprogramme der Kantonsschule und der Bezirksschule waren es wert, von den Besten bedacht zu werden. Der aus Brugg gebürtige Rauchenstein begann seine Lehrtätigkeit an der Kantonsschule Aarau kurz bevor Troxler die Vorlesungstätigkeit im 1819 von Zschokke gegründeten Lehrverein aufnahm. An der Berner Akademie war Rauchenstein in der Klasse von Albert Bitzius (Jeremias Gotthelf) Primus gewesen, mit ganz anderem Leistungsausweis als der spätere Pfarrer von Lützelflüh. Ob Rektor Rauchenstein an der Beerdigung seines bildungspolitischen Gegenspielers Troxler dabei war, ist nicht sicher. Vom bürgerlichen Anstand her wäre es erforderlich gewesen. Der Präsident des Grossen Rates, aus dem Rauchenstein vor einigen Jahren zurückgetreten war, wie auch Aaraus Stadtrat bekundeten an jenem 8. März 1866 ihre Trauer mit papierenen Kränzen. Um den Kantonsparlamentariern die Teilnahme an der Abdankung zu ermöglichen, wurde die Session eine Stunde früher beendet. Dies hält Stiftssekretär und Abdankungsteilnehmer Aebi in seinem Nekrolog fest. Der umfangreiche Text zu Ehren des Meisters entsteht zur gleichen Zeit wie die Märzdokumente aus dem Gemeinderat Beromünster, die Erweiterung der Sekundar- und Lateinschule nach Willisauer Vorbild betreffend.

Pionier des Asylrechts
Als Ignaz Paul Vital Troxler am 8. März 1866 in Aaraus Stadtfriedhof in der Nähe seines Weggefährten Heinrich Zschokke (1871  -1848) beigesetzt wurde, brach der Grosse Rat des Kantons Aargau seine Sitzung vorzeitig ab, um ein grosses, aber auch umstrittenes ehemaliges Mitglied zu ehren. Bevor es ein eidgenössisches Parlament gab, fanden die dramatischsten Auseinandersetzungen der Schweizer Parlamentsgeschichte in den Kantonen statt. So am 8. Mai 1833, als der in der Bauernkriegsgemeinde Wohlenschwil AG eingebürgerte Luzerner aus Beromünster in Aaraus Parlament den Begriff „aktive Neutralität“ prägte und dieselbe in direkten Zusammenhang mit dem Asylrecht stellte. Es handle sich dabei um die  „Blüthe der Neutralität“. Hintergrund war die Polenkrise vom Winter 1830/31, in deren Verlauf eine knapp vierstellige Zahl von Polen als kollektive Asylbewerber zunächst nach Frankreich, später in die Schweiz kamen. Es handelte sich um die erste grundsätzliche freie Parlamentsdebatte zum Asylthema in der Schweiz.

Für das aufnahmebereite Bern ergaben sich Kosten von über 30 000 Gulden, ein Heidengeld für die damals sparsamste Republik Europas. Deswegen wurden andere Kantone um Solidarität angegangen. Im aargauischen Grossen Rat warnte. Landammann Ludwig Hürner vor einem Präzedenzfall. Andere Stimmen verwiesen darauf, die Polen wollten sich im sicheren Asylland Frankreich um die Einberufung in die damals gegründete Fremdenlegion drücken. Konfessionelle Aspekte spielten beim Thema Asyl seit jeher eine Rolle. Aaraus Landammann verwies ferner auf schlechte Erfahrungen bei „der unklugen, ja unmenschlichen Aufnahme von Juden“. Demgegenüber verkündigte Troxler im 1826 errichteten Halbrund des Aargauer Grossratssaals:

„Eines der schönsten Kleinodien, nicht der Gaue und Rhoden, nein, der sie alle überschwebenden Nationalhoheit, ist das sogenannte Asylrecht. Die Sprache nennt diese Freiheit ein Recht, indem sie (die Benützer der Sprache PM) ihren Sinn nach den höchsten Ideen des Christentums und der Menschlichkeit richtend jene Menschen und Bürger ins Auge fassen, welche vom Schicksal getrieben, zu der glücklichen Heimath wallfahrtend um Schutz, Herberg und Obdach flehten.“ Das Asylrecht sei als Grundsatz  „mit unserer Einrichtung und Geschichte innig verwachsen, dass (…) mit ihm unser ganzes völkerrechtliche Verhältnis und die wahre aktive Neutralität im innigsten Zusammenhang steht. (…) Dieser Grundsatz, die höchste Blüthe unserer Neutralität, eine wahre Habeascorpusakte der Geister und Gemüther (…) ist auch ein wahres Palladium (1803 entdecktes Edelmetall PM) unserer eigenen Würde, Freiheit und Sicherheit.“ Die Metapher mit dem Palladium bezeugt den Naturphilosophen Troxler, Verfasser von „Elemente der Biosophie“ (1806). Fürs Gymnasium forderte er eine stärkere Pflege der Naturwissenschaften: „Kommet her zur Physik und erkennet das Ewige“, zitierte er seinen Lehrer Joseph von Schelling.

Aargau: 1000 Franken für Solidarität mit Polen.
Troxlers Eintreten für das Asylrecht manifestierte sich schon zur Zeit des griechischen Befreiungskampfes gegen die Türken (1824), als viele Griechen in die Schweiz kamen und von Troxler Freund Johann Anton Sebastian Federer (1793 – 1877), dem Rektor der Bezirksschule Baden, und Musiklehrer Daniel Elster begeistert empfangen wurden. Troxler sah im Asylrecht einen wesentlichen Rechtfertigungsgrund für die schweizerische Neutralität. Dabei ging er jedoch davon aus, dass das Ziel des Asyls die Freiheit im Asylland sein müsse. Asylanten hätten im Normalfall für ihren Unterhalt selber aufzukommen. Die Überstellung einer vierstelligen Zahl von Polen in die Schweiz war für den Arzt und Philosophen aus Beromünster ein europapolitischer Spezialfall. Eine Gelegenheit für die Kantone, „aktive Neutralität“ zu betreiben. „Schutz, Herberg und Obdach“ galten für die Zeit des Bestehens der Krise. In diesem Sinn beschloss der Kanton Aargau 1833 einen Beitrag von 1000 Franken. Dies entsprach etwa zwei Dritteln des Jahreslohnes eines Kantonsschullehrers.

Troxlers Kritik an Schweizer Unterhändlern
Die Schweizer Neutralität und deren angemessene Erklärung gegen aussen gehörten zu den bedeutendsten Anliegen des Staatsphilosophen. Deshalb reiste er mit Unterstützung von Luzerner Frühliberalen im Januar 1815 ohne Mandat an den Wiener Kongress. Das Anliegen war, die Mitglieder der internationalen Schweiz-Kommission, etwa den Preussen Wilhelm von Humboldt, auf die mangelnde Legitimation der Schweizer Delegation aufmerksam zu machen. So verfügte etwa der Freiburger Gesandte Montenach über keinerlei demokratische Legitimation, und in Luzern war seit Ende 1814 ein Putschregime an der Macht. Wenn freilich Troxler auf das republikanische und demokratische Defizit der damaligen Schweiz hinwies, hätten ihm damals tonangebende Politiker wie Österreichs Kanzler Metternich nur sagen können: „Umso besser, genau wie wir!“ Dies realisierte Troxler durchaus. Dem Europa der Heiligen Allianz misstraute er nicht nur bis 1848, auch darüber hinaus. Darum auch lehnte er den am 16. Januar 1866 vom Volk angenommenen Handelsvertrag mit Frankreich ab, genauso wie der Luzerner konservative Nationalrat Philipp Anton von Segesser. Da es damals um eine von aussen geforderte gemeindebürgerliche Gleichstellung der Juden ging, zum Beispiel im Kanton Aargau, wo deswegen sogar das Parlament abgewählt worden war, gelten Segesser und Troxler wegen ihres damaligen Engagements als Antisemiten. Troxler äusserte sich bei sämtlichen politischen Auseinandersetzungen, sogar mit Freunden, oft einer polemischen Sprache.

Demokrat in Minderheitsposition
Den Begriff „Staatsrecht“ wollte Troxler durch „Volksrecht“ ersetzt haben. Dies, obwohl er lebenslang Minderheitspositionen vertrat. Zumal als Anwalt der Landbevölkerung (so in den Kantonen Baselland, Zürich, Luzern und Aargau) blieb er bei der Überzeugung, dass das Veto des Volkes auch bei fragwürdigen Entscheidungen den Vorrang vor der „weissen Demokratie“ neuer Eliten des aufkommenden Geldfreisinns habe. Mit dieser Haltung bewegte sich der Schöpfer von Begriffen wie „radikal“, „Regeneration“, „Anthroposophie“ und „Mittelschule“ abseits des damaligen intellektuellen Mainstreams. In seinem Verfassungsentwurf von 1833 stand erstmals das amerikanische Zweikammersystem zur Debatte. Noch stärker betonte Troxler die Priorität der Bildungspolitik. Sein Ziel war u.a. eine Eidgenössische Nationalhochschule. Unter „Mittelschule“, einen Begriff, den er im Aarauer „Bürgerlichen Lehrverein“ 1824 prägte, verstand er im Gegensatz zum „Herrenbübligymnasium“ der damals gegründeten Kantonsschulen eine freie Anstalt mit dem Ziel einer ganzheitlichen Allgemeinbildung jenseits der Trennung in Literargymnasium und Realgymnasium. Auch einer einseitigen sozialen Selektion in der höheren Bildung sagte der als Professor mehrfach aus politischen Gründen Entlassene den Kampf an. 

Ignaz Paul Vital Troxler, geboren am 17. August 1780 in Beromünster, verstorben am 6. März 1866 in seinem Aarauer Landgut Aarmatte, der bedeutendste Schweizer Schüler der deutschen Idealisten Schelling, Hegel und Fichte, war der einzige deutschsprachige Philosoph, der für die direkte Demokratie eintrat. Was die die demokratische Repräsentation betraf, lehnte er es ab, dass eine einzige Instanz ein Gemeinwesen vertreten können. Deshalb forderte er zu Neujahr 1848  wie schon 1832 für den Bundesstaat ein Zweikammersystem nach amerikanischem Vorbild.

Buchhinweis: Widmer, Max; Lohri Franz: Ignaz Paul Vital Troxler, Schweizer Arzt, Philosoph, Pädagoge und Politiker; mit einem Vorwort von Kaspar Villliger. Futurum Verlag, Basel 2016,
Furrer, Daniel: I.P.V. Troxler, Ein Mann mit Eigenschaften, Verlag NZZ, Zürich 2010

 
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