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BLOG vom 03.03.2017


Urwaldpfad: Hier bleibt die Natur selbst überlassen

Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D


Bei uns gibt es keine Urwälder mehr, aber etwas anderes. Es sind Bannwälder. Diese können sich selbst entwickeln ohne dass der Mensch in die Natur eingreift.  

Den Bannwald Flüh lernten wir anlässlich einer Wanderung am 14.02.2017 auf dem Urwaldpfad und Waldlehrpfad bei Schönau im Wiesental kennen. Teilnehmer unserer Wandergruppe waren schon früher auf Teilstrecken des Urwaldpfades (obere Weg) unterwegs und immer wieder von der urwüchsigen Waldlandschaft begeistert. Wie ich mir sagen liess, konnte sich der Wald auf einer Fläche von 37 Hektar zum „Urwald“ zurückentwickeln. Wie das Staatliche Forstamt Schönau vermeldete, dauert die Entwicklung zum Urwald ca. 200 bis 300 Jahre.

Sabine Krumm von der Tourist-Information Schönau sandte mir dankenswerterweise die Broschüre über den Urwaldpfad zu. Mit diesem sehr gut konzipierten Führer (mit Karte und den beschriebenen 14 Stationen) ausgestattet, wollte ich mit einem Wanderfreund den gesamten Urwaldpfad erkunden. Wir wurden nicht enttäuscht, zumal wir uns viel Zeit liessen.

Für die 5,5 km lange Wanderstrecke (170 m Aufstieg, 170 m Abstieg) auf dem unteren Weg von Schönau nach Künaberg und auf dem oberen Weg wieder zurück nach Schönau waren wir anstelle von 2 Stunden sage und schreibe 3 Stunden unterwegs.

 


Baum bildete Wundholz und überwucherte Teil des Schildes
 

Die Wanderroute beginnt an der Wegkreuzung „Flüh“ am Wiesentalweg in der Nähe von Schönau. Wir parkierten in der Nähe der Buchenbrandschule, wanderten über den Energiepfad und über die Wiesenbrücke und danach rechter Hand einige hundert Meter zum Eingang „Waldlehrpfad“. Schon dort ist eine Besonderheit zu entdecken. 1970 wurde das Bannwald-Schild an einem Baumstamm angenagelt. Im Laufe der Zeit bildete der Baum Wundholz, der den Fremdkörper überwucherte.  Im Sommer 2000 war der Schriftzug „Bannwald“ fast vollständig überwallt. 2017 war das darunter befindliche Emblem „Bannwald“ bereits zu einem Drittel verschwunden (s. Foto).

Auf dem unteren Weg sahen wir typische Stockausschläge im Niederwald, alte Weidbuchen. Die Weidbuchen mussten immer wieder neu ausschlagen, weil sie vom Vieh verbissen wurden. Interessant war eine Steinschutthalde. Auf dieser können nur wenige Spezialisten leben. Hier wachsen nur wenige Pflanzen, wie der Salbei-Gamander und die Himbeere. An manchen Stellen ist die Halde hell. Das kommt daher, wenn Steine den Hang hinunterrutschen. Auch bemerkten wir hier keine Moose und Flechten. Diese gedeihen besonders prächtig, wenn der Hang zur Ruhe gekommen ist und sie genügend Feuchtigkeit haben. Wir sahen auf unserem Weg sehr viele Steine, frei sichtbare Baumwurzeln und Felsen, die mit Moos bedeckt waren. Das üppige Grün ist für die strapazierten Augen eine Wohltat.

Riesenregenwurm und Lamas
Im Bannwald Flüh ist auch der Riesenregenwurm zu Hause. Er wird bis zu 60 cm lang. Wer ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekommt und sich in der Tierkunde nicht besonders gut auskennt, könnte diesen Wurm für eine Blindschleiche halten. Die Würmer graben bis zu 2 ½ m tiefe Löcher. Sie steigern die Bodenfruchtbarkeit. In einem Blog vom 12.08.2005 („Kapitaler Regenwurm: Die Badener brechen alle Rekorde“) habe ich diesen Wurm näher beschrieben.

 


Neugieriges Lama
 

Dann sahen wir noch eine Besonderheit: In einem Gehege lugten uns 2 neugierige Lamas, die sich auf einer Anhöhe in der Nähe des Unterstands befanden an. Der eine trottete bis an den Eingang des Zaunes und betrachtete in Augenhöhe die Wanderer. Ich war mit dem Fotografieren beschäftigt und dachte: Hoffentlich spuckt das Lama nicht. Aber es hatte keine Lust dazu. Das andere Lama hatte kein Interesse an uns und verschwand in einem Wäldchen.

Weissdorn mit Flechten
Nach Erreichen von Künaberg ging es auf guten Waldwegen auf dem oberen Weg zurück. Auch hier konnten wir einige Besonderheiten in Augenschein nehmen. Mir fielen besonders Weissdornbüsche und Schlehen (Schwarzdorn) auf. Die Dornbüsche waren mit der struppigen Strauchflechte und Blattflechte „geschmückt“.
Die Dornen haben eine wichtige Funktion, sie wehren hungrige Rehe ab. Im Prospekt war dies zu lesen: „Wenn ein Gebüsch ein grösseres Dornen-Dickicht bildet, können in seinem Schutz auch Bäume ihre ansonsten gefährliche Jugendzeit besser überstehen.“

 


Hier wütete der Orkan Lothar
 

An einer Stelle sahen wir viele Fichtenstämme herumliegen. Schuld war der Orkan Lothar, der Ende 1999 übers Land fegte und auch hier im Urwald viele Bäume zusammenbrechen liess. Der Wanderer wurde angewiesen, das Foto vom Sommer 2000 im Prospekt mit dem heutigen Zustand zu vergleichen. Damals waren alle Stämme ohne Bewuchs, heute sind sämtliche Bäume mit einer dicken Moosschicht überwuchert. Auch sahen wir einige kleine Pionierbäume zwischen den Stämmen emporwachsen. In 200 Jahren werden Buchen und Tannen hier dominieren.

Dornen-Dickicht bildet, können in seinem Schutz auch Bäume ihre ansonsten gefährliche Jugendzeit besser überstehen.“

 

 


Baumstamm animierte mich zum Bücken
 

Danach ging es auf laubbedeckten Wegen weiter. Dann mussten wir unsere Köpfe einziehen, da ein mächtiger Baumstamm über dem Weg lag (s. Foto). Später schritten wir noch durch eine Engstelle zwischen moosbedeckten Felsen.
 
Es war für uns ein sehr interessanter, informativer und schöner Pfad, den wir sicherlich noch einmal gehen werden.

Anhang: Einige wichtige Sprüche auf Schildern
Auf einem älteren Schild am Urwaldpfad mahnte der Text uns Menschen auf besondere Weise. Hier der Text über das Waldsterben:
„Der drohende Waldtod geht uns alle an. Auf dem Spiel steht das ökologische Gemeinwohl. Wir alle trinken dasselbe Wasser, wir alle atmen dieselbe Luft. Es gilt, das Natur-Recht auf atembare Luft und trinkbares Wasser als elementares, vitales Menschenrecht zu begreifen.“

Auf einem anderen Schild wurde auf den CO2-Speicher Holz hingewiesen.
„Der CO2-Anstieg in der Atmosphäre ist Mitverursacher für den Treibhauseffekt. Dagegen binde jeder Baum während seines Wachstums CO2 in seinem Holz. Holz ist somit während seiner Existenz ein CO2-Speicher. Diese Speicherzeit kann durch langfristige Holzverwertung z. B. im Hausbau verlängert werden.“

Spruch auf der Tafel oberhalb des Johann-Peter-Hebel-Blicks (der Spruch wurde vor über 200 Jahren von J. P. Hebel niedergeschrieben, er passt auch in unsere Zeit):

Trost
Bald denki`s isch e bösi Zit,
und weger`s End isch nümme wit;
bald denki wider: loss es goh,
wenn`s gnueg isch, wird`s scho anderst cho.
Doch wenni näumen ane gang
Un´s tönt mer Lied und Vogelsang,
so meini fast, i hör e Stimm:
„Bis z`fride!` s isch jo nit so schlimm.“

Internet
www.belchenland.com
www.schwarzwaldregion-belchen.de
www.fva-bw.de

Literatur
Lehnes, Patrick: „Zurück zum Urwald“, Herausgeber: Gemeindeverwaltungsverband Schönau, Selbstverlag 2001.
„Natürlich bei uns am Belchen“ (Ferien 2016/2017), Broschüre der Tourist-Information Schönau im Schwarzwald.

 


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