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BLOG vom 16.04.2005


Fundstücke: Zufälle vermehren die Sammlerfreuden

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsller, London

Ehe ich meine erste Reise nach Paris machte, war ich schon ein eingefleischter Sammler von Objekten aller Art. Das hatte einst harmlos mit Briefmarken begonnen.

So pilgerte ich erstmals zum sagenhaften Marché aux Puces“, dem Flohmarkt bei der „Porte de Clignancourt“. Ich ergatterte ein Paar Louis-Philippe-Kerzenständer und allerlei Stiche. Als ich die wunderschön geschnitzte Pendule sichtete, war mein Sparbatzen schon arg dezimiert, und ich musste weitergehen.

Bei einem Stand hatten 2 ältere Damen aus Kanada Schwierigkeiten, sich verständlich zu machen. Hilfreich sprang ich ein, denn es lag mir sehr daran, meine damals erst halbflüggen Englischkenntnisse zu üben. So gelang ihnen der Kauf, und der Händler stellte ihnen die erforderliche Quittung für den Zoll aus. Meiner unausgesprochenen Meinung nach hatten sie wirklich Ramsch teuer gekauft. So schlug ich ihnen vor, sich die Pendule anzusehen – ganz und gar ohne Hintergedanke, sondern ganz einfach, weil ich dachte, sie sollten wirklich ein gutes Stück erstehen . . . Die Pendule gefiel ihnen. So unterstützte ich sie sprachlich beim 2. Kauf. Als ich mich verabschieden wollte, reichten mir die guten Damen die Pendule zum Dank! Ich konnte dieses grosszügige Geschenk (Kostenpunkt: 40 anciens francs) nicht ausschlagen. Zuletzt knipsten sie noch ein Foto von mir, mit meinen Schätzen unter den Armen.

Oft sind es Zufälligkeiten, die am meisten Freude bereiten. Die Pendule tickt bis auf den heutigen Tag zuverlässig auf dem Kaminsims und klingelt sogar jede halbe Stunde. Einen Monat später öffnete ich den Briefumschlag aus Kanada und betrachtete zuerst das Foto, ehe ich den Begleitbrief las. Las ich richtig? So ein Zufall! Ausgerechnet die hübsche Monika aus Basel, die ich dank ihres Bruders von Ferne anhimmelte, hatte mich auf dem Foto erkannt, als sie bei den McDermots in Kanada auf Besuch war . . .

Von den vielen Zufällen, die sich seither auf meinen Pirschgängen nach Fundstücken eingestellt haben, erwähne ich diesen: Viel im Zug geschäftlich in Frankreich unterwegs, sichtete ich ein tolles Plakat, das an Bahnhöfen angeschlagen war. Auf tiefblauem Hintergrund schlief eine Schöne anmutsvoll – vom Text „une Nuit − EN VOITURE-LITS” – begleitet. Ich hatte damals einen kleinen Auftrag für die SNCF (die französische Staatsbahnen) zu erledigen. Ich lieferte meine Arbeit beim Hauptsitz ab, und als ich mich verabschiedete, fragte ich, ob ich mir dieses Plakat beschaffen könnte. In einem Schuppen beim „Gare du Nord“ seien alle SNCF Plakate eingelagert, erfuhr ich.

„Die Direktion hat mich an Sie verwiesen“, sprach ich den Plakatverwalter an und legte ihm mein Anliegen dar. „Servez-vous! Prenez tant que vous voulez“, lud er mich ein und wies mich in den Schuppen. Dort bediente ich mich eigentlich recht frech mit einem halben Dutzend Abzügen von diesem Plakat. Ich wollte dafür bezahlen. „Mais non, c’est gratuit“, winkte er ab. Ich musste ihm meinen Obolus beinahe aufdrängen: „Pour quelques bières au moins.“ 

Als Sammler ist man neugierig. Dieses Plakat wurde wohl vom bekanntesten französischen Plakatkünstler geschaffen. Villemot heisst er. „Eine Nacht im Schlafwagen“ hängt jetzt oberhalb des Bettes im Schlafzimmer und verspricht mir gute Nachtruhe. Einige der anderen habe ich im Auktionshaus „Christie’s“ in South Kensington versteigert, als ich etwas knapp bei Kasse war.

Was etwa dem Samstag-Flohmarkt auf dem Basler Petersplatz entspricht, sind die „Car Boot Sales“, die ebenfalls am Samstagmorgen auf dem Stadium bei Wimbledon stattfinden. Dort wühle ich fürs Leben gerne nach Fundstücken, sozusagen unter dem Mist versteckt. Man entdeckt immer wieder etwas, sogar Reinfälle . . . Schliesslich muss auch ich immer wieder Lehrgeld entrichten. Ausserdem macht es mir Spass, da und dort mit den Händlern zu spassen. Wir kennen einander inzwischen. Sie wissen, dass ich hart feilsche.

Meinen letzten „Car Boot“-Fund, wohl der beste (der letzte ist doch immer der beste), will ich dem Leser, der mir gleich der Sammellust frönt, nicht vorenthalten. Viel zerschlissene Leinwand in alten Rahmen lag gegen die hintere Stossstange eines Autos gelehnt. Dicht umdrängten Leute den „Haushaltsentrümpler“, wie er auspackte. Einige Billigdrucke lagen auf dem Boden kreuz und quer verstreut. Im letzten Augenblick konnte ich verhindern, dass ein Fuss das Bild zertrat. Wohl eine der vielen Reproduktionen der "Vogue"-Titel-Illustrationen dachte ich und hob das überraschend gut eingerahmte Bild auf und wischte den Staub vom Glas. Mein Herz begann zu klopfen. Es war echt und wahrlich ein Originalentwurf aus der Meisterhand von George Barbier, für „Vogue“ entworfen. Dieser Entwurf ist Entwurf geblieben und blieb unveröffentlicht.

Zu Hause ersetzte diese Trouvaille ein anderes Bild, denn die Dame des Hauses hat verfügt, dass schliesslich alles seine Grenzen habe. Nur der waschechte Sammler kennt keine!

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