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BLOG vom 17.05.2005


Densbüren–Linn: Bei Linden, Eichen und Pimpernuss

Autor: Walter Hess

Die weissen, eine Spur rötlichen Blüten hingen traubig aus den fünf- oder siebenzählig gefiederten, gegenständig angeordneten Blättern heraus: Es war Pfingstmontag und die Zeit der Pimpernuss (Staphylea pinnata) – sowie der Zecken, die vor allem von den herumtollenden Hunden fleissig abgestreift wurden. Der Exkursionsleiter und Ökologe Heiner Keller, Oberzeihen, stellte gleich beim Start zur geführten Wanderung in der Nähe der alten Sägerei in Densbüren (Bezirk Aarau) einen blühenden Pimpernussstrauch vor. In der als Baudenkmal erhaltenen Sägerei waren einst Eisenbahnschwellen zurechtgeschnitten worden. In dieser verlorenen Welt an der Grenze zwischen Falten- und Tafeljura wachsen am Hang krumme Bäume, ein Zeichen dafür, dass der Boden noch immer in Bewegung ist; der Planet Erde wird nie eine endgültige Form gefunden haben. Der Boden besteht unterhalb des Dorfs Densbüren (Mundart: „Deischpere“) aus dem so genannten Hauptrogenstein, einem Kalkstein mit kleinen Kalkkörnern, die an Fischeier (Rogen) erinnern.

Die Grenzwanderung am Fusse der versteinerten Brandung führte zuerst einmal zur Ruine Urgiz hinauf, welche im 13. Jahrhundert von den Herznacher Herren gegründet wurde und Densbüren und Asp bewachte. Die Steinhaufen erinnerten den Historiker Charles Tschopp seinerzeit an Mayabauten. Im 2. Weltkrieg wurde in jenem Gebiet eine Tanksperre durchgezogen, um die Staffelegg im Griff zu haben. Doch im Umfeld der Ruine ist die Botanik heute interessanter als die strategische Bedeutung. Selbst die berühmte Pimpernuss hat sich bis dort hinauf vorgewagt, ebenso der Knoblauchhederich, das Schöllkraut, die Strauchwicke, die Straussblättrige Margerite, die Turmgänsekresse, Gamander, Majoran, Mehlbeere, Linden und Eichen. Der Waldmeister stand im Blütenschmuck dabei. Und ein Zaunkönigmännchen sang laut dazu; wer Vielweiberei betreibt, braucht ein gutes Stimmorgan, um sich Gehör zu verschaffen.

Heiner Keller praktizierte Naturkundeunterricht, wie man ihn sich wünscht. Beim Chäbertseggweg hielt er die Wanderkolonne an und lehrte, wie der Malm (kalkreicher Lehm) ähnliche Bedingungen wie in einem Riedgebiet schaffen kann. Dort gibt es einige Föhren, weil diese Trockenheit und Nässe ertragen (und nicht etwa weil sie trockenheitsliebend sind). Zwischen ihnen wachsen z. B. Faulbäume, Brustwurz, Wacholder. Bei einer nahen Magerwiese auf dem Sulzbann begeisterten sich Keller und die gut 2 Dutzend Teilnehmer beim Erteilen von Gräserkunde an der Aufrechten Trespe, einem Heugras, das breit ausladende Wurzeln hat und in den Zwischenräumen Platz für eine Blumenvielfalt wie Kugelblumen, Hufeisenklee und sogar Orchideen wie die Waldhyazinthe sowie die Spinn- und Fliegenragwurz freihält.

Das Mittagessen wurde auf dem Zeiher „Bergli“ dem Rucksack entnommen, dort oben, wo der unvergessliche Hans Bachmann seinerzeit während 30 Jahren entomologische Studien in Form nächtlicher Falterforschungen betrieben hatte. Er war ein Naturfreund und Kämpfer gegen den Militärschiessplatzlärm vom nahen Gefechtsschiessplatz Eichwald. Der aus Basel stammende Bachmann ist an seinen Aufgaben, die er sich selbst gestellt hatte, zerbrochen, wie seine an der Wanderung teilnehmende Tochter, Andrea Evans-Bachmann, die heute in Gränichen AG lebt, sagte; dennoch habe sich der Einsatz gelohnt.

Auf dem Bergli oberhalb von Oberzeihen gibt es auf einem Felsvorsprung einen dichten Teppich von Salomonssiegeln, die laut einer alten Volksweisheit Wunden versiegeln. Und so pilgerte man in bester Laune nach Oberzeihen hinunter, vorbei an 15 Mio. Jahre alten Glimmersandwänden, die der lokalgeschichtlich bewanderte Zeiher Gemeindeschreiber Franz Wülser beschrieb. Im feinen Sand befinden sich perlmuttartige, schillernde Plättchen (Tonerdesilikat). Dieser Sand ist ein Material, das noch heute zur Bodenlockerung eingesetzt wird.

Die Wanderung erfolgte in einem ausserordentlich dünn besiedelten Gebiet, weit unter dem Schweizer Durchschnitt. Und so begegneten wir während der knapp 7 Stunden gerade 2 Velofahrern und einer Walkerin. Die Gemeinde Zeihen (Bezirk Laufenburg) hatte zwar schon in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts ein Wachstum angestrebt; doch setzte es erst nach der Eröffnung der nahen Bözberg-Autobahn (A3, Basel–Zürich) 1996 ein. In der kleinen Gemeinde Linn gab es während 100 Jahren kein einziges Baugesuch; sie war im Schrumpfen begriffen, was die Einwohnerzahl anbelangt – nur die berühmte Linde konnte noch etwas zulegen. Vieles stellt sich ein, wenn die Umstände ändern, eine direkte Beeinflussung führt oft zu nichts, wenn das Umfeld nicht stimmt. Das zwingt einen Bezug zur Ökologie auf: Eine Artenerhaltung oder Artenförderung ist nur über die Schaffung oder das Vorhandensein des geeigneten Lebensraums möglich.

Während der Wanderung im Gebiet Honderen, Lochmatt, Iberg, Leumli und durchs Dorf Linn bis zur berühmten Linner Linde setzte allmählich Regen ein. Die Sicht wurde eingeschränkt. Keller behielt die gute Laune gleichwohl, nahm zum Konjunktiv Zuflucht und zeigte in den Nebel Richtung Bözberg: „Da wäre Landschaft angesagt, wenn man etwas sehen könnte, und dann würde man auch sehen, wie sich Zürich diesem Gebiet nähert.“

Heiner Keller schreibt gerade ein Buch über diese faszinierende Landschaft und ihre Menschen in der Mitte zwischen Basel und Zürich: „Bözberg West“ (es erscheint im Herbst 2005 in der Verlag Textatelier.com GmbH, CH-5023 Biberstein). Die Wanderung, vom Forum Doracher, Verein Pro Bözberg und der Verlag Textatelier.com GmbH organisiert, war gewissermassen ein Vorgeschmack auf jenes Buch, das viel verspricht und noch mehr halten wird. Man wird dann klarer sehen.

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