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BLOG vom 01.06.2005


Bözberg West: Das GPS wies den Weg zur Linner Linde

Autor: Heinz Scholz

Als ich kürzlich mit Heiner Keller, Walter Hess, Urs Walter und einigen anderen naturverbundenen Wanderfreunden von Densbüren AG über Oberzeihen nach Linn wanderte, war der Blick auf die 800 Jahre alte Linde in Linn getrübt. Es regnete, was die Wolken hergaben, und wir konnten die Linde kaum sehen, geschweige denn fotografieren (siehe Blog vom 17. Mai 2005: "DensbürenLinn: Bei Linden, Eichen und Pimpernuss").

Da ich diese berühmte Linde nochmals aufsuchen wollte, schlug ich meinem Wanderfreund und ehemaligen Arbeitskollegen Günter Ensslen vor, eine Wanderung zu dieser mächtigen Linde vorzubereiten. Dies tat er mit grossem Elan. Schliesslich hat er ein GPS-Gerät, das er seit 2 Jahren immer mit sich führt. Er arbeitet in einer stillen Stunde die jeweilige Wanderung aus und speichert die Route in seinem satellitengestützten Navigationsgerät. Mittels GPS (Global Positioning System) kann man überall auf der Welt eine schnelle Standortbestimmung mit einer Genauigkeit von mindestens plus oder minus 10 Metern erreichen (je mehr Daten von den Satelliten geliefert werden, umso genauer die Standortbestimmung). „Nun könnt ihr euch nicht mehr verlaufen“, meinte kürzlich ein Lörracher Wanderfreund. Dies stimmt. Voraussetzungen sind jedoch die richtige Eingabe der Streckenpunkte und der Satellitenkontakt. In engen Schluchten oder dichten Wäldern kann es schon einmal vorkommen, dass der Kontakt abbricht. Dann helfen nur noch die Karte und der Kompass.

Von Zeihen nach Linn und zurück

Am 27. Mai 2005 unternahmen wir bei schönstem Wetter und Temperaturen um 30 °C die Rundwanderung von Zeihen über Eichwald, Bächli, Leumli nach Linn, und dann ging es zurück über Gallenkirch nach Zeihen.

Zeihen wird in dem ausgezeichneten Landschaftsführer „Aare – Jura – Rhein“ (Verlag dreiklang.ch, ISBN: 3-9522624-0-4) als die „geografische Mitte zwischen Basel und Zürich“ bezeichnet. Der 900 Einwohner zählende Ort hat ein interessantes Dorfmuseum mit einer Fossiliensammlung, einer Wohnstube und einer Schulstube von anno dazumal. Wer das Museum aufsucht, wird überrascht sein, wenn er hier die ältesten Alphörner der Schweiz zu sehen bekommt.

In der Nähe von Zeihen lädt ein 1,5 km langer Naturlehrpfad mit 40 Orientierungstafeln über die einheimischen Baum- und Straucharten zum Erkunden ein. Wer sich für Orchideen interessiert, der kann auf 2 Wiesen (Bergli, Sommerhalde) 20 einheimische Orchideen studieren.

Linn und die Linner Linde

Kurz vor Leumli sah ich das Objekt meiner Begierde, die Linner Linde, von einer Anhöhe herübergrüssen. Kurz darauf erreichten wir Linn. Dieser Ort ist die kleinste politisch selbstständige Gemeinde im Aargau (125 Einwohner), und breitet sich auf dem Bözberg-Plateau (560 Meter ü. M.) am Übergang vom Ketten- zum Tafeljura aus. Und hier auf dem Plateau steht der prächtige Baumveteran, ein Naturdenkmal mit überdimensionaler Grösse. Ich war von diesem stattlichen Riesen mit einer Höhe von 22 Metern und einem Stammumfang von 11 Metern tief beeindruckt. 8 Erwachsene oder 12 Kinder sind nötig, um mit ausgestreckten Armen den Riesen vollständig zu umfassen.

Nach dem fleissigen Fotografieren setzten wir uns auf eine Bank unter der Linde, genossen die Ruhe und tankten Kraft für den Rückweg. Von hier aus hatten wir einen fantastischen Blick auf das Aaretal mit Brugg/Windisch und zum Schloss Habsburg. Leider konnten wir das Alpenpanorama nicht erblicken, da sich die Berge im fernen Dunst versteckten.

Linden Orte der Erholung

Als ich unter dem Baum weilte, kam mir die frühere Bedeutung der Linde in den Sinn. Die freistehenden Linden waren immer ein Ort der Erholung und Stille, aber auch ein Mittelpunkt des geselligen Lebens. Oft wurden unter der Linde getanzt und öffentliche Versammlungen, Beratungen und Gerichtsverhandlungen abgehalten. Sie war und ist ein Symbolbaum für Wärme und Geborgenheit. In frühen Zeiten pflanzte jeder frischgebackene Vater als Dank für den Nachwuchs einen Lindenbaum.

Unsere Vorfahren schätzten auch die Linde als „Heilbaum“. So wurde die Lindenholzkohle („Aktivkohle“) bei Blähungen und Gärungsdurchfällen benutzt. Berühmt ist der Lindenblütentee, der bei Husten, Katarrhen der Atemwege und bei fieberhaften Erkältungskrankheiten, bei denen eine Schwitzkur angebracht ist, zur Anwendung kommt. Ich kann mich noch gut an frühe Zeiten erinnern. Da mussten meine Geschwister und ich bei grippalen Infekten immer Lindenblütentee trinken. Dann wurden wir in eine Decke gewickelt und mussten so lange aushalten, bis der Schweiss in Strömen floss. Wollten wir allzu früh das für uns Kinder unangenehme feuchte Schwitzbett verlassen, erschallte der Ruf unserer Mutter: „ Liegen bleiben! Jetzt wird geschwitzt!“ Nun, was blieb uns anderes übrig, als bis zum bitteren Ende auszuharren. Aber hinterher verspürten wir eine Erleichterung.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine Beobachtung von Marlene Müller aus Ibach D anfügen. Die Kräuterfrau befasst sich schon seit einiger Zeit mit Baumheilkunde und Pflanzenmeditation. Immer, wenn sie mit ihren Gästen Kräuterwanderungen unternimmt, sagt sie: „Geht zu einem Baum oder Strauch, zu dem ihr euch hingezogen fühlt.“ Sie machte die Beobachtung, dass insbesondere unruhige und gehetzte Menschen Linden aufsuchen. Immer wieder schildern Menschen die Wirkungen der Linde so: „Wenn ich unter einem Lindenbaum sitze, kann ich wieder klar denken und verspüre schon nach kurzer Zeit eine beruhigende Wirkung.“

Das Naturdenkmal in Linn wird übrigens von Martin Erb, Baumpfleger aus Frick, 2- bis 3-mal im Jahr genauestens inspiziert. Er entfernt dann die von einem Schwächepilz befallenen Äste und setzt auch andere spezielle Verfahren zur Baumpflege ein.

Die Linde wurde nach mehreren Brandfällen (1863, 1908, 1979) 1979 gründlich saniert. Unter anderem wurden die Hohlräume des Baumes vorsorglich mit einem Maschendraht verschlossen.

Richtung Sagimülitäli

Von Linn gings weiter nach Gallenkirch. Hier bewunderten wir die figürlichen Eisenplastiken des einheimischen Spenglermeisters Karl Schär.

Etwa 1 km von Gallenkirch entfernt beginnt das wild-romantische Sagimülitäli. In diesem Tal stand früher eine Säge. Dank einer Projektänderung beim Autobahnbau (Verlagerung des Bözberg-Tunnels) konnte dieses Tal mit dem natürlich mäandrierenden Bach erhalten bleiben. Sehenswert sind die beiden Wasserfälle, ein Weiher und ein alter Steinbruch. Es sind einmalige Refugien für Tiere und Pionierpflanzen.

Nach einer 3-stündigen Wanderung erreichten wir wieder unseren Ausgangspunkt. Die Gegend ist in der Tat ein faszinierendes Erholungs-, Wander- und Bikerparadies. Es gibt viele einsame Fleckchen, sonnendurchflutete Trockenwiesen, schattige Mischwälder, schöne Aussichtspunkte und herrliche Orchideenwiesen. Es sind Orte und Landschaften, die man nicht mehr vergisst und wieder sehen möchte.

Buch "Bözberg West"

Noch eine Bemerkung zu Heiner Keller. Der in Oberzeihen wohnende Ökologe und Autor schreibt zurzeit ein Buch über diese einmalige Landschaft und ihre Menschen in der Mitte zwischen Basel und Zürich. Das Werk „Bözberg West“ erscheint im Herbst 2005 in der Verlag Textatelier.com GmbH, CH-5023 Biberstein. Eine grossartige Landschaft rund um die Linner Linde wird dann ein weiteres Denkmal erhalten, diesmal ein literarisches. 

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