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BLOG vom 05.10.2016


(Fiese) Fragetechniken und die Antwort "42"

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland

 

Das Thema
Die statistisch belegte Tatsache:
"Die durchschnittliche Rentenbezugsdauer liegt bei Männern bei ca. 17 Jahren, bei Frauen 3 Jahre länger."

1. Öffnende Frage

Wie wäre es mit einer Diskussion?

Wenn ich davon ausgehe, dass Leser dieses Blogs an Themen interessiert sind, die sie persönlich ansprechen, könnte die Antwort auf diese Frage verschieden ausfallen:

  1. Kein Interesse
  2. Warum nicht?
  3. Ich glaube nicht an Statistiken
  4. Alles Unsinn, ich kenne Leute, die beziehen schon seit 30 Jahren Rente!

2. Schliessende Frage

Wollen Sie eine Diskussion?

Diese Frage kann mit "ja" oder "nein" beantwortet werden, also mit Zustimmung oder Verweigerung. Die Antwort "weiss nicht" führt bereits zu einer Diskussion, wenn die nächste Frage lautet: "Was lässt Sie zögern?"

3. Informationsfrage

Was wollen Sie diskutieren?

Antworten auf diese Frage könnten Gegenfragen sein:
"Lügen Statistiken?" - "Sagen Statistiken etwas aus, was für mich relevant ist?" - "Muss ich mich jetzt vor dem Tod fürchten?" - "Sollen demnächst Rentner, die bereits länger Rente beziehen, als statistisch erfasst, keine mehr bekommen, freiwillig in den Tod gehen, sich schämen?" -
"Plant die Regierung die Länge der Rentenbezugsdauer dadurch zu reduzieren, in dem sie die Lebensarbeitszeit (z.B. bis zum 70. Lebensjahr) erhöht?"

4. Gezielte Frage

Sollen wir so lange diskutieren, bis wir zu einer Einigung oder Lösung kommen?

Diese Frage kann schwerlich mit "ja" oder "nein" beantwortet werden, da ein Ergebnis dieser Art nicht zu erwarten ist, - es geht um eine statistische Aussage, mehr nicht!!

5. Alternativfrage

Wollen Sie sich dazu äussern oder nicht?

Diese Frage provoziert die Gegenfragen:
"Wollen Sie, dass ich mich dazu äussere?"

6. Kettenfrage

Wollen Sie sich jetzt, nachher oder überhaupt nicht äussern?

Diese Frage könnte darauf abzielen, ob vor der Diskussion bereits in das Thema eingeführt werden soll oder nicht (beliebt bei Talkshows im Fernsehen) und der "Vorspann" bereits manipuliert.

7. Unterstellende Frage:

Haben Sie immer noch die Angewohnheit, Ihre Diskussionspartner bloss zu stellen oder zu beschimpfen?

Hier wird eindeutig manipuliert, mit diesem Diskussionspartner sei "nicht gut Kirschen essen".

8. Rhetorische Frage

Diskutieren wir nicht alle gern ein bisschen herum?

Diese Frage zielt darauf, alle Redebeiträge von vornherein zu disqualifizieren, mit der indirekten Unterstellung, das Thema zu diskutieren, bringt niemanden wirklich weiter.

9. Suggestivfrage

Sie werden sich doch sicher zu diesem Punkt äussern wollen?

Der Hintergedanke dabei ist, wenn der Gesprächspartner das tut, "dann habe ich ihn", dann kann ich auf der Aussage "herumreiten", sie herunter- oder schlechtmachen. ("Beliebter" Ausgangspunkt für die neue Art von Beschimpfung und Verunglimpfung, genannt "shitstorm").

10. Provokatorische Frage

Wäre es nicht besser, wir fangen gar nicht erst an, darüber zu diskutieren?

Diese Frage könnte sich gut an die "Rhetorische Frage (8.)" anschliessen, lassen wir es doch gleich, es bringt doch nichts!

Und:
Haben Sie jetzt noch Lust, darüber zu reden oder reicht es Ihnen aus zu wissen, was die Statistik ermittelt hat?

Dabei ist das Thema eine im Grunde unbewiesene Behauptung, da nicht ausgesagt wird, wie die Frage gelautet hat, wie viele Frührentner im Ergebnis berücksichtigt worden sind, wie viele Personen erfasst worden sind, welcher Gesundheitszustand eine Rolle dabei spielt, was dann mit diesem Ergebnis bezweckt ist, ob sich die Gesetzgeber damit eine Grundlage für unpopuläre Massnahmen, die sie so "als begründet" darlegen können, schaffen wollen, was denn nach der Beendigung der Rentenbezugsdauer erfolgt, usw.

11. Fangfrage

(Um festzustellen, ob der Betreffende überhaupt reden will:)

Wenn Sie jetzt antworten, können Sie sich dabei auch kurz fassen oder wie lange hatten Sie vor zu reden?

Diese Frage suggeriert, den Gesprächspartner von vornherein auszuschliessen, da ihm hinsichtlich seiner Redefreudigkeit nicht zu trauen sei.

*

Ich lese diese statistische "Tatsache", denke mir mein Teil, vergleiche sie mit meinen eigenen Erfahrungen, rechne mir aus, wie viele Jahre mir statistisch noch bleiben, könnte mir mein fiktives Ablebealter ausrechnen, könnte denken, das habe ich schon überlebt. Ich könnte gegen eine solche Aussage sein, weil sie suggeriert, dass die Dauer des Rentenbezuges Schuldgefühle bei den Rentnern erzeugen könnte, sie würden der jüngeren Generation "zu lange auf der Tasche liegen".

Wenn sich aus Behauptungen (bewiesen oder nicht) Fragen entwickeln:
"Fragen sind wie Angelhaken, aber der Köder muss dem Fisch und nicht dem Angler schmecken."

"Die Menschen haben, wie es scheint, die Sprache nicht empfangen, um die Gedanken zu verbergen, sondern um zu verbergen, dass sie keine Gedanken haben." ( Sören Kierkegaard)

 "In keiner Sprache kann man sich so schwer verständigen wie in der Sprache." (Karl Kraus)

"Es ist immerhin besser, Bla-bla-bla als Bumm-bumm-bumm zu machen." (Carlo Schmidt)

(Gehen Sie zurück zu 1.!)

Übrigens:
"Komplizierte Antworten auf komplizierte Fragen sind immer dann abzulehnen, wenn es auch eine einfache Antwort gibt. Die beste einfache Antwort auf ein kompliziertes Problem hat Douglas Adams in dem Roman 'Per Anhalter durch die Galaxis' gegeben. Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn von allem laute "42", das ist bis heute die beste Antwort, die ich kenne."
(Harald Martenstein, Redakteur des Tagesspiegels) 

Der Hintergrund zu dieser Antwort:
"Im Roman ist 'zweiundvierzig' (forty-two) die per Computer errechnete Antwort auf die Frage 'nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest' (life, the universe and everything). Letztlich lässt sich mit der Antwort nichts anfangen, weil niemand weiss, wie die umschriebene Frage eigentlich exakt lautet." Nach Aussage des Autors Douglas Adams war die Zahl einfach 'a joke'.

Quelle:
Lange, Gerhard, Hrsg., "Rhetorische Kommunikation", Tasso Verlag Bonn, 1999 17. Auflage, hierin:
"Die Frage als Mittel der Gesprächsführung (Fragetechnik'), S. 132

http://www.zeit.de/zeit-magazin/2016/20/harald-martenstein-rente-antworten-fragen

 


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