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BLOG vom 27.12.2004


Glücksstreben, Glückwünsche und Lebenssinn

Autor: Walter Hess, Biberstein CH

Je mehr der Mensch nach Lust oder Glück jage, umso mehr verjage er sie. Das Glücksstreben (pursuit of happiness) sei aus dem Grunde zum Scheitern verurteilt, weil der Mensch einen Grund brauche, um glücklich zu sein. Dies habe ich am Cheminéefeuer in einem 1969 erschienenen Manuskript von Viktor E. Frankl gelesen. Frankls Referat ist im Buch „Hemmende Strukturen in der heutigen Industriegesellschaft“ verewigt; es war an einem Symposium des damaligen Gottlieb Duttweiler-Instituts für wirtschaftliche und soziale Studien in Rüschlikon ZH gehalten worden. Das Buch stammt aus einem Brockenhaus und wurde mir soeben aus dem Kreis der Familienangehörigen als Trouvaille zum Studium übergeben. Ich bin erstaunt, wie aktuell es geblieben ist.

Frankl, Professor für Neurologie und Psychiatrie an der Universität Wien, vertritt darin die Auffassung, Glück müsse sich von selbst, somit als Folgeerscheinung, einstellen.

Somit wäre also alles Glücksstreben sinnlos, illusorisch und falsch. Denn dabei würde der Mensch jeden Grund, glücklich zu sein, aus den Augen verlieren. Unbefangenheit und Unmittelbarkeit gingen verloren, und das bittere Ende wäre ein frustrierter Neurotiker, der unter einem Gefühl der Sinnlosigkeit leidet. Denn der Mensch sei ein „Wesen auf der Suche nach Sinn“, schreibt Frankl. Der Mensch brauche die Sinnorientierung.

In der Freizeitgesellschaft, wie sie sich inzwischen herausgebildet hat, ist die Sinnfindung in der Arbeit im Abnehmen begriffen. Da breitet sich so etwas wie eine permanente Sonntagsneurose aus: Das ist die Neurose der Menschen, die sich während der Woche in die Arbeit stürzen und dann während des freien Wochenendes mit ihrem existenziellen Vakuum konfrontiert werden. Arbeitslosigkeit und Pensionierungskrise können ähnliche Erscheinungen in einem noch verstärkten Masse hervorrufen. Deshalb lag der Herzchirurg Harvey Williams Cushing (1869−1939) wohl richtig, als er sagte: „Die einzige Möglichkeit, das Leben zu ertragen, besteht darin, eine Aufgabe zu erfüllen, die man erfüllen muss.“

Infolgedessen müsste man in diesen Zeiten des Glückwünsche-Austauschens den Menschen eigentlich Lebenssinn wünschen, damit sie auf diese Weise zu ihrer inneren Zufriedenheit und zu ihrem Glück finden, ohne dieses auf der Direttissima angestrebt zu haben.

Von der Schriftstellerin Lislott Pfaff in Liestal BL habe ich dieser Tage den folgenden Vierzeiler erhalten, der Martinus von Biberach (um 1500) zugeschrieben wird:

Ich leb und weiss nit, wie lang;
ich sterb und weiss nit, wann;

ich fahr und weiss nit, wohin,
mich wundert, dass ich fröhlich bin.

Martin Luther hat diesen Sinnspruch umgedreht:

Ich komm, weiss wohl, woher
Ich geh, weiss wohl, wohin.

Mich wundert,
dass ich traurig bin.

Vielleicht besteht im letzteren Fall einfach ein Mangel an Lebenssinn.

 

 
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