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BLOG vom 24.05.2005


Der Tag, an dem Baschnongas nach Biberstein kamen

Autor: Walter Hess

 

Am 15. Oktober 2004 landete die folgende E-Mail im Textatelier.com-Briefkasten: „Von Ihrer Web-Präsentation angesprochen, füge ich einige meiner Texte als möglicher ‚Gastautor’ bei Ihnen bei.

 

Am besten bin ich wohl als Verfasser von Aphorismen bekannt (‚Schnipsel’, wie ich sie nenne). Sie werden jetzt von einer Reihe von Datenbanken aufgenommen. Sammelbändchen liegen vor (pendo-verlag Zürich). Der einstige ‚Blick durch die Wirtschaft’ der 'Frankfurter Zeitung' hat viele in der Spalte 'unten rechts' aufgenommen.

Ich bin Schweizer und lebe seit über 30 Jahren in London ..., aber schreibe noch immer in meiner angestammten Sprache.“ 

 

Ich las die beigefügten Kurzgeschichten „Das Mullah-Trio“ und „China im Anzug“ mit zunehmendem Vergnügen. Das Talent des Autors zum Schreiben, Fabulieren und zum eigenwilligen Philosophieren war offensichtlich. Ich mailte begeistert zurück, dass wir die Arbeiten mit Vergnügen unter der Rubrik „Glanzpunkte“ veröffentlichen würden. Anschliessend kamen von Zeit zu Zeit weitere köstliche Arbeiten hinzu. Und dann richteten wir zum Jahresende 2004 das Blogatelier ein. Emil Baschnonga wirkte mit Begeisterung als „unser Mann in London“ mit. Am 3. Januar 2005 erschien sein erstes Blog (Tagebuchblatt): „So sind sie, die Engländer … heute“. Da war ein grosses Thema in eine knappe, prägnante Form gebracht.

 

Und seither flattern alle 2, 3 oder 4 Tage aphoristische Feuilletons ins Blogatelier, die zeigen, dass sich der begabte Autor eigentlich weniger um die grosse Politik und königlichen Pomp als vielmehr um die Kleinode kümmert, denen er dank seiner ausgesprochenen Aufmerksamkeit ununterbrochen begegnet. Er reist aus beruflichen Gründen viel und weiträumig umher, liest Zeitungen, Bücher, ist der Kunst, insbesondere der Malerei (Art Deco), zugetan, spielt Geige, geniesst das Leben und denkt nach. Intensiv. Sein Denken ist eigenwillig, tiefgründig. Wir alle und zweifellos auch alle Blogatelier-Nutzer geniessen seinen eigenwilligen Stil, seine gleichzeitig kuriosen wie erfrischenden Gedankengänge und lernen daraus Lebensstil, Lebenskunst, verfeinern die Wahrnehmung.

 

Ich habe alle Baschnonga-Beiträge mehrmals gelesen und mir allmählich aus all den Mosaiksteinchen ein Bild über die Persönlichkeit Emil Baschnonga zusammengezimmert. Denn jeder Autor gibt viel von sich preis, ob er will oder nicht, und der Leser setzt sich aus all den Indizien ein Bild von ihm zusammen, das zunehmend an Tiefenschärfe gewinnt. Man wird mit dem Schreiber vertraut, kennt seine Welt, und es entsteht eine gewissermassen virtuelle Freundschaft und Verbundenheit. Man kennt sich. Zweifellos ist es das grösste Geschenk für jeden Schreiber, wenn möglichst viele Menschen am Geschriebenen Anteil nehmen.

 

Mein virtuelles Baschnonga-Bild sollte bald einmal durch eine persönliche Begegnung ergänzt beziehungsweise verfeinert werden. Er komme demnächst zusammen mit seiner Frau Leila („Lily“) in die Schweiz, insbesondere um seine hochbetagte Mutter in einem Basler Pflegeheim zu besuchen. (Wie er mir dann in Biberstein erzählte, war es ihm gelungen, ihr ein Lächeln zu entlocken: „Du bisch en Schööne“ sagte sie zu ihm. Er hatte das Gefühl, dass sie ihn noch kannte, dass ihr seine Nähe gut tat. Und umgekehrt sicher auch.)

 

Zu dem Besuch in Biberstein hatte ich das Paar verpflichtet und im Voraus gefragt, was seine Frau und er am liebsten essen würden. Nach etwelchen Ausweichmanövern erfuhr ich, dass es „Rösti“ sei, die beide über alles lieben. So kauften wir Charlotte-Kartoffeln und Frühlingszwiebeln aus der Bioproduktion, kochten die Knollen einen Tag im Voraus und bereiteten dann in einer alten Gusseisenpfanne auf dem Gasherd eine frische Rösti und zugleich ein Züri-Gschnätzlets zu, unseren Gästen und der Schweizer Küche die Ehre erweisend.

 

Die beiden Gäste trafen am frühen Samstagabend, 21. Mai 2005, in Biberstein ein. Die Regenwolken verzogen sich gerade und machten der Abendsonne Platz. Und es war tatsächlich, als ob wir uns schon mehrmals gesehen hätten. Genauso bedächtig und nachdenklich spricht er auch, dieser Emil, wie ich ihn seit dem 1. Glas Fendant zum Hobelkäse nun nennen darf. Jeder Satz hat Substanz, Gehalt. Und seine aus dem Iran stammende Frau ist die Liebenswürdigkeit in Person, ebenfalls voller Interessen und von unendlicher Geduld sowie Nachsicht, wenn sie manchmal unser schweizerdeutsches Geschwafel nicht verstand, auch als wir uns gerade über das Sprachensterben unterhielten. Die Einheitssprache Amerikanisch, auf die wir alle zusteuern müssen, hätte schon einige praktische Vorteile – doch der damit verbundene Kulturverlust wäre zu gross und nicht zu rechtfertigen. Da waren wir uns alle einig. Und so mischten wir denn Mundartliches mit Englischem und Französischem, wie es sich gerade ergab.

 

Wir erfuhren vieles über das Lebensumfeld von Lily und Emil, die in Wimbledon schon vor langer Zeit ihren festen Wohnsitz im eigenen Heim gefunden haben, das aus einer Garage in ein ehemaliges Brombeergestrüpp hineingewachsen ist. Die Brombeerranken zu entfernen war seinerzeit einem Gärtner zu mühselig gewesen. Also legte Emil selber Hand an, und das Haus konnte gebaut werden, wo früher einmal ein Tennisplatz (auf Asche) war; Wimbledon ist schliesslich ein Synonym für Tennis, wenn ich richtig informiert bin. Die beiden leben in der Nähe einer grünen Lunge und geniessen die Attraktionen, die ihnen die Grossstadt London gleich nebenan zu bieten hat.

 

Es war ein anregender, harmonischer Abend, eine unvergessliche Begegnung mit allen Attributen von menschlicher Nähe, von Wärme und Zuneigung. Aber eine Überraschung war dieser erstmalige persönliche Kontakt nicht. Denn wenn jemand genau das schreibt, was er ehrlich empfindet und was aus seinem Herzen kommt, dann ist das ein Spiegel seiner Persönlichkeit. Die Glaubwürdigkeit und die Identität werden gefestigt.

 

Emil versprach mir beim Abschiednehmen, noch viele weitere Blogs zu schreiben. Und das war neben dem Besuch dieser beiden Gäste das schönste Geschenk, das er uns allen machen konnte.

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