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BLOG vom 30.07.2017


Wüten wie die Vandalen? Eine Rufschädigung!

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland


"Die hausen wie die Vandalen." - "Sie wüten wie die Vandalen."

Willkürlich bei Google aufgerufen, erhalte ich genügend Hinweise, dass diese Redensart noch immer sehr aktuell ist:

Hier sind einige Überschriften über Vorfälle in den letzten Wochen (2017):

08.05. Vandalen wüten in Hockenheim/Baden-Württemberg/D - Grabplatten beschädigt
19.05. Vandalen wüten beim FC Kerzers/CH - tiefe Reifenspuren auf dem Fussballfeld
07.06. Vandalen wüten über Pfingsten in Blomberg/NRW/D - Feuerlöschergebrauch im Parkhaus
09.06. Vandalen wüten im Babywald bei Langenfeld/Mettmann/NRW/D - Schilder gestohlen
09.06. Vandalen wüten im Leywald/Baselland/CH - Märchenfiguren beschmiert oder zerstört
11.06. Vandalen wüten in Wattenwil, Region Bern/CH - in einem Schulhaus an der Hagenstrasse
13.06. Vandalen wüten auf einem Bolzplatz in Barkenberg/Dorsten/NRW/D
27.06. Vandalen wüten auf dem Hauptfriedhof in Trier/RHP/D - wiederholt Gräber beschädigt
04.07. Vandalen wüten bei der Waldhütte in Niederbuchsiten/Solothurn/CH - Tische angesägt
11.07. Vandalen wüten im Kindergarten in Neuenhof/Aargau/CH - Farbe sprayen und verschütten

Das ist nur eine kleine Auswahl der Meldungen.

Die Vandalen müssen überall sein! Oder wird hier nur die Redensart bemüht?

"Vandalen oder Wandalen: Darunter versteht man ein ostgermanisches Volk aus der Zeit der Völkerwanderung. Die Vandalen gründeten (nach längerer Völkerwanderung, d.A.) ein eigenes Reich, das vom heutigen Tunesien bis zu den Balearen, Sardinien, Korsika und Sizilien reichte. Im Jahre 455 wüteten sie 2 Wochen lang unter ihrem König Geiserich in Rom." (Aus dem ehemaligen Reitervolk wurden Seefahrer.)
"Der Begriff 'Vandalismus' als Synonym für blinde Zerstörungswut geht auf den Bischof von Blois, Henri-Baptiste Grégoire (1750-1831) während der Französischen Revolution zurück. Er prangert die revolutionären Jakobiner an, die Kunstwerke vernichteten und Bücher verbrannten."

Es wird aber darauf hingewiesen, dass man bereits 50 Jahre vorher Kirchenführer als "Vandalen" bezeichnet habe. ("Deutsche Redewendung und was dahinter steckt.")

Voltaire benutzte den Begriff in Frankreich ebenso Schubart (1772) in Deutschland.

Es darf allerdings bezweifelt werden, dass dies eine Unart nur dieses einen Volksstammes gewesen sein soll. Über viele Jahrhunderte hinweg drangen überall fremde Volksstämme woanders ein, besiegten die einheimische Bevölkerung, raubten sie aus und zerstörten und verbrannten alles, dessen sie habhaft wurden, oder sie wurden dort sesshaft, übernahmen die Lebensart der Besiegten und blieben, bis sie wieder weiterzogen, aus Interesse an Neuentdeckungen, seltener wegen Hungersnöten.

Die neuere Geschichtswissenschaft widerlegt das Verhalten der Vandalen in Rom. Papst Leo I. soll dem König Geiserich entgegengetreten sein und ihn beschworen haben, seinen Soldaten entsprechende Befehle zu geben,
"er verbot alle Gewalttaten, liess aber die Plünderung, die damals Kriegsrecht war, zu. (..) Im Laufe von 14 Tagen wurde Rom auf 'humane' Weise systematisch ausgeplündert. (..) Die Stadt war arm, aber sie war nicht in Flammen aufgegangen." ("Die Germanen - Legende und Wirklichkeit von A-Z")

Eine Darstellung von 1939, getitelt "Germanische Kultur" nennt den Vorwurf der Zerstörungswut "eine Geschichtsfälschung der späteren byzantinischen Geschichtsschreiber" und den Begriff des "Vandalismus" oder auch "Wandalismus" "lügnerisch".

Künstlerisch müssen die Vandalen kreativ gewesen sein, wie es zahlreiche Funde von Fibeln und anderem Goldschmuck und eine Silberschale aus Gräbern beweisen.

Auch hier zeigt sich einmal wieder, dass Redensarten nicht immer stimmen, um mit den Schweizern zu sagen: "I will hindersi ge Rom laufe."

Quellen:
Redaktion des Readers Digest, Deutsche Redewendungen und was dahintersteckt, Verlag Das Beste GmbH, Stuttgart, Zürich, Wien, 2013
Döbler, Hannsferdinand, Die Germanen - Legende und Wirklichkeit von A-Z, Orbis Verlag (Verlagsgruppe Bertelsmann), München, Sonderausgabe 2000, urspr. 1975
Kossinna, Gustaf, Germanische Kultur im 1. Jahrtausend, Curt Kablitzsch Verlag in Leipzig, 2. Auflage 1939

 


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