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BLOG vom 22.06.2005


Biberst-einst und jetzt: Relikte, Kuriositäten und Rätselformen

Autor: Walter Hess, Biberstein CH (Textatelier.com)

Als stolzes Mitglied der Ortsgeschichte-Kommission, welche die Buchwerdung der neuen Ortsgeschichte aus Anlass des 725-Jahre-Jubiläums der Gemeinde Biberstein zu begleiten hat, nahm ich dieser Tage an einem Orts- beziehungsweise Gemeinde-Rundgang teil. Die Kommissionsmitglieder wurden vom ehemaligen Gemeinderat (und Vermessungstechniker i. R.) Willy Mürset (1935) während etwa 3 Stunden durch die Landschaft innerhalb und ausserhalb des Baugebiets geführt, auch zu einigen lokalhistorischen Punkten. 

Der Umhergang wurde unterhalb des Schlosses Biberstein begonnen, wo der Dorfbach („Brusch“) reines Trinkwasser ununterbrochen durch einen Torbogen über eine bemooste Steilwand in einen kleinen Weiher wirft, der dann, teilweise als ausgedolter Bach, seinen überreichlichen Segen an die Aare abgibt, die dadurch an Reinheit gewinnt. 

Dort unten, auf Aarehöhe, wo Schlossbewohner gelegentlich mit Gartenabraum und anderen wertvollen Materialien hantieren, gibt es noch 2 Betonsockel, aus denen dahinrostende, senkrecht eingebaute Eisenbahnschienen eine Verbindung zwischen Ober- und Unterwelt herzustellen scheinen. Das waren früher wahrscheinlich Befestigungen für das über die Aare gespannte Seil, an dem die Fähre hin und her pendelte. Während des Zweiten Weltkriegs bauten Soldaten dann die einspurige Brücke mit den 2 kleinen Emporen für die Fussgänger neben der Fahrrinne. Dieser Flussübergang versieht seinen Dienst noch heute. Er bekommt gerade jetzt durch eine neue Brücke beim „Wissenbach“ im Rahmen des Staffeleggzubringerbaus eine massive Konkurrenz. 

Wir schwelgten in Erinnerungen, wie es unsere ortsgeschichtliche Aufgabe ist: Damals, in den frühen 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts, hatte Biberstein ungefähr 750 Einwohner, die laut Willy Mürsets Angaben über insgesamt 4 Autos verfügten. Und es gab 3 Läden – heute kann sich ausser dem sporadisch geöffneten Schlosslädeli kein Dorfladen mehr halten, obschon sich die Einwohnerzahl weit über die Tausendergrenze hinaus entwickelt hat; Terrassenhäuser überrollen ganze Hänge. Die Zirkulations- und Einkaufsmoden haben sich schon verändert. Genau so begann die Globalisierung mit ihrem inhärenten Zwang zu Grösse und Vereinheitlichung. 

Nahe beim Eingang ins Wohngebiet Buhalde stand früher der Leichenwagen, und das Pferd, das ihn zu ziehen hatte, musste laut Gottlieb Ott, ehemaliger Gemeindeammann und Werkmeister, jeweils Anlauf nehmen, um den Kirchberg zu erklimmen. Glücklicherweise waren die Menschen damals noch nicht so fett wie heute. Dort oben, auf Küttiger Boden, ist der Friedhof, der neue hinter Betonmauern, sozusagen ein Riesensarg ohne Bezug zur Landschaft. Neben dem Leichenwagen-Unterstand war das Schlachthaus, wo die Bauern ihre Tiere in Konsumfleisch verwandeln liessen. Das Fleisch wurde unter den Bauern aufgeteilt, eine gute Methode im Rahmen der regelmässigen Selbstversorgung. 

Wir spazierten, vorbei am Weiher, der früher eine Energiereserve war, durch das Buhalde-Dörfchen mit seinen heimeligen Normhäusern, deren Umgebung individuell abgewandelt worden ist. Wenn man dem Mergelsträsschen hangaufwärts folgt, kommt man auf einer Anhöhe an einem Haus vorbei, das seinerzeit vom „Putzfäden-Schmid“ aus Suhr erstellt und heute dem Schweizer Alpenclub als Unterkunft dient. In der Nähe gibt es illegal erstellte und durch politische Verfilzungen ermöglichte Bauten, die man leider nicht mehr los wurde und die eine schöne Aussichtslage mit hässlichen Zäunen nicht eben einladend gestalten, um es sehr zurückhaltend auszudrücken. 

Bis dort hinauf wurde früher Landwirtschaft getrieben, auch wenn die Gemeinde Biberstein vom „Plan Wahlen“ mit Ausnahme des flachen Gebiets im Schachen nicht erfasst wurde. Die Anbauschlacht war ohnehin permanent und diente dem Überleben, nicht nur in Kriegszeiten.

Weiter oben, in versteckten Waldlichtungen, machen Pflanzenraritäten wie das Weisse Waldvögelein, das Zweiblatt und andere Orchideen, denen man sonst nur noch in alten Büchern und Herbarien begegnet, alle Sünden wieder wett. Der Kölliker Fotograf Ruedi Hunziker strapazierte seine Kamera bis zum Äussersten. 

Willy Mürset machte uns auf 2 Hügel aufmerksam, die beide genau 527 m über Meer liegen. Wäre der Jura eine liegende Dame, wären das die Brüste. Wie konnten diese geologischen Formen entstehen, die so gar nicht zum Falten durch Zusammenschieben unter dem Druck der afrikanischen Kontinentalplatte passen wollen? Waren hier die Kelten am Werk – oder die alten Germanen beziehungsweise deren Volksstamm der Alamannen (Alemannen), die weiter unten, im Gebiet „Heidechile“, Gräber hinterliessen? Selbst der Lokalhistoriker Markus Widmer-Dean aus Menziken AG wusste da nicht mehr weiter. Er steht ohnehin alten Überlieferungen skeptisch gegenüber, weil ja nicht alles, was überliefert ist, genauso stattgefunden hat – einer schreibt dem anderen ab. Es durfte also gerätselt werden, so etwa im Stil Erich von Dänikens. Man darf sich dabei auch in den Bereich der Märchen verirren. 

Wir steuerten, sehr durstig geworden, dann dem Dorf zu, vorbei an besagter Heidechile. Dort waren inmitten einer Hecke bereits Stauden für das 1.-August-Feuer bereit. Kleintiere nisten sich ein und erleiden dann zu Ehren unserer Heimat den Flammentod. Alle Kommissionsmitglieder waren der Auffassung, dass das anzuprangern sei: „Schreib etwas darüber“, wurde ich aufgefordert. Ruedi Schläpfer: „Du bist der Ökologe.“ Das war zwar übertrieben; ich habe bloss Interesse an Naturzusammenhängen. Aber ich finde schon, dass sich da der Bibersteiner Gemeinderat eine ökologieverträglichere Lösung ausdenken sollte, die nicht zur Kremation wird. Falls er es nicht schon getan hat. Wir haben eine umweltbewusste Behörde. Man sollte ja wegen solcher Selbstverständlichkeiten nicht die Barrikaden erklimmen müssen. Und jetzt ist es auf jeden Fall niedergeschrieben. 

Im Schloss offerierte Urban Zehnder, Ausbildungsleiter und Kommissionsmitglied mit Sinn für die Historie, einen spritzigen jungen Riesling × Sylvaner aus der Eigenproduktion des Schlosses. Und es keimten noch verschiedene Erinnerungen an „Alt Biberstein“ auf, an eine liebenswerte, bescheidene Gemeinde mit ihren Höhen und Tiefen, ihren Menschen, Bauten, Strässchen, Gewässern und ihrer Natur: „Steil und mit viel Grün“, fasste Hunziker die Lage zusammen. 

Biberstein, mit seiner Geschichte und seinen Geschichten: So lagen (laut Willy Mürset) einmal unten an einem ausgetrockneten Bibersteiner Bachlauf in der Nähe der Ihegi einige Steine, wie es sich gehört. Geröll. Ein Knabe fragte seinen Vater beim Vorübergehen: „Woher kommen diese Steine?“ Der Vater: „Der Bach hat sie gebracht.“ „Aber wo ist denn der Bach?“ Der Vater wird nachdenklich und antwortete: „Er ging wieder den Hang hinauf, um neue Steine zu holen.“

So ist es eben in diesem steinreichen Biberstein, wo selbst die Bäche fleissig sind.

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