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BLOG vom 09.11.2016


Stein-Zeiten: Vom Faustkeil bis zum Mühlstein

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D

 

Kürzlich besuchte ich auf Einladung meines Schulkameraden Günther Lang von Badenweiler, die Ausstellung „Stein-Zeiten: Vom Faustkeil bis zum Mühlstein“ im Markgräfler Museum in Müllheim (im Blankenhorn- Palais). Er hat nämlich an der Ausstellung massgeblich mitgewirkt. Die Ausstellung entstand in enger Kooperation im Arbeitskreis Archäologie im Markgräfler Museumsverein Müllheim. Die Idee und das Konzept der Ausstellung stammen von Günther. „Hauptleute“ im Team waren ausserdem Dr. Gerd Albrecht, Friedhelm Gröteke und Hanne Tienz.
Die Ausstellung ist dem Mitglied des Arbeitskreises Harald Fühner gewidmet, der während der Vorbereitungszeit zur Ausstellung plötzlich verstorben ist.

„Die Ausstellung spannt einen weiten Bogen vom 100 000 Jahre alten Faustkeil über Mühlsteine, ohne die es noch vor 100 Jahren kein Brot gegeben hätte, bis zu den aktuellen Solarpaneelen mit ihren Siliziumzellen. Was ist nicht alles aus Stein hergestellt oder ohne die Verwendung von Stein nicht gebrauchsfähig: Pfeilspitzen, Streitäxte, Kanonenkugeln, Stempelsiegel, Grenz-, Klang- und Wetzsteine, Steindruckplatten, Rosenkränze, Uhrenlager und nicht zuletzt die Pyramiden oder die Venus von Milo.“ Dies konnte ich in einer Ankündigung im Internet lesen. Das machte mich neugierig. Ich wollte die Ausstellung unter der kundigen Führung meines Klassenkameraden in Augenschein nehmen, zumal ich mich schon sehr früh für Archäologie und Paläontologie interessierte.

 


Blick in den Ausstellungbereich
 

Am 29.10.2016 trat ich mit Günther in den Ausstellungsraum. In vielen Vitrinen waren die kostbaren Fundstücke aus Stein ausgestellt. Sehr gut fand ich die Erklärungen auf den Tafeln. Der Besucher konnte sich gut über die jeweiligen Steinobjekte und deren Herstellung informieren.

Prähistorische Steinzeit
2 Schwerpunkte sind der Altsteinzeit (bis vor etwa 10 000 Jahren) und der Jungsteinzeit (Einführung des Ackerbaus vor ca. 7600 Jahren) gewidmet.
Besonders interessant fand ich einen Film, der die experimentelle Herstellung einer Waffenspitze zeigte. Diese wurde nach einer 25 000 Jahre alten Waffenspitze, die Günther auf dem Steinacker in der Nähe des Ortes Feldberg gefunden hatte, gefertigt. Die „Font-Robert-Spitze“ – benannt nach einer Fundstelle in Frankreich – wurde von Bernard Ginelli aus Les Eyzies im Perigord innert 15 Minuten aus Markgräfler Blutjaspis gefertigt. Der Schöpfer dieser Kopie ist ein Meister der experimentellen Archäologie. Sein Spezialgebiet ist die Steinzeit und in der Schlagtechnik ist er ein Weltmeister.
Auf dem Foto ist die Original-Waffenspitze (helle Färbung) und die Kopie (rötlicher Jaspis) zu sehen.

 


Waffenspitzen (weisslich Original rötlich Kopie)
 

In der Ausstellung waren viele Steinwerkzeuge wie Faustkeile, Äxte, Steinbeile, Schaber, Messer  und mit Steinklingen versetzte Sicheln  zu sehen. So gab es Äxte mit Loch für den Stiel und Beile ohne Schäftungsloch. Diese wurden  früher zum Baumfällen und Entasten, zum Zurichten von Bau- und von Brennholz und für den Kampf mit Feinden gebraucht. Das war schon vor etwa 7600 Jahren der Fall als sich Bauern hier ansiedelten. Die Steinwerkzeuge wurden aus Feuerstein gefertigt. Im Mittelmeerraum wurde Obsidian, ein vulkanisches Glas,  verwendet.

Die Herstellung der Löcher stellt man sich so vor: An der Bohrstelle wurde durch kleine Schläge („Picken“) auf den Stein eine Vertiefung erzeugt. Hohlbohrungen erfolgten mit einem Holunderschössling oder einem hohlen Knochen und zugefügten Sand. Man kann sich leicht vorstellen, dass man viel Geduld brauchte, um ein Loch zu bohren. Die Arbeit wurde jedoch mit einer Art Bohrmaschine erleichtert. Das Modell einer solchen Bohrmaschine wird in der Ausstellung gezeigt.

Feuerstein für das Steinschloss
In einer Vitrine waren eine Pistole und ein Gewehr mit Steinschloss ausgestellt.  „Weisst Du, wie dieses Steinschloss funktioniert“, fragte Günther einen etwa 10-Jährigen der sich seiner Führung kurz anschloss. Der Junge wusste so einiges. Günther erklärte dann die Funktion in wenigen Worten.
So erfuhr ich, dass das Steinschloss ein Auslösemechanismus für Vorderladerfeuerwaffen ist und mit einem Feuerstein zündet. Diese Waffen hatten sich ab 1704 bei allen Armeen durchgesetzt. Es löste das umständliche Luntenschloss ab.

17 prähistorische Klangsteine entdeckt
Eine Attraktion der besonderen Art sind die ausgestellten Klangsteine (Lithophone). Hier kann jeder mit einem Hammer auf die Steine einschlagen und sich an dem unterschiedlichen Klang erfreuen.
Prähistorische Klangsteine wurden im Dorf Loc Hoa, 150 km nördlich von Saigon 1998 von einem Bauern entdeckt. Die 17 Klangsteine wurden von ihm aus einer Tiefe von 50 cm ausgegraben. Archäologische Funde sind selten. Der vietnamesische Fund stellte einen vollständigen Satz eines Instruments, einer Art steinernen Xylophons, dar. Vergleichbare Einzelfunde von Fundstellen in Kambodscha und Vietnam stammen aus der Mitte des 1. Jahrhunderts vor Christus. Ähnliche Funde sind aus Indonesien, Indien und China bekannt.
Die hier ausgestellten Klangsteine aus Granit stammen aus dem Baumarkt. In Südost-Asien geben Musiker auf solchen nachgebauten Steinen ganze Konzerte.

„Ein Mensch ohne Brot ist in arger Not“
„Ein Mensch ohne Brot ist in arger Not“, besagt ein altes Müllheimer Sprichwort.
Schon der frühe Mensch verwendete Mörser, Mahlsteine und Mühlsteine zum Zerkleinern von Korn oder zur Herstellung von Mehl. Noch heute sieht man in Afrika Frauen, die Getreide mittels Stössel in einem Mörser zerstampfen.
Bei den Mahlsteinen wird der obere Stein, der „Läufer“, auf dem „Unterlieger“ hin und her bewegt, um die Körner zu zerreiben.
„Hand-Drehmühlen hatten die römischen Legionäre immer dabei, um ihre täglich Portion Getreide zu mahlen“, erklärte Günther Lang. Er wies auch darauf  hin, dass aus Pompeji grosse Mühlen um 80 n. Chr. bekannt waren. Durch Göpel, mit Tier- oder Menschenkraft wurden sie angetrieben. *)
Eine Besonderheit stellte der zweiteilige Dreschschlitten aus der Osttürkei dar. In den Schlitzen des Zedernholz-Schlittens waren Feuersteinklingen fest eingefügt.

 


Dreschschlitten mit Feuersteinklingen
 

Ganz hinten im Ausstellungsraum sind 3 Vitrinen zum Thema technische Nutzung des Steins aufgestellt. Grossformatige Fotos über oder neben den Vitrinen illustrieren die Nutzung des Steins als Baumaterial. Eindrücklich sind Bilder von der Badenweiler Therme, von Angkor Wat, Petra, einer Schildmauer und einer Burg. Der Betrachter ist immer wieder erstaunt, welche grandiosen Bauwerke die Menschen mit einfachen Werkzeugen geschaffen haben.

Die Ausstellung bietet jedoch noch viel mehr, wie Kanonenkugeln aus Stein, „steinreichen“ Schmuck, Steinfiguren, Wetz- und Schleifsteine, Trinkhörner aus Alabaster. Am Schluss der Ausstellung kann jedermann Rätselfragen zu ausgestellten Steinobjekten beantworten.
Was ich vermisst habe ist ein Flyer oder eine Broschüre über dieses wichtige Thema. Aus Kostengründen wurde darauf verzichtet.

Fazit: Die Ausstellung war für mich eine interessante Betrachtung des Werkstoffs Stein, der schon in der Ur- und Frühgeschichte eine wichtige Rolle spielte. Auch in den folgenden Perioden bis in die Gegenwart ist der Stein ein wichtiges Baumaterial. Sehr lehrreich und anschaulich ist das Video über die Herstellung einer Waffenspitze.
Den Initiatoren der Ausstellung ist es hervorragend gelungen, eine solche Schau zu konzipieren und zu realisieren. Sie wird nicht nur an Archäologie interessierten Menschen begeistern.

Dauer der Ausstellung: 23.10.2016 bis 26.03.2017
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 14 bis 18 Uhr; Schulklassen, Kindergärten, Vereine und weitere Gruppen nach Vereinbarung.
Eintritt: 3 Euro (Erwachsene), Museums-Jahreskarte 10 Euro. Kinder, Schüler und Studenten: freier Eintritt. Inhaber Museums-Pass-Musées: frei.

*)Hinweis: Wer sich für historische Mühlen interessiert, dem ist ein Besuch der „Frick-Mühle“ (ein Mühlemuseum) ans Herz zu legen.  Empfohlen wird auch der Müllheimer Mühlenweg. Es ist ein Spaziergang entlang des Klemmbachs und des Warmbachs zu den 7 historischen Getreidemühlen der Stadt. Zu sehen sind auch Nebenwerke, wie Ölmühlen, Sägen, Hanfreiben und Trotten (Obstpressen).

Internet
www.markgraefler-museum.de

 


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