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BLOG vom 04.04.2005


Der alte Handatlas, der mich nachdenklich macht

Autor: Emil Baschnonga

Im Jahre 1896 im Verlag von Velhagen & Klasing erschienen, wiegt der in grüne Leine gebundene „Andrees Allgemeiner Handatlas“ gut 5 kg, misst 30 x 45 cm und ist 4 cm dick. Dieser nicht so handliche Atlas ruht gewichtig auf dem obersten Schaft meiner Bücherwand. Ab und zu bin ich genötigt, ihn, auf dem hohen Schemel stehend, herunterzuholen – ein Kraftakt, der sich lohnt und mich oft nachdenklich stimmt. Die Welt von damals ist ausgezeichnet kartographisch in ihm versteckt, zusammen mit einem ausführlichen Namensregister.

Ich schlage die Übersichtskarte von Afrika auf: Die Kolonialstaaten sind heute allesamt aufgelöst, worunter Französisch-Kongo, Angola, Moçambique, Deutsch-Ostafrika, die einstigen britischen Kolonien, worunter Rhodesien – jetzt Zimbabwe, die spanische Sahara, Südafrika usf.

Was auf der alten Karte auffällt, ist, wie willkürlich dieser Riesenkontinent geradlinig von den Kolonialmächten zerschnitten wurde, rücksichtslos durch Stammesgebiete hindurch. Blutige Stammesfehden und Genozide haben dort die Europäer als Folge ihrer Herrschaft und Ausbeutung hinterlassen.

Vielen der neuen afrikanischen Staaten fehlt die Lebensgrundlage: Mauritanien besteht vorwiegend aus Wüste, desgleichen Niger und Burkina Faso. Guinea „verdankt seine Grenzen den Zufällen („accidents“ – also Unglücksfällen) des ausgehenden 19. Jahrhunderts und bildet keine geographische Einheit“, steht etwa unter www.africa.guide.com vermerkt. Von diesen Ländern vernimmt man herzlich wenig. Hingegen von dort, wo Bodenschätze vorhanden sind, berichtet die Wirtschaftspresse recht ausführlich, denn diese Teile Afrikas sind nach wie vor von westlichen Interessen durchflochten.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich meiner Zeit bei SRI International: Dr. Baard Stokke strich damals Afrika als den zukunftsträchtigsten Kontinent hervor, sehr überzeugend in seiner Studie untermauert. Vorhersagen bewahrheiten sich selten.

Andere Karten, andere Denkanstösse: Seite 100 zeigt Palästina. Jerusalem ist im Hochland von Judäa eingetragen. Das Land erstreckt sich von Beirut und dem Mittelmeer entlang über Galilaea und Samaria bis nach Gaza. Die Leidensgeschichte fügt fortzu neue Kapitel hinzu. Wann wird es zum Frieden kommen? Von Vorhersagen nehme ich Abstand.

Noch eine Seite, die in Tragik mündet – und zwar die Doppelseiten 95/96 betitelt: Die asiatische Türkei, beginnend mit Konstantinopel und Mesopotamien und „Irak Arabi“ einschliessend. Als eigenständiger Staat besteht der Irak erst seit 1932 und war zuvor von den Briten besetzt. Ein furchtbarer Krieg entsprang zwischen 1980 und 1988 zwischen dem Irak und Iran. Was seither im Irak geschah und geschieht, geht auf keine Kuhhaut. Iran ist ebenfalls Teil der „axis of evil“. Die Vorhersage kommt vom Pentagon als tödliche Warnung.

Wie viele der 99 Hauptkarten meines Handatlas decken kein Leid und Elend seit 1886 auf? Mit dieser offenen Frage verbanne ich jetzt den schweren Schmöker wieder aufs oberste Gestell meiner Bücherwand.

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