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BLOG vom 03.04.2005


Ursula und Fernand Rausser: Die Lust am Unangepassten

Autor: Walter Hess, Biberstein CH

 

„Vielleicht muss man in der heutigen Zeit verrückt sein, um zu heiraten“, sagte die Betagtenbetreuerin und Schriftstellerin Anke Maggauer-Kirsche bei einer Thunersee-Kreuzfahrt auf dem Motorschiff „Schilthorn“. Die von schneeweissen Bergen gesäumte Landschaft war von einem leichten, feierlichen Dunstschleier überzogen. „Viele Menschen wollen sich mit dem Bestehenden nicht zufrieden geben, trauen sich etwas zu, das nicht der Norm entspricht.“ 

 

Der bekannte Fotograf Fernand („Sepp“) Rausser fällt nicht einfach aus der Norm heraus, er verlässt das Normale bewusst und immer wieder. So führte er an diesem Wochenende im Alter von 78 Jahren gerade Ursula von Allmen zum Traualtar – nach allen Regeln der traditionellen Heiratskunst. Die Braut ist eine charmante, liebenswürdige Persönlichkeit mit Organisationstalent und menschlicher Wärme, eine sportliche, reife Erscheinung. Wäre das Heiraten noch allgemein Brauch, wäre dieser Akt wohl kaum vollzogen worden . . . „Sind wir froh, dass es noch Erwachsene gibt, die sich trauen etwas Verrücktes zu tun. Die Welt wäre sonst langweilig“, stellte Anke Maggauer dazu fest.

 

Ja, der Sepp, der sorgte schon seit je dafür, dass Betrieb herrscht. So hat er vor etwa 3 Jahren seinen eigenen Verlag Wegwarte , Bolligen, gegründet, um endlich genau jene unangepassten Bücher herausgeben zu können, die er machen wollte. Inzwischen sind 10 hübsch gestaltete Bändchen erschienen; einige davon werden auf der Textatelier-Homepage (www.textatelier.com) angezeigt, und von dort aus gibt es zusätzliche Angaben dazu (Link „Alle Buchangebote“).

 

Sepps unkonventionelles, kurioses Buchschaffen war mir schon 1975 aufgefallen, als sein Buch „Fett mit Sepp“ auf den Markt kam. Untertitel: „Ein Loblied auf den Bauch.“ Sepp, ein begnadeter Koch und Geniesser, soll auch einmal einen Abendschmaus zum Thema „Uugsund ässe“ (Ungesund essen) durchgeführt haben. Er schrieb im erwähnten Büchlein: „Man muss essen, was man hat, sagte der Bauer, und bestrich Speckschnitten mit Butter.“ 

 

Selbstredend ging es ihm nicht um Ungesundheit, sondern um Unangepasstheit, wie immer, ganz einfach, weil er es liebt, aus der Reihe zu tanzen. Und wegen seiner liebenswürdigen, gütigen, väterlichen Art ist es unmöglich, daran irgendwelchen Anstoss zu nehmen. Er gibt Anregungen zum Denken, zum Überdenken: Wie verhalten wir uns eigentlich? Sind die Normen, die uns Normalität vorspiegeln, der Weisheit letzter Schluss? Oder sind sie Nonsens, purer Unsinn? Auch die Cartoons (oft übermalte Fotografien) sind eine Waffe, derer sich Sepp auf meisterhafte Weise zu bedienen versteht, um uns die Auswüchse einer dekadenten, irregeleiteten Menschheit vor Augen zu führen. 15 Cartoons hat er mir für mein neues Buch „Kontrapunkte zur Einheitswelt“ zur Verfügung gestellt; meine eigene unangepasste Denkweise ist damit also in bester Gesellschaft.

 

Dem geistvollen Tun unter Einbezug von Nonsens war Sepp Rausser schon immer zugetan, und daraus erwuchsen Büchlein wie „When einer una voyage tut, dann can he was erzählen“. Es sind „Trouvaillen eines Gastronomaden“, an deren Ende dann die magenreinigende Aktivkohle steht: „Sorry, I forgot to take ma Kohle-Kapsel. Or soll I take better a good Kräuter-Schnaps?“ 

 

In diesem Zusammenhang drängt sich ungestüm die Frage auf, wie denn ein Hochzeitsmahl aussehen möge, zu dem Ursula und Sepp eine kleine Auswahl ihrer Verwandten und Freunde (etwa 160 Personen) in den Salle de Versailles ins Grand Hotel Victoria Jungfrau in Interlaken eingeladen hatten. Das Rätsel wird wenige Zeilen weiter unten gelöst werden, sobald die wichtigen Rahmenbedingungen bekannt gemacht sind.

 

Als Zeremonienmeister wirkte Eugen Götz-Gee, der auch die Wegwarte-Bändchen einfühlsam zu gestalten versteht. Die Strecke von der Schiffsanlegestelle Interlaken bis zum Hotel wurde mit Pferdekutschen überbrückt, wie es sich für den Adel, der dort verkehrt, gehört: Könige, Grafen und Fotografen, wie der Hotel-Direktor, Emanuel Berger, in launigen Worten sagte. Foto-Grafen.

 

Sepp, einer der berühmtesten und talentiertesten Schweizer Fotografen, hatte dieses rund 130-jährige Hotel „Victoria Jungfrau“ einmal bis in den hintersten Winkel bildlich festgehalten, als es noch alt, müde und durchgesessen war, und ihm gewissermassen neues Leben eingehaucht. Er kennt dieses Haus, das sich am Samstag, 2. April, zur Hochzeitsfeier in besonders festlichem Glanz präsentierte, und das Haus und dessen gute Geister kennen ihn. Der Küchenchef Manfred Roth sagte, noch selten habe er bei der Menu-Besprechung soviel schreiben müssen wie vor wenigen Tagen, als Sepp Rausser seine Bestellung aufgegeben hatte. Denn dieser wusste, was er wollte, zum Beispiel „Luus Salbi“ (Läuse-Salbe) auf halbweissem Brot, ein Schabziger-Aufstrich. Es war eine übersetzerische Herausforderung, die ausländischen Köche davon in Kenntnis zu setzen.

 

Und auf den Buffets stand alles, ein Multikulti-Programm, was Sepp und offensichtlich auch seine Gäste liebten. Da waren zum Beispiel eine klassische Bouillabaisse Marseille, eine der delikatesten, die ich je gegessen habe, sodann eine Kalbsbouillon mit viel Chabis (Weisskohl) und Gemüse, Fischspezialitäten aus aller Welt und ein erlesenes Salatbuffet. Von den Kutteln in Gewürztraminer zu Salzkartoffeln konnte ich mich fast nicht mehr lösen, und beim mehrheitlich aus dem Kanton Bern stammenden Publikum, das einen auch geografischen Bezug zur Welt des Jeremias Gotthelf hatte, kamen sie gut an; schliesslich ist auch in den „Leiden und Freuden eines Schulmeisters“ ein Kuttelvoressen erwähnt. Es gehört ins Kapitel der Freuden. Die übrigen Hauptspeisen wie die mit Gartenkräutern lange braisierten Kalbshaxen wirkten daneben beinahe normal, wären sie nicht besonders kunst- und liebevoll zubereitet worden – nach Sepps eigenen Rezepten übrigens. Eine junge Köchin, Renate Müller, drehte mir zum Abschluss eine Erdbeere in der von einem Turm fliessenden flüssigen Schokolade.

 

Und zwischendurch spielte das Trio Artemis (Katja Hess, Violine; Bettina Macher, Violoncello, und Myriam Ruesch, Klavier) klassische Salonmusik mit einem Schwung, der die jungen Musikerinnen selber fast von den Stühlen riss, abwechselnd zu kraftvoller Drehorgelmusik.

 

Der Anlass im Berner Oberland trug bis in jede Einzelheit die Handschrift eines Paars, das sich zwar im Hintergrund hielt, und dennoch die Hauptsache war. Der Kapuziner und Publizist Walter Ludin sprach von der menschlichen Wärme, die Partner einander geben können und die dadurch füreinander göttliche Qualitäten erhalten. „Wahre Liebe will Ewigkeit“, stellte er noch fest.

 

Und wahrscheinlich ist auch solch eine Liebe heute etwas Aussergewöhnliches.

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