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BLOG vom 31.12.2016


Hermann Lübbe – Ein Philosoph widerlegt die „Gesetzmässigkeit der Geschichte“

Autor: Pirmin Meier, Historiker und Schriftsteller, Beromünster LU/CH

 


Hermann Lübbe (Foto: www.bbaw.de)
 

Als Philosoph gilt landläufig, wer von einer Universität als solcher angestellt wird. Insofern galt Hermann Lübbe, der in Münster, Bielefeld und Bochum lehrte, zuletzt für Jahrzehnte in Zürich, als Berufsphilosoph. Sofern nun aber der Ehrentitel eines Philosophen zumal für wegweisende denkerische Leistungen vorbehalten bleibt, mit Erweiterung des Horizontes nicht nur für seine Schüler, war der Ostfriese Hermann Lübbe ein aussergewöhnliches, ich würde sagen einmaliges Format. Seit seiner Antrittsvorlesung 1971 in Zürich zur Thematik „Was heisst, das kann man nur historisch erklären“ bis zu seiner Publizistik weit in das neunte Lebensjahrzehnt hinein erlebte ich den Denker als den für mich wohl bedeutendsten Lehrer meines Lebens. Unbeschadet eines halben Dutzend weiterer exzellenter Gelehrter, wie sie derzeit in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Schweizer Universitäten nicht mehr zu treffen sind.

Wenn ich mir heute überlege, wie mein Weg zur Geschichte und zur Philosophie erfolgte, so macht sich noch und noch der Einfluss Lübbes bei mir bemerkbar. Je länger ich mich mit Geschichte befasse, umso klarer wird: die historische Wahrheit, wenn es sie gibt, findet jeweils am ehesten überprüfbar im lokalen Bereich statt. Was Weltgeschichte oder wenigstens grosse Landesgeschichte nicht ausschliesst. Die Erschliessung des St. Gotthards zum Beispiel lässt sich nur durch genaueste lokalgeschichtliche Kenntnisse von den seither entstandenen Legenden reinigen. Albert Einstein gehört nun mal zur Schulgeschichte der Kantonsschule Aarau und zur Lokalgeschichte von Bern, will man wirklich über Wesentliches in seinem Leben in Bild sein und nicht etwa das Märchen vom schlechten Schüler Einstein nachplappern, dem Trost aller Eltern, die sich einbilden, ihr schulischer Schwerenöter sei trotz allem ein Genie. Was das Lokale bei Lübbe betrifft, ist er, wiewohl er es nicht prinzipiell so sehen will, von seiner ostfriesischen Heimat geprägt, auch bedeutenden Denkern von dort: Johannes Althusius, Hermann Friedrich Wilhelm Hinrichs, Rudolf Eucken, Wilhelm Schapp und noch anderen. Ausser Eucken, dem Nobelpreisträger, handelt es sich um vergessene Gestalten, analog etwa zu den Schweizern Troxler und Hilty (letzterer Adenauers Lieblingsphilosoph), aber nichtsdestotrotz hochbedeutende Denkern. So gilt Althusius als der Vater des Subsidiaritätsprinzips, eines Grundsatzes der praktischen politischen Vernunft, ohne den jeder Liberalismus, Sozialismus, Konservativismus vielleicht schnell mal in den Eimer geht, weil doch die Politik von Mündigkeit und Selbstbestimmung jeweils der Menschen vor Ort ausgehen sollte. (Weil es dies in Russland zum Beispiel nie gab, hat dort die Demokratie bis heute grosse Mühe.) Hinrichs wiederum darf als einer der bedeutendsten Denker der sogenannten Hegelschen Rechten gelten, letzteres zwar ein Schimpfwort, weil es sich im heutigen Sinn keineswegs um Rechte oder gar Rechtsextreme handelte. Vielmehr um Theoretiker eines evolutionär entwickelten demokratischen Fortschritts, die sich aber dann zum Teil von Bismarck um den Finger wickeln liessen.

Das Programm  der Hegelschen Rechten bezüglich der demokratischen und sozialen Entwicklung, allenfalls im Regime der konstitutionellen Monarchie, war keineswegs das, was sich dann um die Jahrhundertwende zum Nationalismus und Imperialismus entwickelt hat. Dass die Hegelianer die Soziale Frage früh in ihrer ganzen Tragweite erkannt haben, vor ihnen schon der katholische, nach Meister Eckhart und Paracelsus orientierte Bayer Franz von Baader (1765 – 1841), unterschied sie in keiner Weise von den Marxisten und Sozialisten. Sehr wohl aber das Projekt der evolutionären und je nachdem „genossenschaftlichen“ Lösung der anstehenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme. Fortgesetzte Problemlösung als Schadloshaltung vor Wirren der Revolution und von Kriegen. Dies ging ab der sogenannten Gründerzeit bis 1914 in Deutschland leider nicht so weiter. Vielmehr führte der Weg in einen verhängnisvollen Nationalismus. Nachzulesen ist dies in Lübbes frühem Hauptwerk „Politische Philosophie in Deutschland“, erschienen im Schweizer Verlag Schwabe 1963. Deutlich genug zeigt Lübbe dann auf, wie sich die philosophische Elite Deutschlands von wenigen Ausnahmen abgesehen 1914 in die Kriegsbegeisterung nicht nur hineintreiben liess, sondern dieselbe noch zusätzlich entfachte.
 
Mit zu den bedeutendsten Errungenschaften Lübbes gehört die Fortschreibung der Kritik u.a. von Karl Popper („Das Elend des Historizismus“) am Irrglauben einer sogenannten Gesetzmässigkeit der Geschichte. Hier hatte auch der ostfriesische Rechtsphilosoph Wilhelm Schapp, dessen Sohn später bei Lübbe doktorierte, einen massgeblichen methodischen Einfluss. Schapp gehört zu den Begründern des sogenannten Narrativismus. Dabei geht es um das Prinzip „Erklären durch Erzählen“. Eine vergleichsweise einfache Methodik, von der aus Lübbe grossspurigen Theorien von Geschichte und deren angeblichem Verlauf den Garaus gemacht hat. Wie anders als durch schlichtes Erzählen lässt sich zum Beispiel die Funktion des in Ostfriesland gebräuchlichen höfischen Erbrechts im Zusammenhang mit dem Fall einer eingeheirateten und danach wieder geschiedenen Bäuerin erklären? Was versteht man schon vom Recht, ohne sich ständig den Einzelfall vor Augen zu halten? Die Anwendung von Normen auf den Einzelfall ergibt im Endresultat nicht mehr und nicht weniger als eine Geschichte, sei sie nun glücklich oder wie oft weniger glücklich ausgegangen.

Die Geschichte als die Summe aller vorgekommenen Einzelfälle untersteht nach menschlichem Ermessen keinen Normen. Der Einzelfall, „wie der Grossvater die Grossmutter nahm“, ist im Prinzip immer dasjenige, was eine Geschichte zur Geschichte macht – über allgemeine, zum Beispiel naturwissenschaftliche Gesetzmässigkeiten hinaus.

In seinem Hauptwerk „Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse“ (2. Auflage 2012), erstmals erschienen 1977, analysiert Lübbe komplexe Beispiele anhand der Fragestellung: „Was heisst, das kann man nur historisch erklären?“ Warum und aufgrund welcher Interessenlagen war es möglich, dass in Dortmund und in Bochum, in zwei Städten, die nahe beieinander liegen, in den sechziger Jahren gleichzeitig je eine Technische Universität geplant wurde? Was bedeutete es für die Freiheit Ostfrieslands, dass bei einem Kanonenduell am 23. Juni 1514 ausgerechnet der Heerführer einer Strafexpedition tödlich getroffen wurde? Bei den damaligen technischen Verhältnissen ein enormer Zufall.

Eine Geschichte, die wie diejenige Winkelrieds 1386 bei Sempach (vielleicht war es ein anderer Schweizer) schlicht nur im Einzelablauf erzählt werden kann. Natürlich nicht absichtslos. Seien es Heldengeschichten oder Geschichten historischer Schande wie das Massaker von Greifensee (1444) oder gar wie Auschwitz, immer handelt es sich darum, im Hinblick auf die Betroffenen und teilweise Mitverantwortlichen eine Art Identitätsrepräsentation darzustellen. Dabei handelt es sich um Prozesse der Systemindividualisierung. Das heisst: So kam es dass usw.,  wobei die einen Vorgänge den anderen entgegenstehen, was Lübbe Handlungsinterferenz nennt. Selbst noch ein vergleichsweise „ungestörter“ historischer Prozess besteht aus Handlungsinterferenzen, insofern beispielsweise zu erklären bleibt, warum es keine Opposition oder überhaupt keinen Widerstand gegen diese oder jene Entwicklung gab. Nichts, was sich in der Geschichte als Resultat niederschlägt, ist selbstverständlich und läuft schlechthin wie am Schnürchen ab. Am wenigsten Revolutionen, so die Französische, die nach Ansicht von Kleist „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ in einer entscheidenden Phase im Ballhaus von Versailles von der Drehung einer Manschette des Redners Mirabeau abhing, als er gegenüber einem Abgeordneten des Königs die entscheidenden revolutionären Worte improvisierte, die so wenig mehr zurückgenommen werden konnten wie der Ukas eines DDR-Funktionärs beim Fall der Mauer im November 1989. 

 Jenseits der persönlichen Verantwortung des Einzelnen, die bei Lübbes Darstellung und Kritik von Geschichtsmodellen nie geleugnet sind, bleibt es dabei: Geschichten sind Abläufe ohne einheitliches Handlungsobjekt, das heisst: Handlungs-Gemengelagen, für die man sich nicht auf ein übergreifendes Gesetz berufen kann.

Warum gibt es nach Lübbe wie auch nach Karl Popper keine Gesetzmässigkeit der Geschichte? Weil es erstens sinnlos ist, die Beschreibung eines aus vielfachen Ursachen gespeisten singulären Prozesses zum Gesetz zu erheben. Zweitens gibt es den Kontrollfall nicht. Was wäre zum Beispiel geschehen, wenn der Angreifer Ostfrieslands nicht einer Kugel zum Opfer gefallen oder Hitlers Armee in Russland 1941 nicht vom frühen Wintereinbruch überrascht worden wäre? Wir wissen es nicht.

Im gleichen Sinn sind laut Lübbe etwa die „Geschichtsgesetze“ des deutschen Philosophen Oswald Spengler im Erfolgsbuch „Der Untergang des Abendlandes“ (1918, 45 Auflagen in 5 Jahren) in keiner Weise als Orientierung für die Zukunft verwendbar. Dass indes Spengler für das 20. Jahrhundert eine Dominanz der Flächengrossmächte USA und Russland voraussagte und dabei in manchem recht behielt, erweist sich so wenig als Konsequenz angeblicher Geschichtsgesetze wie historische Prophezeiungen von Karl Marx und Friedrich Engels.

 

Kein Ende der Geschichte

Zu den Errungenschaften der Philosophie, falls es solche gibt, gehört das Wegräumen geläufiger Irrtümer einschliesslich nachweisbarer logischer und methodischer Denkfehler. Wenn ein Francis Fukuyama 1992 ohne genügende analytische Voraussetzungen von einem „Ende der Geschichte“ faselte, in der Meinung, die Geschichte habe sich mit dem Sieg des Kapitalismus westlicher Ausprägung vollendet, hatte er die Grundlagenarbeit Lübbes offensichtlich übersehen, nicht mal das Hauptwerk Poppers „Vom Elend des Historizismus“ gelesen und verstanden. Kaum ein Denker unserer Zeit steht ideologischen Wolkenkuckucksheimen so entgegen wie Hermann Lübbe, der einst an seinen Vorlesungen die Struktur der Ideologien nach Fabeln von Äsop zu erklären pflegte. Etwa der Fabel vom Fuchs, der in einem Weinberg hoch hängende Trauben nicht erreicht und gegenüber dem Publikum, den Feldspatzen im Rebberg, erklärte, diese Trauben seien ihm sowieso zu sauer. Das Beispiel erweist sich gleich für zwei Funktionen der Ideologie als anschaulich: die Betrugstheorie nach aussen und/oder den Selbstbetrug nach innen. Sofern der Fuchs lediglich die Spatzen vom Traubenkonsum abhalten möchte, liegt Betrugstheorie vor, wiewohl der Satz im Einzelfall durchaus wahr sein könnte. Aber es geht um die Absicht des Fuchses. Noch klassischer bei der Ideologie ist jedoch der Selbstbetrug. Nach Franz Josef Strauss ist es gar noch verhängnisvoller, wenn ein Politiker den Unsinn, den er schwatzt, selber glaubt. Dies macht Umdenken nur umso schwerer.

Die angebliche Gesetzmässigkeit der Geschichte erwies sich nicht nur beim Marxismus als eine Ersatzreligion, als eine Art neuer, vergleichsweise noch absurderer Gottesbeweis. In diesem Sinn gehört Lübbe, als einer der grossen Kritiker des geistigen Betrugs, nicht zuletzt in seiner durchdringenden messerscharfen Sprachgewalt, zu den Philosophen in der Tradition Kants. Dass der Ostfriese noch stärker auf die praktische Vernunft setzt, ist der Orientierung in einem durch rasende Geschwindigkeit gekennzeichneten Kulturwandel geschuldet. Im Zusammenhang mit diesem Kulturwandel prägte er das Wort „Gegenwartsschrumpfung“. Noch einen zusätzlichen Essay wäre vorab die Religionsphilosophie Lübbe wert. Mir ist kein Denker bekannt, der den Nutzen und Nachteil der Religion für das Leben, mit bedeutenden Entlastungsargumenten, aber doch illusionslos, vergleichbar stringent aufgezeigt hätte. Dies unter anderem in seinem Buch „Religion nach der Aufklärung“ von 1986, das bei der Zunft allerdings nicht wenig Widerspruch ausgelöst hat. Der Satz von Karl Popper „Die Theologie ist ein Fehler“ wird indes von Lübbe nicht bestätigt. Vielmehr macht er darauf aufmerksam, dass mit der abnehmenden Relevanz naturwissenschaftlicher Orientierungen im allgemeinen Denken (nicht in der Praxis des technischen Alltags!) umgekehrt die Konjunktur für Religion am Ansteigen ist. Es handelt sich kulturphilosophisch um ein Beispiel für die sogenannte Kompensationstheorie. In dem Ausmass, da nach einer allgemeinen Entheiligung der Welt durch Technik und Kapitalismus eine sogenannte Säkularisierung eintritt, wächst das Bedürfnis nach einem Ausgleich. Ist es nicht die Religion, so tritt andernfalls die Esoterik an deren Stelle. Lübbe bevorzugt in diesem Dilemma das Original, sofern die Religion sich darauf beschränkt, in ihren wesentlichen Urteilen über das gesellschaftliche Leben sich auf die Stärkung des sogenannten Common Sense zu beschränken. Dem Vernehmen nach plant Hermann Lübbe eine Autobiographie. Es wäre das Werk eines bedeutenden Jahrhundertzeugen.

 
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