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BLOG vom 27.07.2016


Medien und Panikmache

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland

 

Wenn es zu heiss ist, um etwas zu unternehmen, etwa in den Stunden von 12 Uhr mittags bis 17 Uhr, sollte man sich entweder in den Schatten legen oder einfach im Haus, in der Ferienwohnung oder im Hotel bleiben und etwas lesen, im Internet surfen oder man kann das Tagesprogramm der Fernsehsender anschalten.
 
Es war der 22.07. Auf allen öffentlichen Sendern berichtete man in permanenter medialer Präsenz von den Vorfällen im Münchener Norden im Olympia Einkaufszentrum. Die Meldungen wiederholten sich stündlich. Immer wieder wurden dieselben Filmchen gezeigt. Man sah, wie Menschen aus dem Einkaufszentrum flüchteten, man sah, wie Polizeiautos mit Blaulicht Strassensperren errichtet hatten. Immer wieder wurde über das berichtet, was die Informationsstelle der Polizei veröffentlichte, was Passanten erlebt hatten.
 
Zuerst war von einem Täter, dann von 3 die Rede. Zuerst wurde von einem Toten, dann von 3 und am Ende von den 9 tatsächlich getöteten Opfern berichtet. Es wurde gezeigt, dass der gesamte öffentliche Nahverkehr und auch der Strassenverkehr in München wegen der Sperrungen chaotische Züge angenommen hatten.
 

 


 
Immer wieder wurden dieselben 2 Reporter befragt. Auf viele Fragen konnten sie nur mit Vermutungen antworten. Die Worte "möglicherweise", "nicht sicher", "noch nicht bestätigt" wurden den ganzen Tag über immer wieder wiederholt.

Bei einem Amoklauf in München wurden am 22. Juli 2016 am und im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) im Stadtbezirk Moosach neun Menschen getötet; vier weitere erlitten Schussverletzungen. Mindestens 31 weitere Personen verletzten sich während ausbrechender Paniken, auch in der Münchner Innenstadt.
 
Wie kam es zu ausbrechenden Paniken? Panik ist eine Angststörung, ein Zustand intensiver Angst vor einer tatsächlichen oder angenommenen Bedrohung. Wenn Massenpaniken ausbrechen, kann es dazu führen, dass Menschen, die bei dem Fluchtverhalten der Massen nicht mithalten können, zu Tode getrampelt oder erdrückt werden.
 
Die mediale Berichterstattung über die Ereignisse in München war sicher eine der Ursachen für Panik. Panik entstand nicht nur "direkt vor Ort", sondern auch dort, wo es keinen realistischen Grund dafür gab. Bei der schnellen Verbreitung von vor allem schlimmen Ereignissen, vor allem durch die Medien, können Ängste auch in vom Tatort weit entfernten Gegenden auftreten.
 
Eine Studentin, die bei mir die deutsche Sprache lernt, wohnt im Süden Münchens. An diesem Tag machte sie ganz zufällig eher Feierabend als sonst und fuhr von ihrer Arbeitsstelle in ihre Wohnung. Erst später erfuhr sie von den Ereignissen, nicht zuletzt auch durch ihre Mutter, die in Rumänien wohnt und sich um die Sicherheit ihrer Tochter grosse Angst machte.
 
Scheinbar hat der Täter, - erst viel später wurde in den Medien berichtet, dass es sich um eine Amoktat eines Einzelnen gehandelt hatte, nicht um ursprünglich berichteten mindestens 3 Tätern, nicht um einen dem Terrorismus zuzuordnenden Anschlag, - seine Tat lange vorher geplant und laut Berichten auch durch die Taten in Winnenden und in Norwegen dazu "angeregt" worden, war also wahrscheinlich ein so genannter Nachahmungstäter.
 
In den Medien war zu diesen Geschehnissen genügend zu erfahren. Die Medien berufen sich auf ihren Auftrag, über Ereignisse zu berichten. Aber sollte nicht hinterfragt werden (siehe die Karikatur), was dadurch bewirkt wird?

 

Wie sinnvoll ist eine Berichterstattung, die sich auf Spekulationen, Vermutungen und Teilinformationen beruft? Hätte es nicht ausgereicht zu berichten, dass die Lage noch völlig unklar ist und nur das dargestellt, was durch die Polizei verlautbart worden war? Panikreaktionen hätten dadurch vermieden werden können!
 
Mediale Präsenz bei Ereignissen solcher Art suggeriert ein Gefühl, einem immer grösser werdenden Risiko ausgesetzt zu sein und erzeugt Ängste. Aber ist das wirklich sinnvoll und gerechtfertigt?

Ein Beispiel sind Flugzeugabstürze. Zugegeben, meistens reissen sie eine grössere Anzahl von Personen in den Tod. Aber das aufgrund von Opferzahlen berechnete kalkulative Risiko, bei der Fahrt zum Flughafen einen Unfall zu erleiden, ist wahrscheinlich statistisch viel höher. Natürlich ist man davor und insgesamt vor Zufällen nicht gefeit. Der (berechtigte?) Wunsch nach vollständiger Sicherheit und Risikofreiheit ist illusorisch.
 
Es muss schon ein grosser Zufall sein, in einem Land wie Deutschland ausgerechnet in solch eine lebensbedrohliche Situation zu geraten, wie sie durch Terrorakte und Amokläufe entstehen. Aus Sorge und Angst davor sich seine eigene Lebensgestaltung deshalb einzuschränken, wäre sicherlich stark übertrieben.
 
Die Opfer solcher Taten sind zu betrauern, ihnen gilt mein vollstes Mitgefühl. Meistens waren sie zur falschen Zeit am falschen Ort. Das gilt aber auch für die ca. 3500 Todesopfer, die der Strassenverkehr jährlich fordert und für viele andere Ereignisse, wie Naturkatastrophen usw., die Opfer fordern. 

Quelle:
http://www.msn.com/de-de/nachrichten/politik/karikaturen-vorsicht-bissig/ss-AA8BoBR?li=BBqg4ej&ocid=wispr#image=1
https://de.wikipedia.org/wiki/Amoklauf_in_München_am_22._Juli_2016

 


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