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BLOG vom 24.04.2005


Von Linn über den Zeiher Homberg nach Densbüren

Autor: Walter Hess

Das Wetter findet vor allem draussen in der Landschaft statt, genau dort, wohin das „Forum Doracher“, der Verein Pro Bözberg und der Verlag Textatelier.com GmbH, CH-5023 Biberstein, auf den Regensonntag, 24. April 2005, eingeladen hatten.

„Geführte Wanderung über die versteinerte Brandungszone mit Blicken ins Aaretal und ins Fricktal“ stand auf der Einladung, die der Exkursionsleiter, der Ökologe Heiner Keller aus Oberzeihen, formuliert hatte. Er erklärte die Landschaft zwischen Linn und Densbüren manchmal durch den Nebel hindurch: „Dort hinten wäre die Gisliflue, wenn man sie sehen würde.“

Beim morgendlichen Treffen bei der 600- bis 800-jährigen Linner Linde, dem dicksten Baum im Aargau, war man mitten in einer Wolke drin. Die rund 2 Dutzend Teilnehmer, in wasserdichte Kleider gehüllt, waren von den Urgewalten der Natur beeindruckt. In einer ebenerdigen Stammhöhle der Linde, die zum Schutze des altehrwürdigen Baums durch ein Gitter verschlossen ist, wurden früher noch Feuer entfacht. Der Baum überstand das, ebenso wie Stürme von „Lothars“ Dimensionen. Was kann denn eine solche Linde schon erschüttern!

Und unerschütterlich machten sich die Exkursionsteilnehmer auf den Weg über den Zeiher Gutsch (in der Mundart spricht man auch von einem „Gutsch“ Wasser) und hinauf auf den Zeiher Homberg. Dort oben, auf 782 m Höhe, war der Blick frei nach Oberzeihen, Zeihen und bis nach Herznach, über eine Landschaft mit Dörfern, landwirtschaftlichen Normtyp-Aussiedlungen, Wiesen, Hügeln und einem Wegnetz mit weichen Biegungen. Landschaft, Land und Leute werden in Heiner Kellers Buch „Bözberg West. Landleben in der Mitte zwischen Basel und Zürich“ die zentrale Rolle spielen. Es ist begrüssenswert, dass da einer kommt und sich Gedanken über die Landschaft, ihre Schutzwürdigkeit und ihre Bedrohungen macht, wenn die städtischen Grossagglomerationen ausufern, noch mehr Land fressen und wie Pilzmycelien die letzten Idyllen zu erobern drohen.

Unterwegs hatte Keller von der Landschaftsentstehung, vom Tafeljura und der Jurafaltung erzählt. Er erfreute sich an einem Stück Juranagelfluh, das auf einer Waldstrasse lag, erklärte die versteinerte Welle des Zeiher Hombergs. Er dozierte vom Untergrund aus Muschelkalk, Dogger (eisenhaltiges braunes Juragestein) und Malm (weisser Kalk als oberste Schicht des Juras), je nachdem, wo man gerade war, erinnerte an das tropische Meer, den Bahamas nicht unähnlich, dessen Überreste (eine 500 bis 800 Meter mächtige Kalkschicht) uns noch erfreuen, allerdings ohne klimatisch wirksam zu sein. Und er beschrieb die ehemalige Grenze zwischen vorderösterreichischen und bernischen Untertanen in der blühenden Landschaft, die gerade den Nebel und den Regen trank. Er wies auf Lesesteinwälme und unter den bizarren Föhren auf der Ibergflue auf ein blühendes Mannsknabenkraut hin. Bei diesem Wetter! Unterwegs kamen wir an einer so genannten Spechtschmiede vorbei, einer Ansammlung von zerfledderten Tannzapfen auf der Waldstrasse, Zapfen, deren Inhalt von einem Specht zu Speisezwecken verwertet worden waren.

Auf dem Zeiher Homberg verpflegte man sich in einer gut eingeplanten Regenpause aus dem Rucksack, das Gewicht von hinten nach vorne verlagernd. Elli Keller-Filli rundete mein Waldfest (Cervelat, Brot und Senf) mit hausgemachten Butterbrezeln ab, ein Dessertfest. Der historisch versierte Gemeindeschreiber von Zeihen, Franz Wülser, der laut Keller "hier jeden Stein kennt", verteilte Panoramakarten und Prospekte über die nahe Umgebung. Er macht bei der Regionalorganisation www.dreiklang.ch mit, die sich für die Erhaltung der Eigenarten im Dreigestirn Aare – Jura – Rhein mit Geschick und auf sympathische, ja vorbildliche Art einsetzt.

Beim Abstieg via Chillholz Richtung Densbüren gab es waldbaulichen Anschauungsunterricht, der an die Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts erinnerte: Fichtenmonokulturen, gejätet und „gepflegt“, geeignet für Normstangenhölzer, die entrindet neben dem Weg aufgeschichtet waren. Holzplantagen. Daneben eine Aufforstung mit viereckigem Plastikschutz gegen Rehverbiss. Vorher hatte Keller gezeigt, wie eine Naturverjüngung von Waldbäumen aussieht: Die Jungbäume stehen so dicht, dass Rehe lichten müssen. Aber das geschieht eben nicht nach menschlichem Mass.

Der kritische Geist Kellers macht jede Exkursion lebendig, spannend, anregend. Er ist dabei, sein umfangreiches Wissen im Zusammenhang zwischen 2 Buchdeckel zu klemmen: „Bözberg West“. Dieses Werk erscheint in der Verlag Textatelier.com GmbH. Die öffentliche Vernissage findet am 1. Oktober 2005, 8.30 Uhr, bei der Linner Linde statt. Das Buch wird seine Spuren hinterlassen, wie alles, was in der Natur geschieht, mit oder ohne menschliches Zutun.

Im Falle des Bözberg-West-Werks wird dieses menschliche Zutun erheblich sein – und zweifellos günstige Auswirkungen haben.

*

Die nächste öffentliche Exkursion von Densbüren Breite (Postautohaltestelle) über die Ruine Urgiz, Oberzeihen, den Iberg nach Linn findet am Pfingstmontag, 16. Mai 2005, 08.00 Uhr statt (www.doracher.ch). Ende: 15.30 Uhr bei der Linner Linde (Postautohaltestelle). Lassen Sie sich diese Gelegenheit nicht entgehen! Bei jedem Wetter!

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