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BLOG vom 13.02.2018


Vergnügungen beim handschriftlichen Schreiben und bei Gedanken über Wolken

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland


Ich schreibe diesen Text zuerst mit der Hand auf ein paar kleine Notizblätter, bevor ich ihn am Computer ins Textprogramm übertrage.

Wann haben Sie zuletzt mehr als nur eine kleine Notiz ohne Zuhilfenahme eines elektronischen Gerätes geschrieben? Schon lange nicht mehr?

Ihre Schrift muss niemand anderes lesen können! Betrachten Sie sie einmal genau! Können Sie sie noch einordnen? Ist es noch die gute alte lateinische Ausgangsschrift (LA), die ich etwa 10 Jahre nach Kriegsende in der Schule gelernt habe? Ist es die Verkürzte Ausgangsschrift (VA), die später neben die LA kam? Oder ist es die Schulausgangsschrift (SAS), so wie nach 1989 die in der vormaligen DDR gebräuchliche Schreibschrift genannt wurde?

Sie wissen es nicht? Macht nichts! Wahrscheinlich hat sich Ihre kindliche Schreibweise entwickelt, es sind Druckbuchstaben eingeflossen, manche Buchstaben werden nur angedeutet, das u ähnlich wie das n.

Weshalb ich das erwähne? Nicht doch, Graphologie ist nicht mein Thema, deren Ergebnisse sind nicht wissenschaftlich verifizierbar. Handschriftliches Schreiben, etwa als Brief versandt, hat etwas mit Wertschätzung gegen über dem Empfänger zu tun, es ist persönlich. Handschriftliches Schreiben für einen selbst zwingt zur Entschleunigung. Der Schreiber konzentriert sich auf das, was er schreibt, intensiver und danach auf den nächsten Satz. Entschleunigung tut not in der heutigen Zeit und sollte ein Gegengewicht sein zu immer mehr Hektik und Hetze.

Erkennen Sie den Unterschied? Vor Ihnen liegt ein weisses unbeschriebenes Blatt Papier, das Ihre Gedanken aufnimmt, die Sie auf ihm ausbreiten, geschrieben mit dem Bleistift, einem Kugelschreiber, einem dünn schreibenden Fineliner oder gar mit einem Füllfederhalter.

Meine kleinen Notizzettel muss ich nummerieren, ich schreibe auf einem Stückchen Papier ohne Linien und stelle fest, dass ich diese nicht brauche, und auch ohne sie die etwa gleiche Höhe am rechten Papierrand erreiche. Der Zettel ist geduldig, kein Signal ertönt, weil zwischenzeitlich eine Mail eingetroffen ist, die der Empfänger mal eben kurz ansehen und lesen wollte.

Das weisse Papierchen ist begrenzt, ich bin gezwungen, es vom Block abzureissen, um auch die Rückseite zu beschreiben.

Das Thema im Das Buch der 100 Vergnügungen, in dem ich eben noch gelesen habe, zählt zwar nicht zu dem was ich gerade tue, aber das folgende Kapitel kommt meiner Intention doch schon nahe, wenn es heisst:

Einen Brief schreiben

An einem Schreibtisch ohne Computer sitzen, einen Füllfederhalter in der Hand und einen Bogen ihres Briefpapiers mit handgedrucktem Namenszug hervorzuholen, die ersten 2 Worte - Lieber Freund - hinzuschreiben und dann innezuhalten, ehe Sie die Tinte auf das Papier fliessen lassen mit der Erzählung ihrer jüngst vergangenen Taten und Sorgen, den Bogen dann zuammenzufalten, ihn in einen Umschlag zu stecken und die Adresse draufzuschreiben, eine Briefmarke auf den Umschlag zu kleben, ihn in einen Briefkasten zu stecken und sich dann vorzustellen, welche Freude ihr Brief machen wird, die ganz konkrete Freude am anderen Ende, wenn er mit den Händen geöffnet und gelesen wird - ah, ist das nicht wahre Glückseligkeit?

Überhaupt ein Grossteil dieser in dem Buch vorgestellten Vergnügungen hat etwas mit Entschleunigung, mit Abwendung von Eile und Hektik zu tun. Eine sinnvolle und wichtige Botschaft!

Es ist eben keine Zeitvergeudung, auch einmal unproduktive Dinge zu tun, nicht immer nur neue Impulse aufgreifen zu müssen, nicht immer alles danach zu beurteilen, ob es in irgendeiner Hinsicht zu einem (monetären) Wertezuwachs führt. Es kann nämlich gleichermassen wertvoll sein, Dinge zu tun, die zur Entspannung beitragen, zum Träumen anregen. Und ich meine dabei nicht nur das passive Fernsehen.

Ein anderes Kapitel in dem eben genannten Buch empfiehlt als eine Vergnügung Wolken zu beobachten. Es ist auch eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, die Assoziationen zu Tieren, Fabelwesen, Bergen und Gegenständen, nur für einen Augenblick, denn sie ziehen vorbei und verändern sich wieder, vereinigen sich mit anderen Wolken oder verschwinden.

Es ist seltsam, kaum richte ich einen Gedanken auf ein Buch, das ich lese, fallen mir andere Medien zu, die das Thema erweitern, ähnlich oder ganz anders sehen. Im Neuen Deutschland (ND) vom letzten Wochenende wird auf einer Seite das Buch von Klaus Reichert, Wolkendienst - Figuren des Flüchtigen des Anglisten und ehemaligen Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. rezensiert. Der Titel folgt nach dem ND dem Kunstkritiker John Ruskin, der im 19. Jahrhundert mit dem Begriff  service of clouds die moderne Landschaftsmalerei charakterisierte - und weiter:

Und das Erschauern just vor Wolken (Dunkel, Masse, Geschwindigkeit, Formenfülle, die Gemäldeangebote: das tizianisch Schamlose, das Aufgetürmte, das Alternde, das Wohlige, das Rastlose, das Geklumpte und Zerlumpte) - es ist ein Impuls für Furcht und Freude es führt von Verwunderung bis zur Bestürzung, wie es bei Petrarca heisst.

Wir sehen Wolken, notiert Reichert, sehen ihre Formen, die seit 1802 (von dem Meteorologen Luke Howard) einen Namen tragen, sehen ihre Gestalten, ‘von keinen Müttern geboren’ (William Turner), wissen von ihrer Zusammensetzung und ihrem aberwitzigen Gewicht. Es ist alles da, wenn du wieder hinschaust, ist nichts mehr da. - Manche Wolken freilich, ziehen so stolz über die Abgründe dahin, als wären sie zu ewiger Hoffnung verdammt.

Und so erfahre ich mehr über die Malerei und über Schriftsteller, und sogar über die, so Reichert, noch immer bestehende Korrespondenz zwischen unten und oben, wie sie am Anfang war.

Und das ND ergänzt: Zu erfahren etwa bei den Futterrüben. Die legen ihre starren Blätterstengel lang vor dem Gewitter in die Ackerfurchen, damit der Sturm sie nicht brechen kann. Lebenskunst, um nicht plötzlich aus allen Wolken zu fallen.

Ist das nicht herrlich? Die Vergnügungen in dem oben genannten Buch sind keinesfalls unnütz, purer Zeitvertreib, sie sind viel mehr. Sie führen zum Innehalten, zum Abschalten und zum Gedankenausflug ausserhalb des Tagesablaufs und sind gleichzeitig Anlass für neue Ideen, Erfahrungen und Impulse im Leben.

Quellen
Kieran Dan, Tom Hodgkinson (Hrsg.), Das Buch der hundert Vergnügungen, Rogner & Bernhard, Berlin, 2014
Neues Deutschland, Ausgabe vom 10./11. Februar 2018, Bereich Gesellschaft, Die Lehre der Futterrüben, Ein Wolkenbuch für die Flüchtigkeit. Von Hans-Dieter Schütt., S. 22

 


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