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BLOG vom 02.04.2005


Der Neoliberalismus, ausrangierte Alte und der Papst

Autor: Walter Hess

Der Duden definiert den Begriff „Neoliberalismus“ schlicht und ergreifend als eine „an den Liberalismus anknüpfende neuere Richtung in der Volkswirtschaftslehre“. Diese Lehre ist die Grundlage der Globalisierung amerikanischen Zuschnitts, wie sie seit Jahren vorangetrieben wird und ständig mehr Armut, Fusionen mit anschliessenden Unternehmenszusammenbrüchen, Arbeitslose, frühzeitig ausrangierte Alte, Umweltschäden usf. hinterlässt. Diese Vorgänge werden von globalen Organisationen wie der WTO (Welthandelsorganisation), der Weltbank (neuerdings auf George W. Bushs Anordnung unter dem Vorsitz des US-Kriegstreibers Paul Wolfowitz) und dem IWF (Internationaler Währungsfonds) gesteuert. Auch die Wall-Street-Banker sind tonangebend; die Börsen halten sich weltweit daran.

 

Überall gelten die gleichen Rezepte, deren Einhaltung von den USA überwacht wird, die als einziger Staat das Privileg haben, sich nicht daran halten zu müssen. Das Ziel der Globalisierung ist die Schaffung günstiger Bedingungen für weltweit operierende Banken und insbesondere multinationale Konzerne, insbesondere die US-amerikanischen. Dafür wird der Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften und die Ausdehnung von Hunger und Elend in Kauf genommen.

Man benennt die neoliberale Philosophie dann um und spricht euphemistisch von „freier Marktwirtschaft“. Im Buch „Global brutal“ (Verlag Zweitausendundeins) schreibt einer der Wirtschaftsprofessoren an der Universität Ottawa, Michel Chossudovsky, zutreffend: „Die neue Weltordnung basiert auf dem ‚falschen Konsens’ von Washington und Wall Street. Der das System freier Märkte als einzige mögliche Wahl auf dem schicksalshaften Weg zu globalem Wohlstand verordnet. Alle politischen Parteien, einschliesslich der Grünen, der Sozialdemokraten und der ehemaligen Kommunisten, heulen mit dem Rudel derjenigen, die diese Neue Weltordnung beschwören.“

Man kennt die Folgen; kein Land und bald kein Unternehmen kann sich dieser irrsinnigen Wirtschaftsphilosophie entziehen; eine unwahrscheinliche, zerstörerische Unruhe ist eingekehrt, die täglich neue Opfer fordert. Eine der gewaltigen Idiotien dieser Globalisierung ist der Umstand, dass sie zu einem ungeheuren Verschleiss materieller und menschlicher Ressourcen führt. Wenn Menschen, die 42 Jahre alt geworden sind, wie von Rost zerfressenes altes Eisen behandelt werden, wenn Berufsleute mit jahrzehntelanger Erfahrung einfach ausrangiert werden, nur weil sie über 50 Jahre alt sind, dann sind das Symptome für eine Geistesverwirrung sondergleichen. Denn da werden ja ungeheure Potenziale lahmgelegt, Werte vernichtet. Die vielen Pleiten, Pech und Pannen, die im heutigen Wirtschaftsalltag zur Tagesordnung gehören, sind eines der Resultate davon.

Die Pensionierten werden zu „Altlasten“ (anderer Ausdruck für Sondermüll). Mit diesem Ehrentitel hat mir gegenüber ein besonders innovativer Nachfolger eher auf als zwischen den Zeilen die älteren publizistischen Mitarbeiter beehrt, lebenserfahrene Menschen, die ihr Bestes gaben und viel zu geben hatten und jetzt von ihm systematisch entsorgt wurden. Wer sich davon demotivieren lässt und sich frustriert ins Schneckenhaus zurückzieht, ist selber schuld.

Ich habe dieses persönliche Erlebnis kürzlich dem Ernährungs- und Gesundheitslehrer Dr. Johann Georg Schnitzer (75) erzählt. Seine weise Antwort: „Mit der Pensionierung werden diese (Alten) erst so richtig gefährlich − denn jetzt haben sie viel mehr Zeit, sich bemerkbar zu machen, und Rücksicht auf einen Arbeitgeber brauchen sie auch keine mehr zu nehmen . . . Beste Voraussetzungen, die Gesellschaft zu ‚revitalisieren’! Im Wald sind es auch die alten Bäume, welche ihre Samen am weitesten fliegen lassen, weil sie am höchsten über das allgemeine Niveau hinausgewachsen sind!“

Hoffentlich nehmen sich viele Ausgemusterte, Früh- und Spätpensionierte diese Gedanken zu Herzen, und hoffentlich entwickeln sie wieder Selbstbewusstsein und regen und bewegen sich. Eine Motivation dazu könnte auch der 84-jährige Papst Johannes Paul II. sein, der schwer krank ist, kein Wort mehr hervorbringt, künstlich ernährt werden muss und dennoch im Amt bleibt. Der Sterbeprozess wird vom Vatikan medienwirksam zelebriert, und zwar immer so, dass auch Raum für Spekulationen bleibt.

Ob krank oder sterbenskrank, ob bei Bewusstsein oder im Koma oder tot: Die katholische Kirche wird wegen des Zustands ihres offensichtlich beliebten Oberhaupts nicht aus der Bahn geworfen – im Gegenteil: Der leidende Papst hat bewiesen, dass selbst alte kranke Menschen noch eine Botschaft haben und dem von ihnen geführten Unternehmen einen Nutzen bringen können, um diese Sache einmal aufs marktwirtschaftliche Denken herunterzubrechen. Auch ein Imagegewinn. Und das Leiden löst Anteilnahme aus, es verbindet.

Die römisch-katholische Kirche hat es seit je verstanden, ihr Alterspotenzial zu nutzen und betagte Pfarrherren noch als Aushilfen einzusetzen oder anderweitig zu beschäftigen, auch im Vatikan. Das passt zur konservativen Haltung und gewährleistet sie. Man denkt in dieser hierarchisch geführten Religionsgemeinschaft nicht in Quartalen, sondern in Jahrhunderten, selbstverständlich immer mit dem Ziel der Machterhaltung und Machtausweitung.

Ich bin, ohne mein Zutun, in den Katholizismus hineingeboren worden und habe mich bei Beginn der Volljährigkeit gewissermassen als erste Amtshandlung gleich daraus verabschiedet, weil ich die katholische Kirchengeschichte nicht mittragen und gewissermassen auch nicht mitverantworten wollte. Ich habe meinen damaligen Entscheid nie bedauert, sondern bin heute überzeugter denn je, damals absolut richtig gehandelt zu haben. Es sind mir laufend neue Gründe bewusst geworden – von den Kreuzzügen über die Hexenverbrennungen bis zur religiös bedingten Geringschätzung von Naturwerten. Aber das hindert mich nicht daran, gewisse Einzelaspekte der heutigen Kirchenpolitik als sinnvoll zu betrachten.

Hätte der Katholizismus zum Beispiel den neoliberalen Schabernack mitgemacht, so wäre wahrscheinlich der Petersdom bereits privatisiert, der Heilige Stuhl an ein Antiquitätengeschäft verscherbelt und die Sixtinische Kapelle in Sinne einer Verschlankung an ein US-Konsortium verramscht worden, und die Priester, Patres und Kardinäle würden Arbeitslosenunterstützung beziehen. Und was noch zurückgeblieben wäre, würde von George W. Bushs United Methodist Church übernommen; sie dürfte in Zukunft zur Einheitsreligion im globalen Dorf werden.

Auch im Katholizismus liefe, würde da neoliberalisiert, alles dem frühzeitigen und endgültigen Aus entgegen – dem Amen, genau genommen. Die Abläufe sind inzwischen ja allgemein bekannt.

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